Serielles Bauen

Wie alte Wohnsiedlungen wieder fit werden

Von Hans-Jörg Werth, Bremen
 - 10:54

Die Bremer Wohnungsgesellschaft Gewoba geht seit längerem neue Wege in der Quartiersentwicklung. Auf eigenen Flächen werden die Bestandsimmobilien aus den fünfziger und sechziger Jahren durch geförderte Neubauten in Kleinserie ergänzt. Eine Nachverdichtung, die jüngst mit dem Deutschen Städtebaupreis belohnt wurde. „Die Lebenssituation der Menschen ist heutzutage viel diverser als noch vor 60 Jahren. Die Bestandsgebäude eignen sich beispielsweise nicht für das Wohnen im Alter oder neue Wohnformen, nicht für Singlehaushalte oder Großfamilien“, erklärt Gewoba-Vorstand Peter Stubbe den Ausgangspunkt. Eine Antwort darauf bei Neubauaktivitäten ist die Nachverdichtung auf den Bestandsflächen der Bremer Wohnungsbaugesellschaft.

Rund 80 Prozent der 42.000 Wohnungen des mehrheitlich kommunalen Unternehmens wurden in den Nachkriegsjahren in ähnlichem Stil erbaut. Von gut 31.000 Wohnungen in Bremen liegen 18.000 in den Stadtteilen Vahr, Osterholz und Huchting, jeweils Quartiere mit traditionell geringen Mieten. Gebaut, um die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg zu lindern, entstanden seinerzeit an den Stadträndern Bremens architektonisch gleichförmige Siedlungen: drei- bis viergeschossige Mehrfamilienhäuser in Zeilenbauweise mit kleinen Drei-Zimmer-Wohnungen für die Durchschnittsfamilie der Sechziger. Der Kostenaufwand zur Revitalisierung sei hier enorm, sagt Martin Paßlack, Leiter Neubau/Stadtentwicklung von Gewoba.

Abhilfe schaffen soll das kürzlich mit dem Deutschen Städtepreis ausgezeichnete Gebäudepaar „Tarzan & Jane“ der Hamburger Architekten Ingrid Spengler und Fredo Wiescholek. Es handelt sich um zwei Wohnblöcke auf einer Rasenfläche zwischen zwei bestehenden Gewoba-Wohnanlagen. Diese homogenen Altbau-Siedlungen sind laut Paßlack zwar bei den Mietern weiterhin beliebt, allerdings fehlten aktuell nachgefragte Wohnqualitäten wie Barrierefreiheit mit modernen Wohnungszuschnitten komplett. Der ungewöhnliche Name des neuen Dschungelpaares ist nicht allein ein Marketingspaß, sagt Architektin Spengler, sondern weise auf die „Power“ der beiden hin, übertragen auf den Großstadtdschungel. Auch optisch bilden die seriellen Gebäude, „Tarzan“ etwas größer und in Putz sowie „Jane“ mit „nettem Kleidchen“ an der Fassade, ein harmonisches Pärchen. „Zugleich soll auf die vorhandenen verbindenden Elemente wie Laubengänge oder das gemeinsam genutzte Erdgeschoss hingedeutet werden“, berichtet Spengler.

Erfreulich sei die Offenheit der Gewoba-Mitarbeiter gewesen, innovative Ansätze in der Planung und Umsetzung mitzugehen, so Spengler. Das sei aktuell eher noch die Ausnahme im Berufsalltag. Zwischen 14 und 18 Wohneinheiten finden in dem prämierten Bautyp Platz, fünf der Bauwerke sind bisher in Planung oder bereits fertiggestellt. „Die Mieten liegen bei 6,10 Euro je Quadratmeter im KfW-70-Standard“, so Paßlack. Die Bauzeit betrage etwa ein Jahr. Immerhin fast 70 Prozent der Mieter seien aus dem Bestand vor Ort in die Neubauten eingezogen.

Thema Passivhaus spielt wichtige Rolle

Der Bedarf zur Nachverdichtung ist schon länger erkannt, das Potential der Bestandsergänzung durch Kleinserien auf Gewoba-Flächen geht somit auch 2017 mit weiteren Baumaßnahmen in die Verlängerung. Je nach örtlicher Bedarfslage und durch passende Kombinationen der Grundrisse ermöglicht das Modell „Tarzan & Jane“ bis zu 100 Wohnvarianten. Paßlack gibt allerdings zu bedenken, dass diese Art seriellen Bauens in der Theorie zwar schnell und günstig funktionieren solle. Allerdings sei aufgrund fehlender Praxisbeispiele die Umsetzung dieses Pilotprojektes in die Realität zunächst erst einmal ziemlich kosten- und personalintensiv.

Paßlack von der Gewoba nennt noch weitere Herausforderungen, die in diesem Jahr auf ihn warten. Beim BlauHaus-Projekt in der Bremer Überseestadt sollen vom Sommer 2017 an 84 Wohnungen unter dem Motto „Gemeinschaftliches Leben, Wohnen und Arbeiten an der Hafenkante“ gebaut werden. Das Vorhaben besteht neben den Wohnungen aus Werkstatt, Kita, Café und verschiedenen Wohngemeinschaften, die unter dem Stichwort Inklusion Wohnangebote für Menschen mit unterschiedlichen Hilfsbedürfnissen schaffen. Knapp die Hälfte dieser Wohnungen wird öffentlich gefördert.

Auch das Thema Passivhaus spielt für die Gewoba eine wichtige Rolle. Mit dem Bau eines Passivhauses für 16 Mietparteien in dem stark nachgefragten Stadtteil Findorff in Bahnhofsnähe werden 4,5 Millionen Euro investiert. Das Passivhaus in Findorff, an dem noch gebaut wird, ist der norddeutsche Beitrag zum europäischen Forschungsprojekt „BuildTog“ (Building Together).

Wie „Tarzan & Jane“ kann auch der Passivhausneubau ein Beispiel für sinnvolle Quartiersergänzung sein. Hinzu kommt in diesem Falle das Thema „höchste Energieeffizienz“. Laut EU-Gebäuderichtlinie müssen vom Jahr 2021 an alle Neubauten als Niedrigstenergiegebäude errichtet werden. „Daher wollen wir uns frühzeitig auf die verschärften Anforderungen an die Energieeffizienz von Wohnungsneubauten vorbereiten und Erfahrungen sammeln“, erklärt Paßlack.

Quelle: F.A.Z.
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