Das Konzept der Gartenschau

Mehr als nur Blümchen für einen Sommer

Von Ina Sperl
 - 08:10
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Schwungvoll steigt die Seilbahn nach oben, schwebt über das Flüsschen Wuhle auf den Kienberg zu. Der Blick öffnet sich weit auf Marzahn-Hellersdorf, auf Plattenbauten und adrette Einfamilienhäuser am Park. Nach einem Stopp auf dem Berg senkt sich die Bahn sanft talwärts, über ein Wiesenmeer hinweg in Richtung Gärten der Welt. Diese Fahrt konnten Besucher den Sommer über genießen, aber auch in den kommenden Jahren wird das möglich sein. Die Bahn, für die Internationale Gartenschau (Iga) in Berlin gebaut, soll erhalten bleiben – zumindest für drei Jahre. Rentiert sie sich, dann auch langfristig.

Viel hatte man sich versprochen von der Iga im Osten der Hauptstadt, vor allem einen regen Zulauf an Besuchern. Ob es am Wetter lag, an zu vielen anderen Events, die gleichzeitig stattfanden – die Verantwortlichen betreiben derzeit noch Ursachenforschung –, die Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Anstatt der erhofften zwei Millionen Besucher wurden nur 1,6 Millionen gezählt, damit fehlen Eintrittsgelder, und die Stadt bleibt auf einem satten Defizit von mehr als zehnMillionen Euro sitzen. Schlimmer war es bisher nur in Hamburg 2013, als die Internationale Gartenschau ein Minus von 37 Millionen brachte, und in der Havelregion 2015, wo am Schluss zwölf Millionen fehlten.

Nimmt das Interesse an bundesweiten Gartenschauen ab? Besucherzahlen lassen diesen Schluss zu, seit Jahrzehnten verzeichnen die Veranstalter einen Rückgang. Beinahe ungläubig schaut man heute auf die Zahlen in der Geschichte: Acht Millionen Besucher sollen es 1975 in Mannheim gewesen sein, sogar elf Millionen 1983 in München. Hoffnungsvoll war 1951 die erste Bundesgartenschau (Buga) in Hannover gestartet. Es gab viel zu tun nach dem Krieg, Städte mussten wieder aufgebaut, Grünflächen restauriert oder neu geschaffen werden. Die Schau diente als gutes Mittel zum Zweck. Zur nächsten, einer internationalen 1953 in Hamburg, kamen schon fünf Millionen Besucher. In Kassel, 1955, wurde das Event zur Initialzündung für die Documenta, die eigentlich als Begleitprogramm gedacht war. Bis in die achtziger Jahre hinein waren die Gartenschauen Selbstläufer. Dann nahm das Interesse, gemessen an den Besucherzahlen, allmählich ab. Gut möglich, dass es an der Konkurrenz lag: In dieser Zeit kamen Landesgartenschauen zu den alle zwei Jahre stattfindenden Bundesgartenschauen hinzu, was möglicherweise auch Publikum abzog.

Die Buga in Koblenz 2011 zählt mit 3,56 Millionen Besuchern zu den erfolgreichsten Schauen der vergangenen Jahre. Zur dezentralen Veranstaltung an der Havel kamen gerade mal eine Million Besucher. Angesichts solcher Zahlen ist Kritik schnell zur Hand: Zu viel koste die Schau, die zudem eine reine Werbeveranstaltung für die grüne Branche sei, zu groß falle das Defizit für die Städte aus. Lohnt der Aufwand überhaupt?

Das zu beurteilen ist nicht einfach. Denn der Begriff „Gartenschau“ führt in die Irre. Zwar gibt es immer auch Staudenbeete, Rosen- oder Dahlienausstellungen und Blumenhallen. Doch sind sie eher das Sahnehäubchen auf einem großen Kuchen, einem städteplanerischen Großprojekt. Das mehrmonatige Festival, das die Besucher locken soll, ist nur der öffentlichkeitswirksame Teil eines Gesamtkonzepts. Daher lässt sich eine Buga kaum mit der Londoner Chelsea Flower Show oder dem französischen Festival International des Jardins in Chaumont-sur-Loire vergleichen. Während die Letzteren den State of the Art der Gartenkunst zeigen, temporär und jedes Jahr aufs Neue, geht es bei den deutschen Schauen um Beiwerk zu etwas Langfristigem. Besucherzahlen sind messbar und daher ein gerne zitiertes Mittel, um den Erfolg oder Misserfolg zu beziffern. Schaut man auf das Großprojekt, mag das Gelingen allerdings in einem ganz anderen Bereich liegen: in der langfristigen Nutzung des neugestalteten Geländes. Und die zeigt sich womöglich erst nach Jahren bis Jahrzehnten.

Erfolgreiche Beispiele kennt Gartenschauexperte Karl Ludwig, der bis vor kurzem als Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen Landschaftsarchitektur gelehrt hat. „Der Nordsternpark in Gelsenkirchen entstand 1997 durch die Umgestaltung eines Industrieareals“, sagt Ludwig. Heute werde er gut genutzt. Auch das Flughafengelände in München-Riem wurde 2005 durch eine Buga zum Park. Bei den Landesgartenschauen ist ihm Schwäbisch Gmünd von 2014 als spektakuläres Beispiel in Erinnerung. Dort wurde im Zuge der Schau endlich die Verkehrsführung neu organisiert, was lange geplant war. „Die Landesgartenschau ist eher eine Infrastrukturmaßnahme als eine Schau“, definiert Ludwig die Veranstaltung. „Es geht nicht um temporäre Blümchen.“ Das erklärt, warum solche Großveranstaltungen aus Sicht der Kommunen nach wie vor höchst interessant sind, immerhin gibt es einen Landeszuschuss. Ludwig ordnet die finanziellen Dimensionen ein: „Ein Kilometer Autobahn kostet je nach Aufwand zwei bis zehn Millionen Euro, eine Landesgartenschau in Baden-Württemberg 7,5 Millionen Euro.“

Doch wie will man messen, ob sich so eine Investition gelohnt hat, ob sie nachhaltig ist? Was sind die Kriterien für einen bewertbaren Erfolg? Diese Frage treibt auch die Deutsche Bundesgartenbau-Gesellschaft (DBG) um, die die Schauen vergibt. Derzeit wird eine Matrix erarbeitet, nach der eine Buga oder Iga bewertbar werden soll – von der Vorphase, in der vor allem kommuniziert wird, über die Planung und Durchführung bis zur Dauernutzung und damit dem Hauptnutzen für die Kommunen. Im Frühjahr soll das Papier verabschiedet werden.

Die „Schau“ also, die so häufig in der Kritik steht, ist nur ein kleiner Teil des Gesamtprojekts. Doch kein unbedeutender: „Das Festival ist wichtig, um Identifikation und Teilhabe zu schaffen“, sagt DBG-Geschäftsführer Jochen Sandner. Natürlich trägt es auch zur Finanzierung bei: „Je erfolgreicher, desto kleiner ist der städtische Zuschuss.“ Die hohen Defizite der vergangenen Jahre sieht Sandner zum Teil als hausgemacht. „Städte gehen heute davon aus, dass sie zehn Millionen zuschießen müssen. Dann haben sie keinen Puffer. Ich würde immer eine Größenordnung von 20 Millionen Euro veranschlagen.“ Jede Stadt, die sich um eine Gartenschau bewerbe, erstelle eine Machbarkeitsstudie. „Da darf nicht zu optimistisch gerechnet werden.“ Generell täten sich Metropolen schwerer, Publikum anzuziehen, da dort die Konkurrenz an Veranstaltungen groß sei – so viel lässt sich angesichts der Zugkraft der Schauen in Hamburg und Berlin sagen.

Viel verspricht sich die DBG von der nächsten Bundesgartenschau in Heilbronn, einer kleinen Großstadt. Dort sei die Identifikation schon sehr hoch, die Schau werde das zentrale Ereignis sein und nicht eines unter vielen. Möglich aber auch, dass die Gartenschau an ihrem Image krankt. Denn in der öffentlichen Wahrnehmung ist sie eine Veranstaltung, die vor allem Senioren anzieht. Das tatsächliche Durchschnittsalter in Berlin soll laut Veranstalter zwar bei „knapp unter 50“ gelegen haben: Etwa die Hälfte der Besucher waren 65 plus, die andere Hälfte Familien mit Kindern. Doch in einem Land, wo das Interesse an Gartenthemen gar nicht so klein ist, täte dem Festival vielleicht ein bisschen mehr Glamour gut. Eine gute Portion Chelsea oder Chaumont könnte nicht schaden. Vor allem aber ein stärkerer Fokus auf die Gartenkultur. Das würde vielleicht auch Besucher anziehen, die sonst eher in Museen oder Theatern unterwegs sind.

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Die Gartenkultur hat eine lange Tradition in Deutschland, mit Gärtner und Pflanzenzüchter Karl Foerster als historischer Prominenz oder, eher den Wissenschaftlern bekannt, Richard Hansen, der die Lebensbereiche der Stauden erforschte und damit neue Impulse für die Gestaltung von Pflanzungen gab. Wenn diese Kultur nicht auf einer Iga oder Buga vorangetrieben werden kann, wo dann? Dass das geht, zeigt ein Blick in die Geschichte: Die Steppenheide-Pflanzungen von Rosemarie Weisse im Münchener Westpark 1983 blieben über Jahre bestehen, da sie kaum Pflege brauchten und daher wenig kosteten. Sie fanden internationale Beachtung und gaben einen Anstoß für das New Perennial Movement beziehungsweise den New German Style, der sich durch eine wissenschaftlich fundierte, ästhetisch ansprechende Verwendung von Stauden auszeichnet.

Bei der IGA Berlin gab es gute Beispiele für die derzeitige Gartenkunst, etwa die Stauden- und Gräserpflanzungen von Petra Pelz und Ingrid Gock. Interessante Ansätze kamen von internationalen Designern: Im Britischen Gartenkabinett zeigte Tom Stuart-Smith, wie aus Saatgut auf einer Brache – und einigen gepflanzten Gehölzen – ein Garten entstehen kann. Eine neuartige, mutige Herangehensweise, bei der der Zufall mitspielt. Die Chilenin Teresa Moller veränderte ebenfalls den Blick auf das, was ein Garten sein kann, nämlich eine ganz einfache Gestaltung aus Gehölzen und Marmorplatten, in der sich sowohl Mensch als auch Pflanze frei bewegen können. Gartenkultur wird also sehr wohl vorangetrieben bei so einer Schau. Nur geht das unter im ganzen Trubel und könnte viel stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt werden.

Derzeit wird das 100 Hektar große Iga-Gelände in Berlin umgebaut. Was bleibt, sind nicht nur die „Gärten der Welt“, die schon vor der Schau da waren. Es bleibt auch der neugestaltete Kienbergpark mit dem Aussichtsturm „Wolkenhain“, von März an soll er wieder öffentlich zugänglich sein. Die Seilbahn fährt ab Dezember wieder. Wie die Berliner und Besucher der Stadt aber das Gelände annehmen, muss sich noch zeigen.

Quelle: F.A.S.
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