Historische Baustoffe

„Frauen denken gleich praktisch“

 - 10:37

Herr Elias, angeblich bekommt man bei Ihnen einen ganzen Schlossfußboden, feinstes französisches Parkett, so viel man will. Stimmt das?

Wer Parkett will, bekommt es. Nur kostet das wirklich viel, vor allem in der Verlegung. Das ist das Luxussegment. Eher neu ist, dass auch ganz normale Leute ein einzelnes Stück wollen, ein Zuckerstück für ihre Einrichtung. Zum Beispiel einen Waschtisch aus einer alten Eichenbohle. Die haben sich am Edelstahl und Plastik sattgesehen, nun muss etwas Echtes her. Hauptsache, mit einer rustikalen Oberfläche. Das ist eine Mode für jedermann geworden.

Können Sie, bei all der Vintage-Euphorie überhaupt genügend herbei schaffen?

Wir finden nach wie vor viel Holz in Deutschland, aber vor allem auch im osteuropäischen Raum, in Häusern, die oft halb eingestürzt sind und sich nicht halten lassen. Als reines Baumaterial liegt das dann bei uns, ohne den Zusammenhang von früher. Das können sehr dicke Blockwandbohlen sein, also ehemalige Außenwände von Holzhäusern. Daraus machen die Leute eine Arbeitsplatte oder einen Tisch.

Das tun die Kunden dann selbst?

Viele wollen das Material selbst bürsten, wachsen, ölen. Die Hälfte macht es schätzungsweise so. Dann ist ihr 300 Jahre altes Brett sozusagen ihre eigene künstlerische Arbeit. In der Regel verbinden sie es mit Modernem. Es gibt eine große Verliebtheit ins Detail.

Ja, alles, was nach Lederschürze und altem Handwerk riecht, ist ja derzeit absolut angesagt . . .

Das Holz von früheren Hobelbänken oder Werkstatteinrichtungen ist im Moment genauso nachgefragt. Wo man erkennt, da haben Menschen hundert Jahre lang dran gehämmert und gemacht. Das ist das Signet: Es sind diese abgelebten Objekte, wie wir sie nennen. Der Stempel von den Firmen ist oft noch drauf, in den allermeisten Fällen haben wir solche Objekte aus Deutschland. Dann ist der Bezug da, vom kleinen Werkzeugmacher aus Marburg oder von einer ehemaligen Flugzeugwerft. In eine Werkbank bauen unsere Handwerker gerade für einen Kunden einen Herd und einen Backofen ein, dann ist es ein Küchenmöbel.

Das heißt, Sie liefern den Käufern am besten gleich eine Geschichte zum Baustoff?

Wir dokumentieren alles, was wir wissen, wir machen Fotos beim Ausbau am Fundort und geben die Historie weiter. Ein Kunde weiß genau, dass es der Fliesenboden aus der Molkerei im Ort XY ist, den er gerade kauft. Er kann eine Geschichte weiterspinnen, indem er die Fliesen verbaut. Das ist ja gerade der Charme, außer der besonderen Ästhetik.

Gilt das auch für einzelne Stücke?

Eine Story will man wohl heute mitkaufen, ohne sie ginge es kaum. Das ist wie ein Bilderbuch, das die Phantasie anstößt.

Zieht das auch im Ausland?

Ja, da verkauft sich die Marke „Berlin“ offenbar sehr gut. Japaner kaufen viel von unseren sogenannten Beifängen, das sind Designgegenstände, die wir aus Abbruchhäusern bergen. Zum Beispiel DDR-Vintage, ganz bestimmte Emaillelampen. Das steht alles in der Bauhaustradition. Dort in Tokio nennen sie es halt Berlin.

Welche internationalen Kunden mögen altes Material aus der deutschen Hauptstadt denn noch?

Amerikanische Interior Designer suchen für ihre sehr reichen Auftraggeber den Prickel, die lassen sich von ihren Scouts berichten, was im Angebot ist. Das ist wie Großwildjagd. Wir haben eine alte italienische Kassettendecke, die aus einem Berliner Stadthaus geborgen wurde, in eine Villa in den Hamptons verkauft. Die Marmorwaschbecken aus dem Berliner Schloss Monbijou, das nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen wurde, gingen genauso zu einem Amerikaner. Die Inneneinrichter verkaufen ihren Kunden eine Vision, nämlich dass sie sich mit der Geschichte verbinden.

Das klingt ja schon nach Kunsthandel.

Manches tendiert dahin, richtig. Gerade haben wir auf unserem Hof drei Fassadenfiguren von einem berühmten ehemaligen Auktionshaus in Berlin. Das Gebäude ist längst weg. Die Figuren geisterten während der DDR-Zeit und danach über mehrere Steinmetzhöfe in Ost-Berlin, dann kamen sie zu uns. Wenn wir sie weiterreichen, werden sie wieder fest eingebaut an einer Fassade, um dort zu bleiben. Genau das ist der Unterschied zum spekulativen Kunsthandel.

Solche Figuren oder Säulen, die Sie anbieten, bewegt man ja auch nicht mal eben so . . .

Die wiegen 600 Kilo und mehr. Genauso wie die abgelegten alten Maschinen, die wir anbieten. Aber das Skulpturale wird ein großer Trend in Zukunft sein, da bin ich ganz sicher.

Skulpturen für innen oder außen?

Für beides. Und in allen Formen. Einmal die Figuren, die schon immer als Schmuck gedacht waren, zum anderen auch die Industrierelikte. Große, einhundert Jahre alte Wäschemangeln verkaufen wir an eine Markthalle, umfunktioniert zu Stehtischen. Rostige S-Bahn-Brückenpfeiler, genietete, aber mit Kapitell und Schnörkel, gehen in das Foyer eines Büros am Berliner Gendarmenmarkt. Eine Brunnenplatte, 400 Jahre alt, angeschlagen, verwittert und mit einem Loch in der Mitte, kann ich mir gut als Skulptur vorstellen, aufrecht an die Wand gelehnt. Wie in einem Zen-Kloster.

Ziemlich extravagant, oder?

Nein: exklusiv. So exklusiv, dass man es nicht nachbauen kann. Die Abnutzung von Jahrhunderten lässt sich nicht reproduzieren. Mit einem Original zeige ich eine Haltung - und dazu reicht eben auch schon eine Holzbohle.

Apropos Holz. Wie sieht es mit altem Eisen aus?

Das ist so ein typisches Männerding. Gusseisen, dazu altes Holz und uralte Metallfußböden - das ganze Industriedesign ist ein Renner. Vieles tritt gerade in Nordrhein-Westfalen zutage, da werden historische Industrieanlagen abgeräumt, die bisher einfach nur verlassen vor sich hin dämmerten. Man braucht nun aber die Flächen. Das wird eine Situation wie nach der Wende in Ostdeutschland, es kommen wahre Schätze auf uns zu.

Und das lässt Männerherzen höherschlagen? Wer richtet sich denn mit verrosteten Säulen und alten Eisenfenstern ein?

Es wird zugegebenermaßen etwas abgeschwächt. Meistens sind es einzelne Teile einer alten Maschine, die in eine Einrichtung integriert werden. Im Luxussegment ist das bereits so, es korrespondiert mit dem Oldtimertrend. Vor dem Eingang steht der teuer restaurierte alte Porsche, und gleich daneben an der Haustür gibt es rauhe Metallträger oder Stelen ohne jeden Feinschliff. Ein Werkstatt-Feeling, betont cool.

Und der Geschmack von Frauen?

Der ist viel perfekter! Frauen denken gleich praktisch, wenn sie nach Materialien für private Häuser oder auch für Ladeneinrichtungen suchen. Sie haben von vornherein mehr im Sinn, wie man das auch am Leben erhält und pflegt. Wenn der Mann einen Tisch will, wo früher immer die Axt draufgehauen hat und wo sozusagen noch die Splitter auf dem Esstisch und auf dem Teller lägen, da drängt die Frau darauf, ihn bitte mehrfach zu schleifen und zu polieren. Ihr Geschmack ist ausformulierter. Und wenn Stahl, dann muss er mit modernen Oberflächenmitteln fest versiegelt werden. Da gibt es sehr viel Neues auf dem Markt.

Quelle: F.A.S.
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