Immobilien
Wunsch und Wirklichkeit

Wellnesstempel auf 8 Quadratmetern

Von Birgit Ochs
© BetteLux Couture, F.A.S.

Neue Fliesen, bodengleiche Duschen, leichter wirkende Waschtische, dazu Brausen mit Regenschauer und Massagefunktion – die Deutschen bauen ihre Bäder um. Immer mehr Landsleute leisten sich zudem auch ein Dusch-WC, manche sogar eins, das man per Smartphone steuern kann. Seit 2012 steige die Zahl der komplett sanierten Bäder „rasant“, heißt es beim Verband Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS). Dass die Einschätzung grundsätzlich stimmt, darf man annehmen. Erstens, weil viele Badezimmer in die Jahre gekommen sind, zweitens, weil im Bestand Häuser und Wohnungen in großer Zahl den Besitzer wechseln.

Ein Bad mit Gebrauchsspuren aber kommt bei den meisten schlecht an, weswegen auch Wohnungsgesellschaften nach einem Mieterwechsel wenigstens das WC austauschen. Der Niedrigzins tut ein Übriges, um die Renovierfreude anzufachen. Eine Untersuchung des Ipsos-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass 11,2 Millionen private Renovierer bis 2018 in ihre Immobilien investieren wollen. Der Großteil des Geldes für die Ausstattung soll ins Bad fließen. Gut möglich, denn Bäder sind immer verhältnismäßig teuer, was an der Technik liegt, ohne die nichts geht. Offenbar nehmen aber immer mehr Menschen die Renovierung selbst in die Hand. Die Konsumforscher der GfK jedenfalls kommen zu dem Ergebnis, dass im vergangenen Jahr der Anteil der Do-it-yourself-Badsanierer bei 25 Prozent lag. Fünf Jahre zuvor waren es 13 Prozent. Im Schnitt kostet die Renovierung des Bades 1075 Euro – dafür bekommt man allerdings nicht den Badetempel, wie ihn die Hersteller propagieren.

Kein anderer Raum hat einen so rasanten Bedeutungswandel erfahren. Aus der funktionalen Nasszelle ist in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts eine wohnliche Wellness-Oase geworden, ein Ort des Körperkults und der Großzügigkeit. Man braucht nur all die Werbefotos zu betrachten, die das Außergewöhnliche zeigen, auf denen die Welt des Badezimmers grenzenlos ist und in der freistehende Badewannen in Räumen gezeigt werden, die selbst in den Luxusimmobilien des Landes nur schwer zu finden sein dürften.

Wasser ist hier längst nicht mehr nur zum Waschen da, sondern so, wie es aus Brause, Hahn und Düse strahlt, perlt und fließt, Teil einer Inszenierung. Der folgt man, wen wundert’s, fast ausschließlich im Villenbau, in Lofts oder Altbaumaisonettes, deren mehr als 250 Quadratmeter Wohnfläche sich zwei Bewohner teilen. Da wird dem Schlafzimmer die freistehende Wanne spendiert, während die Dusche separat untergebracht ist, die Toilette sowieso; oder die Badewanne so plaziert, dass ihre Nutzer freien Blick in die Natur oder den Sternenhimmel haben.

„Das Bad wird nach wie vor der Nutzfläche zugerechnet“

Für all das braucht man Platz – und daran scheitert es meist. Denn das Durchschnittsbad misst 7,8 Quadratmeter. Daran hat sich trotz aller Versuche, diesen Raum aufzuwerten und umzudeuten, nichts geändert – anders als bei den Küchen, in die Bauherren im Schnitt knapp 7000 Euro investieren. Sie profitieren, was die Fläche angeht, davon, dass sich im Neubau offene Grundrisse durchgesetzt haben.

Die Küche mit sich anschließendem Essplatz ist vielen Haushalten mittlerweile wichtiger als ein großes Wohnzimmer. Zudem ist es deutlich einfacher, Küchen großzügig zu gestalten als Bäder: Durch die Verschmelzung mit dem Wohnraum, aber auch durch den nahtlosen Übergang zum Eingang beziehungsweise Flur entsteht mehr Planungsfreiheit. Dem gegenwärtigen Trend zur effizienteren Flächennutzung und kompakteren Grundrissen steht das nicht entgegen, im Gegenteil.

„Das Bad aber wird nach wie vor der Nutzfläche und nicht der Wohnfläche zugerechnet und damit eher klein gehalten“, stellt Jens J. Wischmann, Geschäftsführer des VDS, fest. Das lässt sich auch bei großzügigen Einfamilienhäusern beobachten. Zwar leistet man sich dort mehr Fläche, doch nicht alle Villenbauherren planen ein Spa. Mag das Haus noch so groß sein, im Bad ist oft nüchterner Pragmatismus angesagt. Und im Wohnungsbau „konterkariert die geforderte Offenheit des Bads den Zwang, Fläche zu sparen“, urteilt Christian Gießler, der die Rhein-Main-Niederlassung des Projektentwicklers Corpus Sireo leitet.

Was Luxus ist, wird neu definiert

Wie also ist es um den gegenwärtigen Standard in Deutschlands neuen Badezimmern bestellt? Grundsätzlich gilt: Wohnungen bis zu zwei Zimmern sind mit einem Duschbad ausgestattet, größere Wohnungen mit einem Wannenbad. Im hochpreisigen Segment gehört das Bad en suite zur Ausstattung. Weitläufige Schlaf- und Badezimmerlandschaften dagegen sind laut Gießler auch im Luxussegment selten. Dort allerdings hat die Gästetoilette etwas mehr Platz. Allgemein ist die bodengleiche Dusche beliebt. Im mittleren Segment gehören hochwertige Armaturen dazu und auch die gegenwärtig angesagten Waschtische auf einer Holzkonsole. Durchgesetzt haben sich auch große Fliesen. Hier gilt für den Geschosswohnungsbau: je edler, desto großformatiger. Auch die Dusche, die ein Regenschauergefühl verheißt, hat sich in den neuen Badezimmern etabliert. Zudem sticht die Technik dank der Vorwandkonstruktionen nicht mehr ins Auge.

An Wohnungsmärkten wie Frankfurt, wo der Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen im Schnitt bei 5000 Euro liegt, wird gegenwärtig auch das, was Luxus ist, neu definiert. Viele Architekten weisen schon seit langem darauf hin, dass die Qualität der Grundrisse besser werden muss und die Quadratmeterzahl an sich kein Wert ist. Wenn Planer und Bauherren die Aufgabe ernst nehmen, kann dabei trotz geringerer Grundfläche einiges herauskommen. Dann verfügt vielleicht auch eine Zwei-Zimmer-Wohnung über ein Bad en suite, das durch Schiebetüren vom Schlafzimmer getrennt ist. Es gehe darum, die Vorteile „aus der höheren Kategorie“ ins mittlere Segment zu übernehmen, sagt Gießler von Corpus Sireo, und „Grundrisse neu zu denken“.

Zu den kreativen Lösungen, die gefragt sind, passt der jüngste Trend, den die Sanitärbranche vorantreibt: Individualität. Auf der Messe ISH, die in dieser Woche in Frankfurt stattfindet, geht es genau darum. Ob groß oder klein – in einer Welt, in der sich die Lebensstile immer mehr ausdifferenzieren, muss auch das Bad mithalten können. Die Frage ist wie. Mit Accessoires? Dem antiken Spiegel, der Topfpflanze und dem Holzdöschen, in dem Haarbänder oder Nagelscheren Platz finden? Die Hersteller haben anderes im Sinn. Eine flexible und modulare Ausstattung sei das große Thema, sagt VDS-Geschäftsführer Wischmann.

Die neuen Sanitärobjekte sind höhenverstellbar und reagieren auf das Körpergewicht; es gibt Möbelsysteme, die als Unikate gefertigt werden, und Armaturen und Co. lassen sich nach Wunsch positionieren. Damit wohnlichere Materialien wie Holz und Stoff im Bad nicht unter der Feuchtigkeit leiden, entwickeln die Anbieter wasserbeständige Oberflächen – und das könnte den Wandel dann tatsächlich zu mehr Offenheit vorantreiben.

Quelle: F.A.S.
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