Immobilien
Klötzchen-Architektur

Eintönige Neubauten

Von Nadine Oberhuber
© Frank Röth, F.A.S.

Wer wissen will, wie die Stadt von morgen aussieht, der muss nur schauen, was heute gebaut wird. In Hamburg am Othmarschen Park, in Berlin-Pankow, im Frankfurter Europaviertel oder in München am Arnulfpark. Einerlei in welcher größeren deutschen Stadt, unter jedem Baukran wächst das Gleiche empor: Wohnhäuser in Klotzform, monoton nebeneinander gewürfelt, aneinandergereiht oder aufeinandergestapelt. Die Fassaden haben zwar tausend Fenster, leben aber nicht: monotone Baukörper in völliger Eintönigkeit, wohin man schaut. Bauträger betiteln das freilich anders. Sie verkaufen es als „zeitlose urbane Eleganz“. Urban ist das sicher, aber zeitlos? Und vor allem: Ist es elegant? Darüber kann man streiten – und man sollte es viel mehr tun, finden Fachleute.

Architekten werden offenbar selten gefragt, was sie selbst zu dieser Art des Bauens sagen. Jedenfalls ringen sie lange nach Worten, wenn sie einen Namen für die zeitgenössische Architektur nennen sollen. Sie reden dann von Klarheit und Funktionalität, von neuen Materialien, und am Ende kommen Begriffe heraus wie „klassizistischer Spätrationalismus“.

Rationalismus am Bau, das kennt die Welt aus den zwanziger und dreißiger Jahren, als die Architektur auf radikal vereinfachte Formensprache abzielte und jedes Gebäude auf ein simples Grundelement zurückwarf – den Würfel. Von nun an prägte der Skelettbau die Städte: schlichte Fassaden mit Lochmustern aus extrem regelmäßigen Fensterreihen. Schon damals redeten alle von Abstraktion und Reduktion. Ornamente galten als Vergeudung von Material, Arbeitskraft und Kapital, so meinten damalige Stararchitekten – und vor allem in der Nachkriegszeit entwickelten sich daraus dann Häuser ganz ohne Eigenschaften.

Wenn ein Gebäude quadratisch und praktisch sei, dann sei es auch gut, lautete das Credo der rationalen Baumeister. Und wir erleben derzeit die späte Fortsetzung davon: Der Spätrationalismus ist der Baustil des neuen Jahrtausends. Aber soll man den nun schön finden und es mögen, dass die Städte bald voller Riesenwürfel und Wohnklötze sind?

„Radikale Ökonomisierung des Bauens“

„Bitte nicht!“, stöhnen schon jetzt viele Bürger, Kulturkritiker und Makler allerorten. „Es ist weniger ein Stil, der sich da abzeichnet“, findet Architekt und Real-Estate-Manager Paul van der Kuil aus Berlin, „sondern vielmehr ein Prozess. Er ergibt sich daraus, dass sich die Auftraggeber und die Nutzer solcher Gebäude mehr und mehr voneinander entkoppeln.“ Die einen bauen aus ökonomischem Kalkül, da ist ihnen die Reduktion aufs Nötigste gerade recht – und vor allem billig. Die anderen schauen mit Gefühl auf solche Gebäude, es sind die Bewohner und Bürger, und die finden die scharfkantige Einfallslosigkeit sehr fremd. „Unambitioniert“ ist noch das harmloseste Wort der Betrachter für die Klotzarchitektur. Manche wünschen sich, dass solche „Wohn-Ungetüme“ bald wieder abgerissen werden, ähnlich wie die Plattenbauten oder Waschbetonsilos der sechziger und siebziger Jahre, die sich längst als Geschmacksverirrung herausgestellt haben. Andere sprechen von „Zombifikations-Urbanismus“. Sogar Verantwortliche der Wohnungswirtschaft sagen hinter vorgehaltener Hand: „Wir schaufeln uns städtebaulich unser eigenes Grab, wenn wir so weiterbauen.“

Das ist offenbar die Mehrheitsmeinung, zumindest wenn man den wenigen Erhebungen glauben darf, die es zum Thema Baukultur gibt. Ein Online-Forum von Architekturfachleuten befragte vor einer Weile seine Mitglieder, ob das Land noch mehr Investorenarchitektur dieser Art brauche, und die Antwort fiel eindeutig aus: 79 Prozent der Antwortenden sagten „Nein!“ Die 21 Prozent Jasager begrüßten solche Bauten auch nicht gerade aus Gestaltungsgründen, sondern betonten nur, dass dringend Wohnungsbauinvestoren gebraucht würden. Wieso entstehen dennoch allerorts eintönige Neubauten, wenn sie doch niemand will?

Eines vorweg: Natürlich braucht es Investoren, die Wohnhäuser bauen, gerade jetzt, da in den Metropolen ein Mangel an bezahlbaren Wohnungen herrscht. Dennoch müssten sich viel mehr Beteiligte fragen, ob es nicht möglich wäre, schöner zu bauen und abwechslungsreicher statt immer einfallsloser. Schließlich mehrt jeder Neubau im Ernstfall mehrere Generationen lang den städtebaulichen Bestand, mahnt der Bauhistoriker Werner Durth. Architektur müsse daher stets drei Kriterien vereinen: beständig sein, gebrauchsfähig – aber auch schön. Denn sie ist „die gebaute Lebensgrundlage unserer Städte“.

Doch darum wird sich wenig geschert. Stattdessen findet eine „radikale Ökonomisierung des Bauens“ statt, kritisiert der Architekturkritiker und F.A.Z.-Journalist Niklas Maak. Die Bundesstiftung Baukultur formuliert es ähnlich: Bauen sei ein „renditefixiertes Umfeld“. Kann man sich da also Baukultur überhaupt noch leisten? Oder kann man sie wenigstens in Renditekennzahlen messen? So fragte die Stiftung jüngst bei einer Fachtagung.

Wie ein „schönes“ Haus aussieht

Jenseits der Wirtschaftlichkeitsmaxime hakt kaum einer mehr nach. Kritiker beklagen die „völlige Entpolitisierung des Baudiskurses“, es fehle also die Gegenseite derjenigen, die gesellschaftliche und politische Forderungen an die Bauherren stellen. Zu selten werde versucht, ihnen wenigstens ein paar ästhetische oder soziale Zugeständnisse abzuringen. Das ist fatal, urteilt Paul van der Kuil: „Denn der Investor hat einen Cashflow von 10, maximal 15 Jahren. Länger guckt er sich keine Immobilie an, dann verkauft er sie. So ein Gebäude steht aber viel länger, Beton hält sogar ewig – auch wenn es von vielen nicht gewollt ist“. Fakt ist: Es wird zu wenig über Baukultur diskutiert.

Aus Sicht der Architekten wäre mehr Austausch wünschenswert. Paul van der Kuil hat es selbst oft als unbefriedigend erlebt, wie wenig sich Investoren und Planer über die Gestaltung von Gebäuden auseinandersetzen. „Der Auftraggeber entscheidet letztlich über das, was er finanzieren will, der Architekt hat da als Dienstleister zu folgen.“ So sehen sich viele Architekten in der Klemme zwischen Auftraggebern und Gesetzeswerken, die ihnen vorschreiben, was überhaupt machbar ist – statt sich mit der Frage zu beschäftigen: Wie baue ich Wohnungen, in denen sich auch noch die dritte Bewohnergeneration wohl fühlt?

Gelegentlich hört man von Architekten auch, der moderne Städter müsse sich endlich lösen vom Ideal des 19. Jahrhunderts, die sei schließlich auch in der Stadtplanung längst vorbei. Zudem finde der Mensch ja alles Neue erst einmal hässlich, gewöhne sich aber später daran. Nun ist die spannende Frage, ob man Menschen wirklich zum guten Geschmack erziehen muss. Oft sind schließlich selbst Kommunen und Stadtplaner enttäuscht von dem, was ihnen die Investoren hinstellen, in München etwa: „Nicht alle gebauten Ergebnisse entsprechen den hochgesteckten Erwartungen“, heißt es in offiziellen Berichten.

Gibt es überhaupt eine allgemeine Vorstellung, wie ein „schönes“ Haus aussieht? Architekturhistoriker wie Durth geben zu bedenken, Schönheit sei subjektiv. Und es werde zunehmend schwieriger, sich auf ein Gestaltungsideal zu einigen, weil die Gesellschaft immer parzellierter und individualisierter lebe. Wo also soll sich der Geschmack einpendeln zwischen den Extremen der romantischen Superaltbauten, kühlem Bauhausklassizismus und dem Sichtbeton-Minimalismus der Moderne? Solche Sätze hält Friedrich Thießen für „eine reine Schutzbehauptung“. Aus seiner Sicht gibt es sehr wohl „objektive Schönheit“ gerade in der Architektur. Thießen ist Professor für Finanzwirtschaft an der TU Chemnitz und kommt in Stilstudien zu dem Ergebnis: „Menschen haben eine sehr dezidierte Vorstellung davon, was schöne Architektur ist. Und diese Vorstellung ist bei allen gleich, völlig egal, wie alt sie sind, wie einkommensstark, wie gebildet oder wo sie wohnen.“

Gründerzeit gefällt den meisten

Legt man ihnen Fotos von Häuserzeilen vor und fragt, welche ihnen am besten gefallen, sagen fast alle: Gründerzeithäuser! Es sind Fassaden mit Verzierungen, Fenster mit Umrandungen und spitze Dächer, die mit großem Abstand als die schönsten bezeichnet werden. Die Gründerzeit trifft nicht nur den Massengeschmack, sondern überwältigende 95 Prozent der Befragten würden auch in solche Häuser einziehen wollen. Mit etwas Abstand folgen Neubauten im Stile von Gründerzeitbauten in der Gunst. Mehrheitlich negativ beurteilt werden dagegen nicht nur Bausünden aus Waschbeton, sondern auch moderne kubistische Wohnwürfel. Sie werden nicht nur als Einzelbau als wenig schön empfunden, sondern sie werten auch das gesamte Umfeld ab, urteilen die von Thießen Befragten. In einer aktuellen Untersuchung ließ der Professor zudem testen, was die Betrachter von klassischen Bauhausvillen halten. Die konnten ebenfalls kaum punkten. Würfel mögen praktisch sein, schön aber fand sie kaum jemand. „Bauherren scheinen das nur nicht zu wissen“, schlussfolgert der Professor.

Weil Thießen ein Betriebswirtschaftler ist, ging es ihm auch darum, ob sich die Schönheit von Gebäuden finanziell auszahlt. Die Studie fragte daher: Möchten Sie selbst in diesem Haus wohnen – und wenn ja: Wie viel Geld würden sie dafür ausgeben? Die Antwort überrascht ebenfalls: Gründerzeitbauten und ihre modernen Repliken rechnen sich demnach doppelt. Zum einen begeistern sie weitaus mehr Mieter, zum anderen ist deren Zahlungsbereitschaft deutlich höher. Der Hamburger Investor Georg Winter weiß das aus eigener Erfahrung: Der 72-Jährige errichtete ein neues Stadthaus im Altbauviertel Eimsbüttel. Der Neubau (im Passivhausstandard) ähnelt beinahe bis aufs Gesims den umliegenden Gründerzeitbauten. Dabei haben die Baukosten laut Winter bei nur 3000 Euro je Quadratmeter gelegen, also 10 Prozent über dem üblichen Passivhaus-Schnitt.

Nun kann man fragen, ob der Stil der Gründerzeit im 21. Jahrhundert zwingend das Maß aller Dinge sein muss. Und manch einer wird sich über Thießens Ergebnisse erregen und sie als Beleg dafür sehen, dass es höchste Zeit ist, die architektonische Bildung in den Schulen voranzutreiben. Man kann auch zweifeln, wie aussagekräftig die Methode ist, anhand von Bildern ein Urteil über die unmittelbare Wirkung von Architektur zu fällen. Zumal die mehr als nur Fassadengestaltung ist. Nur: Die Beispiele zeigen, dass Schönheit eben nicht im Auge jedes einzelnen Betrachters liegt. Ein grober Klotz lässt sich nicht schönreden. Den damaligen Baumeistern ist es gelungen, Gebäude zu schaffen, in denen mehr als hundert Jahre später Menschen noch gerne wohnen wollen und die sie als anziehend empfinden. Das liegt an ihren inneren Qualitäten, aber – was das spontane Empfinden angeht – vor allem auch an ihrem äußeren Erscheinungsbild. Gefälligkeit hat also durchaus ihren Wert, das haben Bauherren früher anders als heute verstanden. Und dem muss der Renditegedanke nicht entgegenstehen: Die Gründerzeitwohnblocks waren schließlich die ersten Investorenbauten im großen Stil.

Quelle: F.A.S.
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