Die pflanzen uns was

VON INA SPERL

09.07.2017 · Basson, Foster, Harris – wer wissen will, wohin der Trend im Gartendesign geht, sollte diese Namen kennen.

Charlotte Harris' Garten auf der diesjährigen Chelsa Flower Show Foto: Flora Press

Natur pur
Charlotte Harris, London

Charlotte Harris Foto: Christa Holka

„Ich mag es, wenn sich ein Garten so anfühlt, als müsse er genau so sein. Authentisch und responsiv“, sagt Charlotte Harris. Solche Gärten hofft sie, selbst zu erschaffen. Ihre Vorbilder: die Designer Tom Stuart-Smith, bei dem sie gearbeitet hat, und Dan Pearson. „Ihre Gärten sprechen immer über den Ort, an dem sie sich befinden.“ Das macht sie stimmig.
Die Einflüsse der beiden großen Gartenplaner auf Harris’ Arbeit sind leicht zu erkennen. Die Londonerin entwirft klar und schlicht, bepflanzt naturalistisch mit einer Liebe zum Detail und großer Pflanzenkenntnis. Sie schätzt den phantasievollen Umgang mit Materialien. Und, dass ein Garten nicht alles auf einmal preisgibt. Sich entwickelt, immer neue Seiten zeigt.
Harris studierte zunächst Geschichte. Als sie Mitte 20 war, starb binnen eines Jahres nicht nur ihre Großmutter, sondern auch beide Eltern. Lange verdrängte sie Schmerz, Trauer und Depression, bis sie sie schließlich in ihrem eigenen Garten abarbeitete. Immer wichtiger wurde ihr diese Arbeit. Schließlich wurde daraus ihr Beruf. Für Charlotte Harris war es eine natürliche Entwicklung, die angetrieben wurde von großer persönlicher Leidenschaft: für das, was ein Garten bewirken kann, für wilde Orte, für Pflanzen. „Beim Garten geht es um Gefühle, emotionale Reaktionen. Darum, uns selbst zu vergessen.“ Für sie selbst ist es ein Ort, an dem sie sich verlieren kann: „Während ich darin arbeite, sitze oder nachdenke. Ein Garten kann dich von den Zwängen des Alltags befreien.“

Inspiration holt sie sich aus Musik, aus dem Tanz – sie arbeitet hin und wieder auch als DJane –, aber auch aus der Architektur. „Ich schaue über den Tellerrand hinaus.“ Etliche Londoner Stadtgärten hat sie entworfen und bepflanzt, zunächst in Kollaboration mit anderen, oft für große Designer. Nicht nur für Tom Stuart-Smith hat sie gearbeitet, 2014 war sie im Team von Luciano Giubbilei, als sein Schaugarten bei der Chelsea Flower Show als bester ausgezeichnet wurde. 2016 unterstützte sie Designerkollegen Hugo Bugg, 2017 schließlich stellt sie ihr Meisterstück fertig: ihren Schaugarten in Chelsea, für den sie direkt eine Goldmedaille erhielt.
Charaktervolle kanadische Kiefern – aus einer deutschen Baumschule – bestimmen diesen Ort. Weiße Lichtnelken, Waldanemonen und Farne umspielen mit Moos bewachsene Felsen. Rote Akelei und Waldphlox, Iris und Lilien machen die Wildnis unter den Kiefern – samt Nadeln und Zapfen – zu einem Garten. Darin liegen zurückhaltend gestaltete Wege aus Granitsplitt, ein Steg aus Holz, eine Laube aus dunkel gebranntem Holz. Ein Garten, in dem jedes Detail stimmt, der einladend wirkt.
Charlotte Harris liebt große, wilde Orte. „Ich fahre auch im Dezember auf die Hebriden. Solche Orte bringen uns dazu, über unseren Platz in ihnen nachzudenken.“ Gerade hat sie ein gemeinsames Büro mit Hugo Bugg eröffnet. Ihr nächstes großes Projekt wird voraussichtlich ein wilder Garten in den schottischen Highlands sein.


Tracy Foster arbeitet nicht nur mit Pflanzen, sondern integriert auch Objekte mit Gebrauchsspuren. Foto: Ina Sperl

Authentisch Atmosphärisch
Tracy Foster, Leeds

Tracy Foster Foto: Jenny Lily

Tracy Foster liebt es, mit Materialien zu arbeiten: Stein, gerne aus der Gegend, Holz, gerne mit Gebrauchsspuren. „Ich mag traditionell gefertigte Dinge“, sagt die Gartendesignerin aus Leeds. Für sie darf es sogar ein ganzes Boot sein, wenn es in den Garten passt. Wie unlängst in Chelsea, wo Foster ein Stückchen Küste inszenierte, vom Strand mit Kieseln, schneeweißem Kalkstein und Algen bis zur Blumenwiese vor einer Ruine. Hat sie freie Hand, lässt sich die Britin vor allem von Naturbildern inspirieren. Pflanzengesellschaften interessieren sie am meisten: „Wir können so viel lernen, wenn wir uns wilde Pflanzen am Naturstandort anschauen.“
In einen Strandgarten holt sie zum Beispiel Küsten-Meerkohl (Crambe maritima), Klippen-Leimkraut (Silene maritima). Auf der Wiese stehen Mohn und Wilde Möhren, Margeriten und Wegerich, an der Hecke Weidenröschen und Wiesenkerbel. Im Schatten von Eiche und Feldahorn wachsen Fingerhüte und Farne. Pflanzen interessieren Tracy Foster seit der Kindheit, als Teenager war sie schon die Gärtnerin der Familie. Ihre Eltern ließen sie gewähren, ausprobieren, das kommt ihr heute zugute. Zunächst jedoch studierte sie Biologie. Nach dem Abschluss blieb sie eine ganze Weile in einem Bürojob hängen, bis sie dann vor 15 Jahren ihre zweite Karriere startete: Gartendesign.
Details sind für sie äußerst wichtig, wenn es darum geht, Atmosphäre zu erzeugen. So suchte sie lange nach einem passenden Boot, holte die offizielle Erlaubnis ein, zwei Tonnen Kiesel von einem Strand in Yorkshire ausleihen zu dürfen. Für den weißen Kalkstein der Bruchsteinmauer ließ sie Arbeitsabläufe in einem Steinbruch unterbrechen, denn normalerweise werden die Steine dort direkt weiterverarbeitet und zerstoßen.

In ihrer Alltagsarbeit tritt die eigene Handschrift meist etwas hinter den Kundenwünschen zurück. Denn Tracy Foster kann alles, von der Naturwiese bis zum englischen Cottagegarten. Ihre Gärten reichen von moderner, minimalistischer Gestaltung mit schmalen, geometrisch angeordneten Wasserläufen bis hin zum romantischen Gesamtkunstwerk. Kerngedanke ihres Designs? „Die Pflanzen auszuwählen, die zum Stil und den Bedingungen vor Ort passen“, sagt Tracy Foster. Zu ihren Lieblingspflanzen gehören Federgras und das Gartenreitgras ’Karl Foerster‘, Wiesenknopf und Silberkerzen. Pflanzen, die möglichst das ganze Jahr über etwas zu bieten haben. Ihr bisher liebstes Projekt: Hedgehog Street, drei zusammenhängende, aber ganz unterschiedliche Gärten für Igel in Harlow Carr, einem der Gärten der Royal Horticultural Society. „Ich zeige, dass ein Grundstück keine Brennnesseln und Totholzhaufen zu haben braucht, damit es tierfreundlich ist.“


Die Bassons haben einen unverkennbaren Hang zu Steinen. Foto: ddp Images

Nachhaltig schön
James und Helen Basson, Monaco

James und Helen Basson Foto: Privat

Karger Boden, Kiesel, Kalksteinquader. Unwirtlich sieht das Gelände aus. Aber nicht tot. Pflanzen wachsen in Nischen, scheinen sich emporzukämpfen. Gräser und blau blühender Natternkopf, Currykraut und Dornige Bibernellen. Aber auch Levkojen, Rote Spornblumen, Jungfer im Grünen stehen dazwischen, sowie Fenchel mit gelben Dolden, die sich leicht im Luftzug bewegen. Selbst auf trockener Erde gedeiht vieles. Zähe Kräuter und Gewächse, für die die geringere Konkurrenz an solchen Standorten einen Vorteil bedeutet. Welche das sind, muss man wissen. Dann lässt sich sogar ein Steinbruch bepflanzen.
Mit Trockenheit kennen Helen und James Basson sich aus. Die Gartendesigner leben und arbeiten in Monaco, wo die Gärten Sommerschlaf halten, wenn sie nicht bewässert werden. Die heißen Monate bedeuten Zwangspause für die Vegetation. Aber anstatt dagegen anzugehen, immer ausgeklügeltere Bewässerungssysteme einzubauen, arbeiten die Bassons lieber mit der Natur. Grüne Rasenflächen findet man in ihren Gärten nur im Ausnahmefall. Stattdessen eine möglichst nachhaltige Bepflanzung. Das kann auch für andere Regionen interessant sein. Ihr Schaugarten jüngst bei der Chelsea Flower Show zeigt eine Extremsituation, er ist inspiriert von einem Steinbruch auf Malta, den sich die Natur zurückerobert. Gleichzeitig lotet er aus, was ein Garten sein kann. Ein Grundstück voller Steinquader? Kontrovers diskutiert wird das Werk unter denen, die es gesehen haben, denn „schön“ ist für die meisten Menschen doch etwas anderes. Immerhin wird die hohe Gartenkunst anerkannt durch den Titel „Best in Show“, den das Paar für die Anlage erhielt.
James Basson sagt von sich selbst, er sei besessen von Steinbrüchen. Vom menschlichen Einfluss, von den Bedingungen, unter denen sich Pflanzen ansiedeln. Am Anfang des Designprozesses steht für ihn immer die Betrachtung der Landschaft. Doch wie wird sie in diesem Fall zum Garten? Basson stellt die Steinblöcke auf, als wären sie Skulpturen. Naturtümpel werden zum sauberen, klaren Pool. Es ist eine editierte Landschaft. Der Designer entscheidet, was gezeigt wird.
James Basson hat einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Südfrankreich verbracht, sein Interesse und seine Leidenschaft gelten der mediterranen Wildnis. Gemeinsam mit seiner Frau Helen gründete er im Jahr 2000 das Studio „Scape Design“. Sie ist fürs Konzeptionelle zuständig, er für die Details. Landschaftsarchitekt Bruno Torini vervollständigt das Team. Naturalistisch, aber auch brutalistisch nennen die Bassons ihren Stil. Doch geht es nicht in allen ihren Gärten so unverblümt zu. Sie arbeiten auch mit Natursteinmauern, eleganten Kieswegen, Lavendelfeldern, schattenspendenden Gehölzen.

Quelle: F.A.S.