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Smog in der Stadt

Wie sich dicke Luft dünne macht

Von Svenja Steltzner
© Alejandro Cartagena, F.A.S.

Auf einem großen Platz zwischen aufgewirbeltem Staub und Verkehrschaos wiegt sich ein tanzendes Paar im Walzerschritt. Eine schöne Szene, wenn da nicht die Atemmasken wären und der Smog, der sich als Nebel tarnt. Keine seltenen Bilder aus China. Was dort zum Alltag gehört, ist in Deutschland so kaum vorstellbar. Doch verdreckte Luft ist auch hierzulande ein Problem. Für Schlagzeilen sorgten jüngst drohende Fahrverbote für Dieselautos, deren Motoren gesundheitsschädlichen Feinstaub und Stickstoffoxide produzieren. Was aber können Städte gegen die Luftverschmutzung tun, außer Dieselfahrzeuge aus der Stadt zu verbannen?

Das Berliner Start-up Elegant Embellishments setzt am Gebäude selbst an, um den Schadstoffgehalt in der Stadtluft zu verringern. Die zwei Architekten Daniel Schwaag und Allison Dring haben eine Fassade entwickelt, die Schadstoffe aus der Luft bindet. Ein Bauprojekt in London brachte sie auf den Gedanken, die Oberfläche der neoklassizistischen Ornamentfassade mit einer fotokatalytischen Beschichtung zu überziehen, die die Luft reinigt. So entstand die Fassade „Prosolve“, eine weiße Kunststoffstruktur, die entfernt an ein Korallenriff erinnert. Die Prosolve-Elemente sind mit Nano-Titandioxid beschichtet. Wenn Licht auf die beschichtete Oberfläche trifft, wandelt sie die Stickoxide in der Luft in Kalziumnitrat um, das an der Fassade kleben bleibt und vom nächsten Regen abgewaschen wird.

„Dabei spielen natürliche Gegebenheiten wie Licht, Wind und Klima, aber auch der Verkehr eine große Rolle. Sie beeinflussen die Leistung der Fassade“, erläutert Schwaag. „Grob geschätzt, speichert sie aber die Abgase von 1000 Autos auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern pro Tag.“ In Mexiko ist die Prosolve-Fassade schon im Einsatz, kleinere Projekte sind in Abu Dhabi und in Perth in Australien entstanden. Momentan entwickeln die Architekten ein Produkt für den chinesischen Markt. Die Nachfrage ist groß, Luftverschmutzung ein globales Thema.

Pflanzenwände machen die Metropolen grün

Auch das Treibhausgas CO2 möchte das Start-up verringern – mit sechseckigen Platten aus Kohle. Das Material gewinnen sie aus Pflanzen, die kontrolliert verkohlt werden. So fixieren sie den darin gebundenen Kohlenstoff und verhindern, dass dieser entweicht, wenn die Pflanze stirbt. „Made of Air“ heißt das Produkt, das zu 50 Prozent aus Kohlenstoff besteht. Mit den Platten kann man Fassaden verkleiden. Sie hätten zudem eine sehr gute Isolierwirkung, verspricht der Hersteller.

Ein anderes junges Unternehmen, das die dicke Luft bekämpfen will, ist Green Solution, ebenfalls aus der Hauptstadt. Sein Produkt heißt „Citytree“, ein natürlicher Luftfilter, der in Metropolen zum Einsatz kommt. Zusätzlich zu Stadtbäumen soll der „Citytree“ an mehreren Standorten, mit einem Abstand von 50 Metern über Straßen und Plätzen verteilt, 30 Prozent der Abgase reduzieren. Die frei stehende Pflanzenwand besteht aus einem Wassertank und Leitungen, die die vertikal angebrachten Pflanzenkübel mit Wasser versorgen. Eine spezielle Mooskultur zieht die Schadstoffe aus der Umgebung und setzt sie in eigene Biomasse um. Auf einer Fläche von 14,5 Quadratmetern ist Platz für eine Menge Flora. Laut Green Solution kann eine Anlage 200 Gramm Feinstaub innerhalb von 24 Stunden binden. Viele Städte nutzen schon vergleichbare Pflanzenwände, um die Luftqualität zu verbessern. Als Pionier auf dem Gebiet gilt der französische Botaniker Patrick Blanc, der schon seit Jahren die Idee des vertikalen Gartens und der grünen Mauern verbreitet, auf denen ein Filz den Pflanzen Halt bietet.

Ob Stadtbäume, begrünte Fassaden oder bepflanzte Betonpfeiler und Wände – sie alle tragen zu sauberer Luft bei. „Sie sorgen für ein angenehmes Klima und erhöhen die Lebensqualität in Städten“, sagt Fabian Dosch vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. So sind die städtischen Erholungsflächen – parallel zum Wachstum der Siedlungsflächen – zwischen 1992 und 2015 von 2255 auf 4455 Quadratkilometer gewachsen. Neben Sport– und Freizeitflächen kommt auch der Bodenvegetation besondere Bedeutung zu, denn sie hilft die Konzentration giftiger Stickstoffdioxide zu verringern und gleichzeitig durch CO2-Speicherung das Klima zu schützen. Die grüne Lunge der Stadt bildet Sauerstoff, filtert Luftschadstoffe, verbraucht Kohlendioxid und speichert davon zirka 62 Millionen Tonnen – das sind 6 Prozent des Kohlenstoffvorrats in Deutschland.

Architektur und Stadtplanung entscheidend

Eine grüne Infrastruktur erhöht nicht nur die Qualität des Wohnumfelds und damit die Lebensqualität der Bewohner. Dach- und Fassadenbegrünung werten das Haus optisch auf und tragen zu besserem Gebäudeklima und Schallschutz bei. Sie sorgen für frische Luft, schützen die Dachdichtung und verringern die Abwassermengen, da bis zu 80 Prozent des Jahresniederschlags dort zurückgehalten werden. Wer sich für eine grüne Architektur entscheidet, bekommt von einigen Städten sogar Zuschüsse.

Einige positive Eigenschaften sprechen für das Stadtgrün. „Doch wie viel die Pflanzen wirklich filtern, ist kaum messbar“, schränkt Marcel Langner, Leiter des Fachgebiets „Grundsatzfragen der Luftreinhaltung“ beim Umweltbundesamt ein. Bäume und Pflanzen hätten einen eher geringen Effekt bei der Reduzierung der Schadstoffe in der Luft, erläutert der Feinstaub-Experte. Wichtig sei, dass die Bäume in der Stadt locker nebeneinander stehen und kein geschlossenes Kronendach bilden – nur so können die Schadstoffe nach oben entweichen. Stehen sie zu dicht aneinander, wird das Durchmischen der Luft verhindert, welches Schadstoffe reduziert. Eine Allee mit vielen dichten Bäumen weist daher Messwerten zufolge eine höhere Schadstoffkonzentration auf. Relevante Faktoren wie Standort, Oberfläche und Windströmung müssen bei der Planung von Stadtgrün berücksichtigt werden.

„Wichtig ist aber vielmehr, die Aktivitäten zu reduzieren, die Schadstoffe verursachen“, sagt Langner. Dazu gehört das Autofahren ebenso, wie den Kamin mit Holz zu beheizen.

Quelle: F.A.S.
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