Immobilien
Gespräch mit Baukultur-Experte

„Ein Friesenhaus passt nicht nach Bayern“

© Till Budde, F.A.S.

Herr Nagel, ist das Einfamilienhaus noch zeitgemäß?

Auf jeden Fall, schon weil es dem Wunsch vieler Menschen entspricht, so zu wohnen. Aber mit Blick auf den Flächenverbrauch und die städtebaulichen Konsequenzen ist es problematisch.

Das müssen Sie bitte erklären.

Einfamilienhäuser entstehen meist in Neubaugebieten. Mit Blick auf den Klimaschutz muss unser Flächenverbrauch sparsamer werden. Momentan verbrauchen wir in Deutschland täglich 66 Hektar. Kurzfristig wollen wir auf 30 Hektar kommen, und es müssten noch weniger sein. Einfamilienhäuser sind echte Flächenfresser, nicht nur weil die Häuser selbst Fläche verbrauchen, sondern auch wegen ihrer Erschließung.

Deswegen setzen die Städte auf Nachverdichtung. Aber vielen Menschen wird die Stadt zu eng und zu teuer. Die persönliche Wohnsituation und das individuelle Raumbedürfnis interessieren den Einzelnen zudem mehr als planungspolitische Ziele und der Klimaschutz. Viele suchen ihr Glück in einem Haus im Umland.

Was den Flächenverbrauch und auch den Siedlungscharakter angeht, ist das aber alles andere als sinnvoll. Jedenfalls so, wie es in der Vergangenheit oft gehandhabt wurde, indem einfach eine landwirtschaftliche Fläche nach der anderen in Anspruch genommen wurde, um Neubaugebiete auszuweisen. Auf die grüne Wiese zu bauen ist teuer. Nicht nur volkswirtschaftlich, sondern auch für den einzelnen Nutzer. Man braucht auf alle Fälle ein Auto, oft zwei. Die Kosten der Mobilität werden unterschätzt.

Sie können dem Thema nichts Positives abgewinnen?

Doch. Mit dem Bau von Einfamilienhäusern an den richtigen Standorten kann der innerstädtische Wohnungsbau entlastet werden. Man bekommt draußen vor der Stadt günstigere Grundstücke - und kann sich ein Haus leisten. Meist sind das ja Bauträgerangebote, die versprechen Sicherheit mit Blick auf die Kosten und Herstellergarantie. Das macht es auch verständlich, warum viele Menschen sich für diese Option entscheiden. Es dürfen aber keine Schlafstädte entstehen sondern gemischte, vitale Gemeinden.

Kann der Bau von Einfamilienhäusern nicht auch unter stadtplanerischen Aspekten ein Gewinn sein?

Das ist durchaus möglich, wenn die Neubauten innerhalb gewachsener Strukturen entstehen und nicht einfach auf einer Fläche am Rand. Das sollten sich auch die Bauherren überlegen. Für die Mehrzahl der Menschen ist eine gute Infrastruktur ja entscheidend. Die hat man im Neubaugebiet meistens nicht. Deshalb sollte man als Bauherr auch überlegen, ob man nicht vielleicht besser beraten ist, sich ein schon bestehendes Haus zu kaufen und zu sanieren. Das sollte man immer bedenken, bevor man Flächen neu in Anspruch nimmt. Immerhin stehen etwa 1,7 Millionen Wohnungen in Deutschland leer, viele in ländlichen Räumen und dort häufig im Ortskern. Wir nennen das den Donut-Effekt: Die Mitte ist leer, und am Rand entstehen neue Baugebiete.

Leerstand entsteht aber oft aus dem Grund, weil viele Gebiete zu strukturschwach sind.

Stimmt. Aber es gibt auch Gemeinden, die keine so schlechten Voraussetzungen bieten. Um es deutlich zu sagen: Wir als Bundesstiftung Baukultur sprechen uns ausdrücklich dafür aus, Wohnungsneubau nicht nur in großen Städten unterzubringen. Dort sind die Grundstückspreise längst so teuer, dass sie sich nur noch wenige leisten können. Schon deshalb müssen wir auch die Vorstadt und die Umlandgemeinden nutzen, aber eben auch mit deren baukultureller Aufwertung verbinden.

Dort ziehen die Abwanderer dann aber meist in Neubauviertel.

Sie könnten auch in die Zentren dieser Orte ziehen, die oft gesichtslos geworden sind. Die Nutzung leerstehender Bauten kann sie wiederbeleben. Man kann die Bestandsimmobilien sanieren, umbauen und anbauen. Dann entsteht eine sichtbare Zukunftsperspektive für den ganzen Ort. Auch Neubau auf zu wenig genutzten Grundstücken in der Ortsmitte ist möglich. Nachverdichtung geht auch auf dem Land.

Es kommt also darauf an, wo Einfamilienhäuser entstehen?

Richtig. Innerhalb bestehender Strukturen kann das ein Gewinn sein. Durch den Zuzug wird auch die Infrastruktur gestärkt - Nahverkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und so weiter. Befragungen zeigen, dass Versorgungsangebote und Mischung den Menschen in ihrem Wohnumfeld sehr wichtig sind. In ausfransenden Neubaugebieten am Stadtrand dagegen verstärkt man eine negative Entwicklung, die Zentren veröden weiter.

Wie kann ein neues Einfamilienhaus seine Umgebung bereichern?

Das Haus muss sich in seine Umgebung einfügen. Das ist entscheidend. Der Gebäudetyp muss zur Region passen. Ein Friesenhaus in Bayern - das geht gar nicht. Bauherren sind meist hilflos, wenn sie ein Grundstück vor sich haben. Wie steht das neue Haus am besten zum Nachbarn und so weiter. Eine gute Bauberatung kann da helfen und eine qualifizierte städtebauliche Planung. Das sollte die Gemeinde leisten. Bisher ist es eher so, dass viele Kommunen im Kampf um Einwohner den Bauherren kaum Auflagen machen, so entsteht der Wildwuchs.

Den Architekten geplant haben.

Nein. Architekten sind nur in wenigen Fällen am Einfamilienhausbau beteiligt, und unter den Architektenhäusern gibt es solche und solche. Gute Architekten gehen sensibel auf den Ort ein. Trotz starker Baukonjunktur sollten sich Architekten der Bauaufgabe des Einfamilienhauses wieder stärker widmen, auch wenn das für die Planer häufig nicht lukrativ ist. Klar ist, dass die speziellen Anforderungen eines Ortes von einem guten Architekten besser zu bewältigen sind als von einem Fertighausanbieter.

Das geschmähte Fertighaus - kann nicht auch dieser Haustyp gut sein?

Doch. Es gibt Fertighäuser, die vom architektonische Gesichtspunkt aus gut durchdacht sind, von den Proportionen, den Materialien und der Anmutung her überzeugen. Insofern können Fertighäuser sehr wohl gut sein. Aber problematisch ist, wie sie vor Ort eingesetzt werden. Und wenn dann so ein Haus noch einen Stilmix aus dem Katalog vereint, dann wird es furchtbar. Auch hier würde Beratung guttun.

Quelle: F.A.S.
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