Demographie

Neue Wohnformen für ältere Menschen gesucht

Von Christine Scharrenbroch, Hagen-Hohenlimburg
 - 09:20

Einige von ihnen haben beim Gemüseschneiden geholfen, andere haben den Tisch mit gedeckt. Jetzt ist es Viertel nach zwölf, und die neun Bewohner der Demenz-Wohngemeinschaft in Hagen-Hohenlimburg sitzen in der Wohnküche um zwei Tische herum und essen Hühnerfrikassee mit Reis. Zwei Frauen können dies nicht mehr allein tun, sie bekommen das Essen von Pflegeleiterin Simone Hué und einer weiteren Betreuerin angereicht. Zur Unterstützung steht auch noch Oliver parat. Der junge Mann absolviert hier ein freiwilliges soziales Jahr. Nach dem Essen ziehen sich die Demenzkranken – acht Frauen und ein Mann – zur Mittagspause in ihre Zimmer zurück. Für den Nachmittag haben sich mehrere bei Oliver zum täglichen Spaziergang angemeldet. Für die anderen wird es Betreuungsangebote wie etwa Gesellschaftsspiele geben.

„Der Bedarf an Wohnraum für Menschen mit Demenzerkrankung ist hoch“, stellt Marion Golling, Vorstandsmitglied des Hohenlimburger Bauvereins, fest. Die Versorgung zu Hause bringe die Angehörigen oftmals an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. Dann sei kurzfristig eine schnelle Unterbringung gefragt. Mit der im Herbst 2015 eröffneten Wohngemeinschaft für Demenzpatienten, die rund um die Uhr von einem ambulanten Pflegedienst betreut wird, will der Hohenlimburger Bauverein ein alternatives Angebot zum Pflegeheim bieten.

Für rund eine halbe Million Euro ließ die Wohnungsgenossenschaft das Gründerzeithaus in Hagen-Hohenlimburg umgestalten: Aus mehreren kleinen Wohnungen entstanden neun WG-Zimmer mit Gemeinschaftsbädern, auch ein Aufzug wurde eingebaut. Als größte Herausforderung beschreibt Golling die behördlichen Auflagen, die eine vernetzte Brandmeldeanlage sowie Feuerschutztreppen vorsahen. Nadja Sauerborn, deren 75 Jahre alte Mutter seit mehreren Monaten in der WG lebt, schätzt vor allem die familiäre Atmosphäre der Einrichtung sowie das Mitspracherecht der Bewohner etwa in Bezug auf den Speiseplan und den Tagesablauf. Auch die Angehörigen können Einfluss ausüben. Einmal im Monat treffen sie sich, um beispielsweise über Anschaffungen für Haus oder Garten sowie Ausflüge zu sprechen.

Ältere Mieter unterstützen, lange in ihren Wohnungen zu bleiben

Die Demenz-WG ist eingebettet in das Projekt „Lebenslanges Wohnen in meinem Quartier“, das der Hohenlimburger Bauverein im Jahr 2015 gestartet hat. Gefördert wurde es vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen des Programms zur Weiterentwicklung neuer Wohnformen für pflegebedürftige Menschen. In den vergangenen Jahren hätten sich neue Wohnkonzepte zwischen dem Zuhause und der vollstationären Versorgung gebildet, über die bislang aber kaum wissenschaftlich fundierte Kenntnisse vorlägen, sagt Verbandsvorstand Gernot Kiefer. Mit Hilfe des 38 Projekte umfassenden Förderprogramms soll ermittelt werden, welche Modelle Erfolg versprechen.

Das Hagener Programm soll es älteren Mietern ermöglichen, trotz gesundheitlicher Einschränkungen möglichst lange in ihrer Wohnung und ihrem Quartier zu bleiben. Knapp 2000 Wohnungen zählen zum Bestand des Bauvereins, 40 Prozent der Mieter sind 70 Jahre und älter. Damit sie in ihrer gewohnten Umgebung weiter zurechtkommen, kooperiert die Genossenschaft mit einer Reihe von Partnern, die sich alle vier Wochen auf Mietertreffen vorstellen. Neben ambulanten Pflegediensten und Hausnotrufanbietern zählen dazu auch Ergotherapeuten, Fußpfleger und Friseure. Rund 120 Mieter nehmen die Dienstleistungen bislang in Anspruch, Tendenz steigend.

Darüber hinaus sollen sich die Mieter gegenseitig unterstützen und weitere ehrenamtliche Helfer einbezogen werden. Erste kleine Ansätze gibt es bereits, doch existieren auch viele Berührungsängste, wie die Kölner Sozialwissenschaftlerin Anne Dellgrün berichtet, die das Projekt begleitet. „Die Hemmschwelle, Hilfe von außen anzunehmen, ist groß.“ Zur ehrenamtlichen Mitarbeit bereit erklärt haben sich rund 30 meist ältere Menschen, die von der Stadt qualifiziert werden. „Jüngere sind dafür – auch wegen Berufstätigkeit und kleiner Kinder – nur schwer zu gewinnen“, berichtet Golling.

Mehrere Hundert Wohngemeinschaften für Demenzpatienten gibt es mittlerweile in Deutschland. Diese Wohnform ist eine der Maßnahmen, mit denen die Wohnungsbranche auf die steigende Zahl älterer Menschen reagiert. „Das Thema demographischer Wandel ist in der Wohnungswirtschaft ganz deutlich angekommen“, stellt Annamaria Deiters-Schwedt vom Beratungs- und Forschungsinstitut Empirica fest. Die Wohnungsgenossenschaften und -konzerne seien daran interessiert, ihre älteren Mieter zu halten. Diese aber bedürften steigender Unterstützung, etwa weil die Kinder immer häufiger nicht in der Nähe wohnen. Darauf müssten sich die Anbieter einstellen.

Badsanierung gegen Mietzuschlag

Vor einem Mangel an Seniorenwohnungen warnte kürzlich der Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Es würden viel zu wenig preisgünstige Wohnungen für ältere Menschen gebaut, stellte Verbandsvorsitzender Robert an der Brügge fest. Um die Errichtung altersgerechter Wohnungen anzukurbeln, müssten Bauvorschriften gelockert und damit die Baukosten gesenkt werden, forderte er. Auch nach Einschätzung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist der heutige Wohnungsbestand nur unzureichend auf die Anforderungen des Wohnens im Alter vorbereitet. Das Angebot müsse dringend ausgeweitet werden, da die Generation 65 plus bis zum Jahr 2030 rund 3 Millionen Häuser und Wohnungen mehr bewohnen werde als derzeit. Gefragt ist dabei vor allem ein hohes Maß an Selbständigkeit. Einer IW-Umfrage zufolge werden vor allem die Modelle „Betreutes Wohnen“ und „Mehrgenerationenhaus“ bevorzugt.

Neben den Wohnungsgenossenschaften und karitativen Trägern beschäftigen sich auch die kommerziellen Wohnungsunternehmen mit der Frage, wie den älteren Mietern ein selbstbestimmtes Wohnen in gewohnter Umgebung ermöglicht werden kann. „Als Unternehmen fühlen wir uns verpflichtet, Lösungen für den demographischen Wandel zu finden“, sagt Rolf Buch, Vorstandsvorsitzender des Marktführers Vonovia. Dabei treibt das Unternehmen auch der Wunsch nach stabilen Hausgemeinschaften mit wenigen Mieterwechseln an.

Seit drei Jahren investiert Vonovia eigenen Angaben zufolge gezielt in den altersgerechten Umbau der Wohnungen. Im Fokus steht dabei meist das Badezimmer. In Containern werden Badeinrichtungen zur Besichtigung in die Wohnviertel gefahren. Gegen einen Mietzuschlag können sich die Bestandsmieter für eine Badsanierung entscheiden, die in der Regel den Ersatz der Badewanne durch eine bodengleiche Dusche beinhaltet. Rund 1700 Bäder sollen im Rahmen des Programms in diesem Jahr umgebaut werden. Auch bei dem im vergangenen Jahr gestarteten Neubau von modularen Wohnungen nach dem Baukastenprinzip will Vonovia die Bedürfnisse von Senioren besonders in den Blick nehmen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scharrenbroch, Christine
Christine Scharrenbroch
Freie Autorin im Wirtschaftsteil.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHagenDemenzFrauen