Anzeige

Gartenpflege

Immer Arbeit mit dem Rasen

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel
 - 14:12
Rasen erleichtert die Gartenarbeit nicht zwangsläufig... Bild: dpa, F.A.S.

Natur ist so unbequem. Der Rasen ist hart, uneben und feucht und zudem wimmelt es von grässlichen schwarzen Insekten.“ Der 1900 gestorbene irische Autor Oskar Wilde konnte der Entspannung auf gepflegten Grün offensichtlich nicht viel abgewinnen. Heute würde ihm da – zumindest hierzulande – wohl kaum jemand zustimmen. Wer einen Garten hat, der hat fast immer auch ein Grasstück, und auch der öffentliche Raum ist ohne Wiesen- und Rasenflächen nicht mehr denkbar.

Anzeige

Bis zu 140.000 Menschen sollen sich an einem Sommertag allein im Englischen Garten in München tummeln. Die beliebte Anlage ist im Stil alter englischer Landschaftsgärten angelegt und gehört zu den größten Parkanlagen der Welt. Doch gleich, in welche Stadt man blickt, fast alle schmücken sich mit attraktiven Parks – sei es der 1999 unter großer Aufmerksamkeit neu eröffnete Lustgarten in Berlin, der Große Garten in Dresden oder das Maschsee-Gelände in Hannover. Geschäftsleute verbringen hier ihre Mittagspause, Kinder und Hunde nutzen die Wiesen zum Toben, nachmittags picknicken Familien, abends grillen und feiern Jugendgruppen.

Und auch wo es keine Riesenanlagen gibt, Grünplätze sind heutzutage aus fast keinem Stadtteil wegzudenken. Genaue Zahlen, wie viele städtische Grünflächen es gibt und welche Städte am meisten zu bieten haben, fehlen zwar, wie Gert Bischoff, Professor für Landschaftsbau an der FH in Erfurt bedauert. In einem ist sich der Fachmann, der auch als Rasensachverständiger arbeitet, jedoch sicher: Die Tendenz ist eindeutig steigend. Im öffentlichen Raum wie in den privaten Gärten grünt es großflächig – und „Betreten verboten“-Schilder sind auf dem Rückzug.

Dabei ist Rasen nicht gleich Rasen. Seitdem der deutsche Bischof und Naturgelehrte Albertus Magnus Mitte des 13. Jahrhunderts erstmals den Begriff „Rasen“ verwendete, die satte Grasnarbe als Erholungsfläche „zum Erfrischen der Augen“ beschrieb und Tipps zur Anlage gab, hat sich viel getan. Im Mittelalter wurden die Grassoden zumeist vor der Stadt abgestochen und in die Gärten gebracht. Großflächig ausgesäte Rasenflächen legte man erst rund 200 Jahre später in den italienischen Renaissancegärten in der Umgebung von Florenz an.

Anzeige

Erst danach folgten die berühmten Barockgärten Frankreichs, mit denen der Adel seine Macht über die Natur demonstrierte, und die englische Landschaftsgärtnerei. Doch auch wenn der englische Rasen bis heute als Synonym für guten Rasen gilt, Pionier der Rasengräserzüchtung war ein Amerikaner. James Bradford, der aus Olcott in Connecticut stammt, experimentierte Ende des 19. Jahrhunderts mit sogenannten Schwingelarten und Straußgräsern und legte damit den Grundstock für moderne Züchtungen. Zuvor waren es überwiegend verschiedene Kleearten und deutsches Weidelgras, die die Landschaften mit grün überzogen.

Es existieren keine verbindlichen Standards

Heute beschäftigen sich ganze Forschungszweige damit, Rasen für jede Gebrauchsform zu perfektionieren. So gibt es allein für Golfplätze unzählige Mischungen, und der Rasen auf Fußballplätzen ist ohnehin eine Wissenschaft für sich. Es gibt sogar eine Deutsche Rasengesellschaft e.V., die sich zum Ziel gesetzt hat, nicht nur die Fachwelt zu vernetzen, sondern auch die Verbraucher in allen Fragen der Rasenpflege aufzuklären. „Fachleute aus den unterschiedlichen Teilbereichen der Rasenwissenschaft und der Rasenpraxis bieten Hilfestellung bei den vielfältigen Möglichkeiten zum Thema Rasen“, heißt es dort.

Der Wissensstand ist hoch, was die Sache für den Laien nicht einfacher macht. Neben einer Vielfalt von Samenmischungen, drängen Rollrasen und Hybridrasen, Mischungen aus Natur- und Kunstrasen, auf den Markt. Da es keine verbindlichen Standards gibt, kann jeder Saatguthersteller Rasensamen unter jeder beliebigen Bezeichnung verkaufen. Locken auf der Packung Werbeversprechen wie „strapazierfähig“ oder „pflegeleicht“, heißt das nichts. Kenner raten daher zumindest auf die Kennzeichnung RSM (siehe Kasten) zu achten.

Die Wahl hängt davon ab, wie die Fläche genutzt werden soll: zur Zierde, um Blumenrabatten zur Geltung zu bringen? Für Sport oder zur Erholung?. Oder nur um die Oberfläche von Hanglagen, Böschungen oder auch Deichen zu sichern? Wobei es sich dann im letzteren Fall streng genommen gar nicht mehr um Rasen handelt, wie Rasenfachmann Bischoff erläutert, sondern eher schon um eine Wiese. Denn während Rasen im klassischen Sinne Nutz- oder Zierfläche ist, werden Wiesen beweidet oder geerntet. Deiche bilden hier eine Mischform, in erster Linie haben sie eine Schutzfunktion, gleichzeitig aber sorgen weidende Schafe für den kurzen Schnitt und den festen Boden.

Für den städtischen oder privaten Gebrauch gibt es Zierrasen, Gebrauchsrasen, Strapazierrasen und Landschaftsrasen – um nur die gängigsten Obergruppen zu nennen. Hinzu kommen spezielle Mischungen mit Wildblumensamen. Außerdem Schattenrasen, den Rasenprofis aber ausgesprochen kritisch sehen. Guter Rasen braucht Sonne, so die übereinstimmende Meinung. Sogar spezielle Mischungen für Parkplätze oder Dachbegrünungen werden angeboten.

Weil die begrünten Flächen von unten oft nicht zu sehen, sind, erläutert Landschaftsbau-Professor Bischoff, wissen viele Städter gar nicht, was über ihren Köpfen alles grünt. Dabei gehört Deutschland in Sachen Dachbegrünung „eindeutig zu den Vorreitern“. Ginge es nach ihm, könnten noch viel mehr Dächer bepflanzt werden. Denn Rasenhauben bieten enorme Vorteile. Zwar sind sie in der Anschaffung je Quadratmeter mindestens 50 Euro teurer als herkömmliche Dächer, später aber helfen sie im Winter Heizkosten zu senken und halten im Sommer kühl. Außerdem dämmen sie und filtern den Feinstaub aus der Luft.

Nicht nur die Wahl der richtigen Sorte erfordert Wissen

Fachleute gehen davon aus, dass bereits zwei Quadratmeter einer dichten, gesunden Rasenfläche genügen, um den täglichen Sauerstoffbedarf eines Menschen zu decken. Richtig eingesetzt, kann Rasen also wahre Wunder vollbringen, auf den Dächern, an den Deichen und auf dem Boden. Aber er kann sie – zumindest wenn es um Sport geht, auch verhindern. Die Qualität des Golfrasens entscheidet ebenso über Gewinnen und Verlieren wie holprige Grasnarben beim Fußball. Und wohl jeder Fußballfan erinnert sich an die Absage des Pokal-Viertelfinales zwischen SF Lotte und Borussia Dortmund Anfang des Jahres. Der Grund: völlig durchweichter Rasen nach unerwartetem Schneefall.

Ob es an der Auswahl des Saatgutes lag oder an der mangelnden Pflege ist nicht überliefert. Beides ist in jedem Fall diffizil. Mit großen Rasenflächen die Arbeit im Garten einfach zu halten, davon träumen allenfalls Neugärtner. Die schnelle Aussaat von Fertigmischungen mag noch gelingen, aber schon im zweiten Jahr erobern Gänseblümchen, Löwenzahn und Klee die schöne Rasendecke. Von Kahlstellen und Moos ganz zu schweigen. „Rasen ist eine Intensivfläche mit viel Pflegeaufwand und einigen strikt einzuhaltenden Grundregeln“, beschreibt es Katja Hildebrandt, Organisatorin des größten Gartenfestivals Norddeutschlands auf ihrer Online-Seite.

Nicht nur die Wahl der richtigen Sorte erfordert Wissen, auch die richtige Pflege ist eine Kunst, an der mitunter selbst hochsolvente Fußballvereine wie der FC Bayern verzweifeln. Man muss nur regelmäßig die Pressemeldungen und Verlautbarungen des Dauermeisters verfolgen – und wird sich wundern, wie oft dabei auch das Thema Rasen eine Rolle spielt. So beispielsweise beim dritten Gruppenspiel der letzten Saison gegen Ingolstadt. Das schwer erkämpfte 3:1 soll demnach damals nicht an den müden Beinen der Spieler gelegen haben, sondern am ramponierten Rasen im heimischen Stadion. „Acker“ schrieb die Boulevard-Presse. Der FC Bayern holte sich einen Greenkeeper aus England, der den teuren Hybridrasen wieder auf Vordermann bringen sollte und hierfür sogar mit spezieller Beleuchtung arbeitete.

Normale Hobbygärtner haben nur zwei Alternativen. Man begnügt sich mit einer Wiese oder einem begehbaren Unkrautbeet, wie es Katja Hildebrand formuliert. Oder man investiert Zeit: Regelmäßig mähen, wässern, belüften und düngen, lautet der Tipp aus Gartenratgebern, damit der Rasen gedeiht. Dass er damit auch für manch schwarzes Getier attraktiv wird, geschenkt.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite

Anzeige