Hotspot Antwerpener Hafen

Schick an der Schelde

Von Julia Stelzner
 - 06:37
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Beschaulicher Schick in stürmischer Nordsee-nähe
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#Antwerpen, der neue Hipster-Hotspot

Keine andere Stadt strahlt architektonisch mehr Beschaulichkeit aus, obwohl sie stoisch zwischen monumentaler Gotik und Plattenbau, zwischen Leerstand und Neubauten mäandert, als Antwerpen. Nur: Es regnet. Oft. Antwerpen liegt schließlich weniger als 100 Kilometer vom Meer entfernt. Und so kauft man sich am besten prophylaktisch einen dieser transparenten Regenschirme, wenn man etwas von der Stadt sehen will.

Doch genau die stürmische Nordsee-nähe ist es, die der flämischen Stadt ehedem zu internationalem Ansehen verholfen, sie zum zweitgrößten europäischen Frachthafen (nach Rotterdam) gemacht hat. Vor 500 Jahren begann dieser Aufstieg: Im 16. Jahrhundert, als hier Rubens und Van Dyck das goldene Zeitalter in barocken Gemälden festhielten, war Antwerpen die reichste Handelsstadt Europas. Nach Jahrzehnten der Rezession annektierte Napoleon Antwerpen und ließ Anfang des 19. Jahrhunderts zwei Hafenbecken (das Willemsdok und das Bonapartedok) ausheben, um von dort aus seine Kriegsschiffe gen England mobil zu machen. Genau in diesem Gebiet beginnt, was als het Eilandje, „die kleine Insel“, bekannt ist.

Genau zwischen jenen Hafenbecken erinnert seit fünf Jahren das „Museum aan de Stroom“, das MAS, an die glorreiche Zeit Antwerpens zurück. Es erzählt bildhaft von Antwerpen und dem Fluss Schelde, vom Hafen und den Begegnungen, die Import und Export erst ermöglicht haben. Mitten im Regen mutet das imposante neungeschossige Gebäude aus rotem Sandstein fast rostig an. Drinnen landet man, der Aufstieg ist kostenlos, nach fünf Minuten Fahrtzeit auf den Rolltreppen auf dem Panoramadach. Und blickt auf: Antwerpen im Regen. Vor allem aber auf die zahlreichen Kräne, welche das Eilandje mit weiteren Hochbauten bestücken. Denn das MAS war erst der Anfang an neuen Bauprojekten, als es im Frühsommer 2011 an der Schnittstelle von Hafen und Zentrum eröffnete - gemütliche 1,5 Kilometer von den schicken Modeboutiquen in der Nationalestraat und der Einkaufsstraße Meier entfernt.

Davor war das Eilandje da verwaist, wo nicht gerade rustikale Hafenbars bis zum Sonnenaufgang Schnaps ausschenkten. Die Lagerhallen im nördlichen Bezirk standen leer oder waren zu Clubs geworden. Stephan Schneider, ein deutscher Modedesigner, der seit seinem Studium in Antwerpen lebt und hier nahe des Groenplaats seine Boutique hat, kann sich gut an das alte, das verruchte Eilandje erinnern: „Ich habe mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können, dass das Gebiet revitalisiert wird. Jetzt ist hier am Wochenende alles voll, und man findet kaum mehr einen Parkplatz.“ Was also hat sich getan, seit das MAS vor fünf Jahren wie ein Stützbalken für das verkümmerte Viertel aus dem Boden schoss?

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#Antwerpen, der neue Hipster-Hotspot

Auf zur Tour durch die Pfützen. Erst einmal die Umrundung des großen Hafenbeckens, des Willemdoks, das mittlerweile als Yachthafen fungiert. Am Godefriduskaai, südlich des MAS, stehen im Schaufenster einer Jobvermittlung weiße Eames Chairs, der Thron der Gentrifizierung sozusagen. Ein paar Meter weiter gibt’s Buletten. Nicht irgendwelche, schnell aus einem Imbisswagen verkauft. Das Restaurant Balls & Glory bietet rund ein Dutzend Varianten von Fleisch- und Gemüsebällchen. Die Einrichtung hält sich an die Lagerhallen-DNA des riesigen Speichergebäudes: offenes Kopfsteinpflaster, weiß getünchtes Mauerwerk, Holzsäulen. Dazu Akzente in Mint wie die Industrielampen und die Beine der Werkstatt-Hocker aus den dreißiger Jahren. An einem Samstagvormittag sind die Tische im „Balls & Glory“ voll und die Gäste sehr jung. Die wenigsten davon wohnen in der Gegend. Aber sie kommen hierher: Zum Brunch bei Balls & Glory, zum Dinner in das Zwei-Sterne-Restaurant t’Zilte auf dem Dach das MAS und zum Bummeln in den Galerien.

Einer, der dem Eilandje schon vor 15 Jahren eine Chance gab, ist der belgische Modedesigner Dries van Noten. Er zog mit seinem Atelier in das ehemalige Godfried-Gebäude, ein kolossales Architekturdenkmal von 1904. Die „Bar du Port“ auf der anderen Seite des Hafens macht mit den alten Fotografien, Malereien und Werbeschildern noch den Eindruck einer Kaschemme. Und hält quasi jene Zeit fest, als es im Eilandje noch keine Eames Chairs gab, sondern nur wackelige Holzstühle.

Weiter geht’s zu einem, der es sich hier wohnlich gemacht hat: der Architekt Hansi Ombregt. Ombregt ist schon vor sechs Jahren ins Eilandje gezogen. „Ich habe das Haus gekauft, ohne meiner Frau vorher Bescheid zu sagen. Damals war ich mir nicht sicher, ob sie dem zustimmen würde, hier hinaus zu ziehen“, sagt Ombregt. „Doch der Preis war für Antwerpener Verhältnisse einfach günstig.“ So günstig, dass genug Geld für den Umbau blieb und vom alten Haus nur die Außenwände stehenblieben und innen alles entkernt und neu strukturiert wurde. Mit den fünf Stockwerken, welche allesamt über ein parallel zur weißen Hausfront verlaufendes, offenes Treppenhaus verbunden sind, wirkt das knapp 200 Quadratmeter große Haus verschachtelt wie ein Bild von M.C. Escher.

Während wir Stock für Stock hinauflaufen, bleibt der Blick durch die großflächig verglaste Fassade an den sechs Hochhäusern eine Parallelstraße weiter hängen. „Die ersten beiden, die in Gold und Silber, wurden vor fünf Jahren von Schweizer Architekten gebaut“, weiß Ombregt. Auf der anderen Seite von Ombregts Domizil, dort, wo die Schelde sich Richtung Nordsee schlängelt, wummert es gerade gewaltig. Vom Balkon auf der Rückseite wird die Lärmquelle ersichtlich. Eine drei Stockwerke umfassende Plastikplane bewirbt auf dem Betongerüst mit dem Versprechen eines ultimativen Lifestyle bis zu 300 Quadratmeter große Lofts mit Sicht aufs Wasser. Ob Ombregt der ständige Baulärm nicht stört? „Nein, es war ja absehbar, dass hier irgendwann überall gebaut wird. Das Eilandje wurde zwar schon seit den neunziger Jahren beworben, aber spätestens seit das MAS eröffnet wurde, hat es sich wirklich als Wohnort etabliert. Dafür gibt es jetzt eine Bäckerei, einen Coffeeshop und eine Metzgerei.“

Auf einen Supermarkt muss er noch warten. Aber warum wollen die Antwerpener nicht lieber in den schönen Jugendstil- oder Art-déco-Häusern im Zentrum wohnen? „Nun, im Eilandje gibt es Tiefgaragen. Man wohnt zwar etwas ab vom Schuss, ist aber schnell in der Altstadt“, lautet Ombregts Begründung. Parallelen zu neuen Hafenvierteln in Hamburg oder London liegen nahe: Am Wasser gibt es Platz, und gleichzeitig wirken die Gelände im Vergleich zu eng bebauten Innenstädten luftig. Plus: Der Pioniergeist schwingt natürlich mit. Ombregt gibt zu, dass er „Teil dieser neuen Bewegung“ sein wollte: „Ich kam am Sonntag oft zum Eilandje, um zu schauen, was sich dort tut.“ Mittlerweile gehört er schon fast zum Establishment auf der Insel. Aber hat er keine Angst vor Turbo-Gentrifizierung? „Nein. In Antwerpen sind bei städtebaulichen Eingriffen 20 Prozent soziale Funktionen vorgesehen. Es reguliert sich also allein per Gesetz.“

Nächste Umgestaltungswelle steht unmittelbar bevor

Zwei, die ebenfalls vor kurzem das Eilandje für sich entdeckt haben, genauer das Schipperskwartier, wo das Rotlichtmilieu immer noch vor sich hin dämmert, ist das Künstlerduo paris - texas - antwerp. Die französische Innenarchitektin und Textildesignerin Nathalie Wolberg und der amerikanische Künstler und Bildhauer Tim Stokes sind 2011 nach Antwerpen gezogen. In einem ehemaligen Import-Export-Gebäude haben sie sich auf 650 Quadratmetern einen Arbeits-, Ausstellungs- und Wohnbereich eingerichtet, der ihnen zu Beginn der Renovierung noch reichlich trist vorkam. Heute braucht es, inmitten der knallbunt gestrichenen Räume mit den vielen Designobjekten und den transparenten Treibhausdächern, einiges an Vorstellungskraft, um sich umgekehrt ein graues Büro auszumalen. Die Nachbarn haben das Künstlerduo schnell gemocht und dass hier endliche etwas passierte. „Letztlich stand das Gebäude fast zwei Jahre leer“, ergänzt Stokes. Es ist auch eine Phantasiewelt, eine kreative Insel, die Wolberg und Stokes sich erschaffen haben. Aber auch um sie herum wird gebaut. In Kürze soll das Firmengebäude gegenüber abgerissen werden und ein Luxushotel entstehen.

Auch auf dem Eilandje steht die nächsten Umgestaltungswelle unmittelbar bevor. Zum Beispiel auf der rechten Seite des Kattendijkdoks, an dessen Westseite der Architekt Hansi Ombregt wohnt. Noch steht hier die Bar Paniek. Ein kurioses Konstrukt, ein Zwischennutzungs-Experiment, das an Berlin zur Millenniumswende erinnert. Drinnen Bar und Konzertsaal, dahinter eine riesige Ausstellungsfläche. Bis Ende Juli kuratierte der ehemalige Hugo-Boss-Designer Bruno Pieters hier „Behind the Clothes“, eine Ausstellung zu nachhaltiger Mode. Aber auch diese Lagerhalle soll Ende des Jahres neuen Lofts und Sozialwohnungen weichen. Dahinter ist ebenfalls schon jetzt der neue Cadix-Komplex geplant, ebenfalls ein Apartment-Konglomerat.

Ob in weiteren fünf Jahren das ganze Eilandje aussieht wie alle anderen neugestalteten Hafenviertel dieser Welt? Schließlich prangen in neuen Häusern schon wieder die neonfarbenen Reklamen der Immobilienbüros. Muss aber auch nicht sein. Denn noch stehen auf der Insel alte Kräne herum, die kein Mensch mehr braucht. Und so behält der südliche Antwerpener Hafen vielleicht ein wenig länger als andere Orte seinen alten Charme, der schon Stefan Zweig zu begeistern wusste. Und dem heute die Kreativen wie paris - texas - antwerp folgen.

Quelle: F.A.S.
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