Mode im Garten

Der Bonsai liegt im Trend

Von Ina Sperl
 - 16:06
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Knorrige Wurzeln halten den Baum fest in der Erde. Der Stamm wächst schräg, neigt sich, als wäre er vom Wind gebeugt. Die Borke ist zum Teil aufgesprungen und gibt das Holz frei. Die Nadeln bilden luftige Kissen. Wenn sie im Winter abfallen, kommt die Struktur zum Vorschein: feine, malerisch geformte Zweige. 80 Jahre ist diese charaktervolle Lärche alt und kaum einen Meter hoch. Stünde sie in der freien Natur, würde sie wegen ihrer Schönheit auffallen. Doch dieser Baum lebt in einer Schale. Ein Bonsai.

Wer einen Blick für Pflanzen hat, kann kaum anders, als die Lärche zu bestaunen. Die Rinde zu betrachten, die Form der Zweige, die Nadeln, die unten auf dem Moos liegen. Das tote Holz, das seitlich herausragt und mal ein Ast war. Im Wald würde man so etwas erwarten, nur in anderen Dimensionen. Immerhin kann eine Lärche 30 Meter hoch werden. Wurzelschnitt und behutsames Zurücknehmen der Krone über Jahrzehnte haben dieses Bäumchen in einer Schale von wenigen Zentimetern Tiefe gedeihen lassen.

Der Bonsai ist ein kleines Abbild der Natur. Er ist stilisiert, ein Kunstwerk, das aber die Natürlichkeit bewahrt. Totes Holz oder auch einige trockene Nadeln gehören zum perfekten Bild dazu – sie zeigen, dass der Baum lebt. Diese Kunst der Pflanzengestaltung kommt aus Japan, wörtlich übersetzt heißt Bonsai „Baum in einer Schale“. Entstanden ist sie aber in China, wo seit dem sechsten Jahrhundert Pflanzen, sogar kleine Landschaften, in flachen Töpfen arrangiert wurden. In Japan wurde sie später weiterentwickelt, der Schwerpunkt auf einzelne Bäume gelegt. Zunächst Mönchen, dann der Oberschicht vorbehalten, ist Bonsai seit dem 19. Jahrhundert ein weitverbreitetes Hobby. Die Namen der Gestalter sind bekannt in Japan, Künstler wie Masahiko Kimura oder Shinji Suzuki Stars der Szene. Ihre Gärten – sorgfältig arrangierte Töpfe auf Tischen – sind Pilgerort von Bonsai-Interessierten aus aller Welt.

In Westdeutschland werden seit etwa 40 Jahren Bonsai gezogen, im Osten schon etwas länger aufgrund der engen Verbindung der DDR zu ihren asiatischen Bruderstaaten. In Düsseldorf gibt es mittlerweile ein kleines Museum, in dem Bäume wie die alte Lärche unter freiem Himmel ausgestellt sind. Koreanische Hainbuchen, Feldulmen und Ahorne sind hier zu finden, auch Wacholder und Wildapfelbäume – alle im Kleinformat, viele kaum mehr als einen halben Meter hoch.

Sie stehen allein oder als kleine Gruppen im Topf, haben einen geraden oder geschwungenen Stamm. Manche sind das winzige Abbild eines ausgewachsenen Baums, andere haben bizarre Formen, etwa die langen, dünnen „Literaten“, oder die „Kaskaden“, bei denen Bäumchen über den Rand des Pflanzgefäßes hängen. In der japanischen Gestaltung trägt jede dieser Formen einen eigenen Namen.

Obwohl sie klein sind, sieht man den Bäumen ihr Alter an. Die meisten leben schon 40, 50 Jahre in der Schale, und je älter sie sind, desto wertvoller werden sie. Mit den Pflänzchen aus dem Gartencenter, die oft unter dem Label „Bonsai“ angeboten werden, haben sie kaum etwas gemeinsam. Wo dort meist schnell gekappt und wenig auf Entwicklungspotential geachtet wird, haben diese Bonsai über Jahrzehnte hinweg Zuwendung der Gärtner erfahren. Das macht sie so wertvoll, mehrere tausend Euro für einen Baum sind keine Seltenheit.

„Bonsai ist eine Lebensart“, sagt Bastian Busch, dessen Vater Werner Busch einer der Pioniere der deutschen Szene ist und heute neben seiner Werkstatt das Bonsai-Museum betreibt. „Um einen Bonsai muss man sich täglich kümmern.“ Denn es sind keine Pflanzen, die man im Sommerurlaub getrost den Nachbarn überlassen kann. Viel Wissen und Fingerspitzengefühl sind nötig, um einen uralten Baum in einer flachen Schale so zu pflegen, dass es ihm gutgeht. Allein das Gießen ist eine Kunst für sich, in Japan ist ihr die erste Hälfte der Ausbildung zum Bonsai-Gestalter, die sechs bis sieben Jahre dauert, gewidmet.

Einen Bonsai zu ziehen ist gewissermaßen auch eine spirituelle Übung, eine Übung in Langsamkeit und ein Schulen der Wahrnehmung. Denn er braucht Zeit, der Mensch viel Geduld. Möglich, dass es genau deshalb derzeit ein großes Interesse an den kleinen Pflanzen gibt – auch von jüngeren Menschen, wie Bastian Busch beobachtet. Ursache mag die Sehnsucht nach einem ruhigen Gegenpol sein oder nach dem, was derzeit unter Entschleunigung verstanden wird. Ein Bonsai erfordert große, ungeteilte Aufmerksamkeit, ein Vertiefen.

„Man muss Bäume verstehen, erkennen können, warum es ihnen nicht gutgeht“, sagt Rolf Handsley, Bonsai-Gärtner aus Köln. Dazu braucht es Erfahrung, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen. Handsley beschäftigte sich seit vielen Jahren mit dieser Kunst, ehe er selbst entschleunigte und, nach Jahren in der Filmbranche, das Hobby zum Beruf machte. „Bildhauerei am lebenden Objekt“, nennt Handsley es. Abgesehen von gärtnerischen Kenntnissen ist handwerkliches Geschick gefragt, etwa um den Baum in der Schale zu fixieren. Für die Bonsai-Pflege gibt es eigenes Werkzeug, Scheren für Blätter und Zweige, Zangen zum Biegen von Draht – mit ihm werden Zweige in Form gebogen, bis sie verholzen. Ganz entscheidend ist ein künstlerischer Blick für Ausgewogenheit und das Vorstellungsvermögen, wie sich ein Baum entwickelt.

Handsley hat für jeden seiner Bonsai ein kleines Konzept, das er über Jahre hinweg verfolgt. Das kann bedeuten, dass ein großer Ast entfernt werden muss, damit er nicht irgendwann zu mächtig wird und die Harmonie aus dem Gleichgewicht bringt. An seiner Stelle wird ein kleiner Zweig nachgezogen. Bis er den Ast ersetzt, können aber Jahre vergehen. Durch den richtigen Schnitt, den Aufbau einer fein verzweigten Krone sowie den richtigen Düngezeitpunkt wird auch erreicht, dass das Laub klein bleibt. Koreanische Hainbuchen und Ulmen haben ohnehin feine Blätter, aber auch Ahorn- und Apfellaub lassen sich zum Beispiel auf diese Weise in Miniaturform bringen. Alle paar Jahre verträgt ein Baum auch einen Blattschnitt, nach dem die neu austreibenden Blättchen noch kleiner bleiben. Da dies die Pflanze stresst, wird so etwas meist nur vor Ausstellungen gemacht.

Nach welchen Regeln ein Baum gestaltet wird, hängt eng mit der eigenen Sichtweise zusammen. Rolf Handsley sieht selbst in einer struppigen kleinen Eibe Wert und Potential, denn für ihn zeigt sie Charakter. Europäer gestalten generell natürlichere Formen, erlauben geschlossene Baumkronen ohne Wolkenschnitt, aber meist auch mehr Dramatik als asiatische Gestalter. Dafür bricht Masahiku Kimura wiederum mit Konventionen, indem er Bäume in beinahe unmögliche Gestalt bringt.

Jede Pflanze, die verholzt, kann zu einem Bonsai herangezogen werden, auch Efeu, Thymian oder Blauregen. Sind sie in unseren Breiten heimisch, gehören sie ins Freie. „Indoor-Bonsai“ sind nichts anderes als Pflanzen aus anderen Klimazonen, die bei uns nur drinnen überleben können: Ficus, Jadebaum oder Schnurbaum. Damit sie gedeihen, werden die Pflanzen über Jahre hinweg an immer weniger Erde gewöhnt, in immer flachere Gefäße gesetzt. Manchmal findet sich so etwas aber auch in der freien Natur, in den Bergen, wo zwischen den Steinen wenig Erde ist. Yamadori heißen solche Findlinge im Japanischen, die ein zweites Leben im Topf erhalten.

Die Schale ist untrennbar mit dem Baum verbunden, durch sie wird er zum Kunstwerk. Vielerlei Formen und Farben gibt es. In der japanischen Tradition werden Nadelbäume meist in unglasierte, Laubbäume in glasierte Töpfe gesetzt – die Glasur so ausgewählt, dass sie zur Blüte passt. Patina ist hier ebenso erlaubt, genau wie totes Holz oder fallende Nadeln am Baum. In der japanischen Wahrnehmung von Schönheit spielt das Unperfekte mit: das Konzept Wabi Sabi erlaubt kleine Unregelmäßigkeiten, Spuren von Alter – erst durch sie entsteht ein wirklich harmonisches Bild.

Den kleinen Bäumen in der Schale geht es, so weit Gärtner es beurteilen können, gut. Sie haben alles, was sie zum Leben brauchen – vorausgesetzt, der Mensch ist da zum Gießen, Düngen und Schneiden. Bonsai ist eine große Verantwortung. Wird die Pflanze sich selbst überlassen, kann sie kaum überleben. Daher geben Bonsaigärtner, die sich nicht mehr kümmern können, ihre Pfleglinge in gute Hände. Sollte sich irgendwann niemand mehr finden, der sich um so eine Miniaturlärche kümmern will, kann aber der Natur auch wieder freier Lauf gelassen werden. Wird sie in den Erdboden gepflanzt, bildet sie neue Wurzeln und wächst in die Höhe. Wie ihre Artgenossen im Wald.

Quelle: F.A.S.
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