Insektensterben

Eine Bühne für das große Summen

Von Christa Hasselhorst
 - 11:03

Nein, als privater Gartenbesitzer kann man nicht die komplette Umwelt retten, die von einem Vogel- und Insekten-Sterben gigantischen Ausmaßes bedroht ist. Einen persönlichen Beitrag aber kann man schon leisten. Denn der Garten lässt sich so gestalten, dass er ein Refugium bietet für die vielen, für die Welt so wichtigen Insekten. Jeder Quadratmeter Garten mehr, jeder Blumenkasten vor dem Fenster, jeder Kübel auf Balkon oder Terrasse, der mit insektenfreundlichen Pflanzen bereichert wird, rettet sie, die Schmetterlinge, Bienen, Hummeln, Schwebfliegen sowie alle weiteren nützlichen Insekten.

Die Meldungen über ihren starken Rückgang (75 Prozent sogar in Naturschutzgebieten seit 27 Jahren), die in den vergangenen Wochen selbst die Titelseiten von überregionalen Zeitungen und Nachrichtenportalen beherrschten, sind kein überzogenes Schreckens-Szenario, sondern – leider – wissenschaftlich fundierte Realität. Dass das große Krabbeln, Summen und Brummen seit Jahren viel kleiner wird, ist für Fachleute und Umweltverbände längst nichts Neues – jetzt ist die Botschaft auch in weiten Teilen der Öffentlichkeit angekommen.

Hummel, Schmetterling und Co. sind Teil des wichtigen ökologischen Kreislaufs: Diese winzigen Insekten, die man oft gar nicht sieht, sind „lebensnotwendig für das Funktionieren fast aller Ökosysteme“, so der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Er listet in zehn Punkten auf, wie essentiell Insekten für uns sind. Vor allem zählen sie zu den wichtigsten Pflanzenbestäubern, sind damit unentbehrlich für einen großen Teil unserer Ernährung, abgesehen vielleicht von Fertigpizza: ohne Bienen und Hummeln kein Gemüse, kein frisches Obst. Und – ein tödlicher Kreislauf – ohne die Vielfalt der Insekten haben unsere Vögel nicht mehr genug Nahrung. In zwölf Jahren gab es fast 13 Millionen weniger Vogel-Brutpaare, der „stumme Frühling“ droht – eine Horror-Vision.

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Was kann man also konkret tun? Kerstin Hakenbeck, Gartenbesitzerin in Emmerich am Niederrhein, liebt Natur, Pflanzen und Tiere. Sie ist Gartenbau-Technikerin, aber trotzdem oder gerade deswegen auch privat noch süchtig nach Blumen. Im ein Hektar großen Garten sind 3500 Quadratmeter durchdacht gestaltet, der Rest ist Wiese. „Zu viel Wiese“, fand die Gärtnerin schon vor fünf Jahren, griff zur Schaufel und pflanzte. Mitten in der Wiese legte die Naturfreundin einen – übrigens für den Menschen bildschön anzuschauenden – Landeplatz für Insekten, Bienen und Schmetterlinge aller Art an. Im 20 Meter langen und sechs Meter breiten Beet bieten spezielle Stauden den Tieren ein besonders köstliches Buffet: lila wogen die Kerzen des Lanzen-Eisenkrauts (Verbena hastata), gerahmt von feinstrahligen weißgelben Blüten der Sternwolkenaster (Boltonia), dahinter die dicken schirmförmigen Doldenblüten des Roten Wasserdosts (Eupatorium atropurpureum). In der Mitte leuchten rote Blüten des Kerzen-Knöterich (Persicaria amplexicaule), dahinter die herbstlich leicht rosé überhauchten, schaumigen Blüten des Bergknöterich ’Johanniswolke‘ (Aconogonon speciosum), überragt von den zwei Meter hohen Schirmblüten des Weißen Wasserdosts (Eupatorium fistulosum). „Wasserdost ist wirklich toll für alle Insekten“, hat Hakenbeck beobachtet, „diese großen Blütenschirme voller Pollen, da haben sie richtig was zu futtern!“ Aber der Bestseller, stellte sie fest, ist eher unscheinbar, das Echte Herzgespann (Leonurus cardiaca). Eine uralte Heilpflanze mit flaumigen mauvefarbenen Blütenkerzen, auf die alles, was sechs Beine hat, bevorzugt Bienen, im wahrsten Sinne des Wortes fliegt, „ein Lippenblütler, den lieben Insekten“.

„Ein bisschen wild, aber es gefällt“

Manchmal schmeißt sie Samen von einjährigen Leckerbissen einfach ins Beet, Argentinisches Eisenkraut (Verbena bonariensis) und Borretsch (Borago officinalis), Letzterer lockt neben seinen weißen Blüten vor allem mit den himmelblauen Bienen und Hummeln zum Bestäuben an. „Je lebhafter es hier zugeht, umso schöner“, freut sich Kerstin Hakenbeck, die selbstredend eine Bank nahe dem Beet plaziert hat, um von dort den Panoramablick auf das „große Summen und Brummen, vor allem bei Sonnenschein, wenn Hochbetrieb ist“, zu genießen.

Besucher, die bei der „Offenen Gartenpforte“ dieses Beet sahen, waren meist begeistert, sagt die Gärtnerin, „für manche wirkt es ein bisschen wild, aber es gefällt“, vor allem wenn sie den Grund für den speziellen Stauden-Mix erklärt. „Wer es lieber schicker und eleganter mag, der erreicht auch mit den Klassikern Lavendel, Ziersalbei, Katzenminze und ungefüllten Rosen schon viel für unsere Insekten.“ Und was ein echt naturnahes, insekten- und vogelfreundliches Beet ist, wird natürlich nicht im Herbst heruntergeschnitten. „Fürchterlich, dieses ratzekahl Abschneiden, das muss endlich mal aufhören“, appelliert sie an jene Gartenbesitzer, die auf einem „ordentlichen“ Garten im Winter beharren. Jedoch übersehen, dass sie mit dem radikalen Rückschnitt im Herbst Vögeln und Insekten Schutz und Nahrung rauben. Kerstin Hakenbeck schneidet erst im Februar die Stauden in 10-Zentimeter-Abschnitten herunter, das Schnittgut bleibt liegen, „wunderbarer Mulch“.

Dieses praxisbewährte Beispiel beweist zudem: Niemand muss in seinem Garten auf Schönheit und Ästhetik verzichten, um zahlreichen Insekten einen Lebensraum zu geben. Allein die Zahl der Stauden dafür ist immens. Der „Bund der Staudengärtner“, in dem 120 Gärtnereien vereint sind, empfiehlt mit seiner Liste fast 100 nahrhafte Stauden-Schönheiten, die vom Frühling bis in den späten Herbst Nahrung für Insekten, Bienen und Schmetterlinge bieten. Das beginnt im Frühjahr mit Schneeglöckchen, Lerchensporn, Krokussen, Blausternchen und Schlüsselblumen, Falter wie das Tagpfauenauge lieben dann Schlehen, Huflattich und Löwenzahn (ja, ruhig mal einige stehenlassen!). Und es endet im Herbst mit dem schon erwähnten Wasserdost, möglichst mehreren Sorten der Fetthenne (zum Beispiel Sedum telephium) – Schmetterlinge lieben sie –, um im Winter beim Efeu zu enden. Efeu ist für Bienen, Wespen und Schmetterlinge spät im Jahr eine Köstlichkeit, denn er blüht dann, wenn fast alle anderen Nektarquellen schon versiegt sind. Nach der Blüte sind die dunklen Früchte im Winter nahrhafte Kost für Drosseln, Amseln und Stare. Generell sollte man darauf achten, auch Nektarpflanzen (etwa für Schmetterlinge) und Fraßpflanzen für nützliche Raupen in den Garten zu holen, denn nicht nur die Blüten unserer Blumen bieten wertvolle Nahrung, auch Stengel und Blätter.

„Die Bäume, die Sträucher, die Pflanzen sind der Schmuck und das Gewand der Erde“, resümierte der schriftstellernde Natur- und Gesellschafts-Philosoph Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert. Der Begründer des Schlachtrufs „Zurück zur Natur“ würde in seinem Grab im Pariser Pantheon vor Graus rotieren, in Kenntnis des aktuellen Insektensterbens und seiner gravierenden Folgen. Also handeln, damit seine Erkenntnis weiter Bestand hat.

Mehr zum Thema Zahlreiche Informationen zum Thema insektenfreundlicher Garten bietet die fünfzigseitige Nabu-Broschüre „Gartenlust“, über Nabu-Landesgeschäftsstelle Schwerin (E-Mail: LGS@NABU-MV.de, Internetseite www.nabu.de).

Der Bund der Staudengärtner schlägt fast 100 Stauden vor, die Insekten gern haben. Die Pflanzliste findet man auf der Internetseite http://www.stauden.de/bienenweide.html.

So wird der Garten zum Insekten-Refugium

Ungefüllte Blüten statt gefüllter

Denn mit gefüllten Blüten können Bienen und Insekten partout gar nichts anfangen. Also neben prachtvollen gefüllten Rosen auch einige heimische Wildrosen wie die Hundsrose (Rosa canina) anpflanzen, die Hagebutten sind dann ein Leckerli für Vögel.

Wildblumen-Wiese statt Rasen

Knapsen Sie ein Stückchen vom kostbaren Rasen ab und säen sie einen Streifen Wildblumen-Mischung, es gibt inzwischen die herrlichsten Mischungen, auch farblich angepasst. Ein lebendes Gemälde ist ein Meer weißer Margeriten, gemixt mit Rotklee oder blauen Kornblumen. Pflanzen Sie ein Wildstauden-Beet mit blauem Natternkopf (Echium vulgare) neben weißem Diptam (Dictamnus albus), dazu die hohen schwefelgelben Kandelaber der Großblütigen Königskerze (Verbascum densiflorum), plus Flockenblume (Centaurea scabiosa) und Kuckucks-Lichtnelke (Lychnis flos-cuculi) – schon haben Sie eine grandiose Tafel gedeckt.

Rasenflächen nie komplett mähen

Dazu rät der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Es hilft den Insekten, beim Mähen ein Mosaik von gemähten und ungemähten Flächen zu schaffen“, so Heike Schumacher vom BUND Bremen.

Kräutergarten anlegen

Nicht nur wir Menschen schätzen frische Kräuter als Gourmet-Bereicherung für unser Essen, Kräuter sind auch wichtig auf dem Speiseplan der Bienen und Insekten, sie lieben Lavendel, Thymian, Salbei, Oregano, Ysop, Majoran, Liebstöckel und Minzen.

Insektenfreundliche Gehölze

Lassen Sie sich zum nächsten Geburtstag, Hauseinweihung oder ähnlichem Anlass Linde, Robinie, Kornelkirsche (Cornus mas) oder ein anderes Hartriegel-Gewächs, Schlehe (Prunus spinosa), Felsenbirne (Amelanchier) oder duftenden Winterschneeball (Viburnum x bodnantense ’Dawn‘) schenken, gerne auch Sorten des Zierapfels (Malus), der gedeiht sogar als Kleinbaum im Kübel auf einem sonnigen Balkon und bietet köstliches Winterfutter für viele heimische Tierarten.

Trockenmauer, Steinhaufen, Totholzhügel

Wo immer es eine Ecke im Garten gibt, die nicht so sehr im Fokus liegt und das ästhetische Bild wenig stört, bieten sie wunderbaren Schutz zum Brüten und zum Überwintern.

Laubhaufen

Laub ist kein Müll. Also entweder kompostieren oder – abgesehen vom Rasen – das Laub liegen lassen. Es bietet Schutzraum für viele wichtige Kleintiere und schützt die Staudenbeete im Winter vor Frost.

Licht im Garten

Licht ist schön und manchmal auch notwendig für Menschen, weniger für Insekten. Gerade Beleuchtung, die in Richtung des Himmels abstrahlt (Kugelleuchten beispielsweise), sorgt bei Insekten für tödliche Verwirrung. Das durchgehende Dauerlicht stört das natürliche Navigationssystem der Insekten.

Quelle: F.A.S.
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