Grüne Urlaubsvertretung

Garten-Sitter gesucht

Von Christa Hasselhorst
 - 11:05

Urlaubszeit, Entspannungszeit. Aber nicht für Besitzer von Gärten, Terrassen und Balkonen. Denn wer, bitte, kümmert sich in der Abwesenheit um die kostbaren grünen Schätze? „Unser Gärtner natürlich“, sagt mit nonchalantem Lächeln die Upperclass. Wer nicht so begütert ist, dass er sich einen Gärtner leisten kann, der hat ein Problem. Ein großes Problem. Freunde fragt man äußerst ungern, man will die Freundschaft doch nicht belasten mit so mühseligen Arbeiten. Bleiben die Nachbarn, vorausgesetzt, man hat nette, die sich in den Ferien des Gartens annehmen. Egal, ob Freunde oder Nachbarn, beide Varianten enden zu 90 Prozent in der Katastrophe – nicht nur für den Garten. Mit der harmlosen Bitte um den kleinen Liebesdienst „Könntest du gelegentlich mal im Garten nach dem Rechten schauen?“ enden zuweilen jahrzehntelange, wundervolle Freundschaften in tiefstem Groll. Und auch mit der oft so harmonischen Nachbarschaft kann es abrupt vorbei sein.

Denn es gibt zwei Kategorien von Garten-Sittern, beide sind schrecklich. Kategorie Nummer eins: „Aber gerne“, sagt die Nachbarin von rechts nebenan, selbst Gartenbesitzerin, „gar kein Thema.“ Kurze Einweisung, welche Pflanzen Wasserschlürfer sind, und da drüben, das Staudenbeet in voller Sonne, bitte besonders päppeln. Zwei Wochen später kehrt man zurück, und es trifft einen der Schlag. Alles welkt vor sich hin, sieht miserabel aus, der Rittersporn total vertrocknet, die Hortensien schlappe Schrumpel-Kugeln. Die Erholung ist bei diesem Anblick in Nullkommanichts futsch. Die Nachbarin, die man doch eigentlich für erfahren und mit einem akzeptablen Intelligenzquotienten ausgestattet hielt, winkt fröhlich über den Zaun: „Na, alles o. k.?!“ Man ist fassungslos: Die hat doch selbst einen Garten, wurde sie denn von allen guten Geistern verlassen? Wenn Pflanzen schreien könnten – was leider noch nicht der Fall ist –, wäre der Vertrocknungs-Gau nicht passiert. So aber wurde offensichtlich nicht mit Gießkanne oder Schlauch, sondern mit der Pipette gegossen. Mit grimmigem Lächeln und dem schlechtesten Wein aus der hintersten Ecke muss man sich auch noch bedanken! Die? Nie wieder!

Im nächsten Sommer wird der Nachbar von links riskiert. Kategorie Nummer zwei: Er hat alles zu Tode gegossen, die Pflanzen faulen vor sich, haben Mehltau und jede Menge Schädlinge. Von den Schnecken-Scharen im zu feuchten Erdreich gar nicht zu reden. Der Nachbar lächelt verdruckst, setzt seine Unschuldsmiene auf, sagt dreist: „Weiß auch nicht so recht, ich glaube, ich habe es ein wenig übertrieben?“ Und nun? Automatische Bewässerungssysteme kaufen und durch den ganzen Garten legen? Sieht blöd aus! Und wenn die Leitungen verstopfen, undicht sind, die Schaltuhr ausfällt? Viel zu waghalsig, sich darauf zu verlassen!

Lieber Zuhause bleiben!

Die Lösung: Man verreist einfach im Sommer gar nicht! Es gibt Hardcore-Gartenliebhaber, die verkünden fast empört: „Wir können doch unseren Garten im Sommer nicht alleinelassen!“ Wegen – siehe oben. Aus schlechter Erfahrung mit „guten Nachbarn“ haben sie gelernt. Wobei sich bei pathologischen Pflanzen-Liebhabern die Periode des „Sommers“ von März bis Oktober ausdehnt. Denn im März ergötzen sie sich an ersten Schneeglöckchen und Krokussen. Dann folgen Myriaden von Lerchensporn, danach geht die Pracht von Narzissen, Tulpen und Zierlauch los. Die Rhododendronblüte ist ein kurzer, betörender Rausch, muss man doch genießen. Im Mai können sie nicht auf Duft und Schönheit von Maiglöckchen und Flieder verzichten, danach wird stolz die opulente Pfingstrosen-Kollektion präsentiert. Im Juni? Blühen die Rosen! Die kapriziösen Schönheiten kann man keinesfalls fremden, womöglich unbedarften Händen überlassen. Vielleicht lassen sich, eventuell, einige Tage Anfang Juli für einen Kurzurlaub abknapsen. Aber dann kommt schon der grandiose Phlox, gefolgt vom Dahlien-Feuerwerk, und, ach, die Ball-Saison der Hortensien darf auf keinen Fall verpasst werden. Und die kostbaren Gehölze mit spektakulärer Herbstfärbung wollen schließlich auch bewundert werden.

Ferien im eigenen Garten – ökologisch, umweltfreundlich, preiswert, ungemein entspannend und die sozialen Kontakte schonend. In Abwandlung von Voltaires „Candide“: „Wir müssen in unserem Garten bleiben!“

Quelle: F.A.S.
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