Wohnen in Düsseldorf

Am liebsten mit Rheinblick

Von Christine Scharrenbroch
 - 11:19
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Schon immer wollte Carmen Luderer in Düsseldorf wohnen. Vor allem die Altstadt hat es ihr angetan. Nach dem Einkaufsbummel setzt sie sich gerne an die Rheinpromenade, „um Leute zu gucken“. Vor drei Jahren erfüllte sich die Sechzigjährige den langgehegten Wunsch und zog von Velbert in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt. Durch Zufall entdeckte die Hobbymalerin damals im Internet die Annonce für ihre lichtdurchflutete Dreizimmerwohnung im neuen Le Quartier Central, das auf dem 350.000 Quadratmeter großen Areal des früheren Güterbahnhofs Derendorf entstanden und nun größtenteils vollendet ist. Binnen zehn Jahren wurden hier etwa 2000 Wohnungen hochgezogen - eines der größten städtebaulichen Projekte Nordrhein-Westfalens.

Zwar kennt Carmen Luderer das Vorurteil, solche Neubaugebiete besäßen oftmals keinen Charakter. Doch ihr haben es das urbane Viertel, das sich über die Stadtteile Pempelfort und Derendorf erstreckt, und vor allem ihre Wohnanlage „Le Flair“ richtig angetan. „Die ganze Atmosphäre ist so jung und lebendig.“ Viele Familien mit kleinen Kindern wohnen hier - wovon auch die Kindertagesstätte und die zwei Großtagespflegestellen zeugen. Zwar ist die Gegend an diesem kalten Wintervormittag wenig belebt. Im Sommer aber, erzählt sie mit Blick von ihrem Balkon auf den Maurice-Ravel-Park, werde dort gepicknickt, gespielt, gejoggt. Auf dem kleinen Plätzchen vor ihrer Wohnung sitzen bei schönem Wetter die Gäste auf der Terrasse des kleinen Sterne-Restaurants „Le Flair“.

Besonders schätzt Luderer das „Rundumpaket“, wie sie es nennt. Gleich neben ihrer Wohnung befindet sich der über eine obligatorische Gebühr finanzierte Concierge-Dienst. Hier führt Elke Draessler die Regie: Vor Weihnachten hat sie bis zu 350 Pakete am Tag für die Bewohner entgegengenommen. Zudem vermittelt sie Handwerker, Haushaltshilfen und Babysitter, veranstaltet mit ihrem Team auch Flohmärkte, Sommer- und Weihnachtsfeste. In den Räumen finden Pilates- und Yogakurse statt, Gästeappartements können ebenfalls angemietet werden. Manchen der rund 1000 Bewohner im Le Flair dient Draessler auch als Anlaufstelle für „sehr private Angelegenheiten“, eine Art Kummerkasten gewissermaßen.

Schließlich sei da noch die gute Verkehrsanbindung, sagt Carmen Luderer. Von der S-Bahn-Station Zoo sind es zwei Stationen bis zum Flughafen oder dem Hauptbahnhof. Auch die Straßenbahn hält nahe der S-Bahn-Station auf der Franklinbrücke. Von hier aus bietet sich ein guter Überblick über das große Areal, das über die neue vierspurige Toulouser Allee erschlossen wird.

Erst Güterbahnhof, dann Flohmarkt, heute Wohnraum

Auf dem Gelände rangierten in den achtziger Jahren noch Güterzüge. In den neunziger Jahren wurde der Güterbahnhof nach und nach stillgelegt. Unter dem Namen „Les Halles“ siedelten sich in den alten Hallen erst ein Flohmarkt und später ein Café mit Biergarten an. Mit dem Abriss der Gebäude musste auch das Les Halles weichen und an einen anderen Standort umziehen. Seine Beliebtheit hat mit dafür gesorgt, dass die Straßen und Gebäudekomplexe im neuen Quartier französische Namen tragen. Von den „Neuen Stadtquartieren Derendorf“, wie das Projekt am Anfang offiziell hieß, spricht heute keiner mehr.

Von der Franklinbrücke aus zeigt Andreas Schmitz, zuständiger Projektleiter beim Ratinger Immobilienentwickler Interboden, auf den nördlichen Teil. Hinter der Schallschutzwand und der neu angelegten, langgestreckten Grünanlage liegen dicht an dicht die in Weißtönen gehaltenen Le-Flair-Wohnkomplexe. Im südlichen Abschnitt - dort gab es früher das beliebte Café - heißen die bunt und mit unterschiedlichsten Fassaden gestalteten Häuser Les Halles, dahinter folgt das New York Village. Für den Standort entschieden haben sich zudem Hotels, Werbeagenturen und die Verlagsgruppe Handelsblatt, die vom Düsseldorfer Bankenviertel hierherziehen wird.

Ins Auge stechen von hier vor allem die drei, rund 60 Meter hohen Wohnhochhäuser. Vom 18. Stockwerk des „Pandion Le Grand“ aus bietet sich ein Blick bis hin zum Rhein. Rund 1,6 Millionen Euro hat die 200 Quadratmeter große Penthouse-Wohnung gekostet. Bis zum Sommer soll der Turm fertig sein. Einziehen werden viele Paare, die ihre Häuser aufgeben, weil die Kinder aus dem Haus sind, wie eine Sprecherin berichtet. Alle Wohnungen seien schon verkauft - wie auch im bereits fertiggestellten Nachbarhochhaus „Pandion d’Or“, der zuletzt mit Wasserrohrbrüchen negative Schlagzeilen machte.

Die Nachfrage nach Wohnraum ist hoch in Düsseldorf. Rund 635.000 Einwohner leben hier, und jedes Jahr kommen mehrere tausend hinzu, darunter auch Flüchtlinge. Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt gilt als die Wirtschaftsmetropole in der Region Rhein-Ruhr. Große Unternehmen wie Henkel, Metro, Eon, Ergo, Rheinmetall und Gerresheimer haben hier ihren Sitz. Dazu kommen unter anderem die Deutschland-Zentralen von Vodafone, L’Oreal und Huawei, außerdem etliche Werbeagenturen und Rechtsanwaltskanzleien. Jeden Tag pendeln 241.000 Menschen aus dem Umland in die Stadt, während nur 76.000 Düsseldorfer auswärts arbeiten. Touristen zieht es meist auf die Einkaufsmeile Kö, in die Altstadt, in den Medienhafen mit den preisgekrönten Gehry-Bauten und zum Karneval. Kulturelle Anziehungspunkte stellen vor allem die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20, das Museum Kunstpalast und das Schloss Benrath dar.

Neubauprojekte bedienen das gehobene Segment

Unter den teuersten deutschen Großstädten rangiert Düsseldorf mit einer Angebotsmiete von 10,65 Euro je Quadratmeter und Kaufpreisangeboten von 3410 Euro je Quadratmeter hinter München und Frankfurt auf Platz sechs, wie Jones Lang Lasalle ermittelt hat. Die kostspieligsten Pflaster sind die linksrheinischen Stadtteile Ober- und Niederkassel, wo neben den prägenden Jugendstilhäusern in den vergangenen Jahren reihenweise neue Luxuswohnungen entstanden sind. „Wenn Leute aus München oder Hamburg anrufen, fragen sie oft, was wir in Oberkassel, am liebsten mit Rheinblick, haben“, berichtet Uwe Menzel, Leiter Privatimmobilien beim Makler Aengevelt. Und die Kunden seien bereit, die entsprechenden Preise zu zahlen, lägen diese doch unter Hamburger und erst recht unter Münchner Niveau. So werden für eine 100 Quadratmeter große Wohnung in Top-Rheinlage bis zu 1,5 Millionen Euro fällig. Ebenfalls beliebt sind auch die Stadtteile Bilk, Flingern, Derendorf und Pempelfort.

Familien zieht es nach Beobachtung von Menzel häufig in die Stadtteile Grafenberg, Gerresheim oder Wittlaer. Wer einigermaßen zentral wohnen will, muss sich auf mindestens 450.000 Euro für eine Vierzimmer-Wohnung und mindestens 600.000 Euro für ein Einfamilienhaus einstellen. In der Gartenstadt Reitzenstein etwa, einem neuen Viertel in Mörsenbroich, soll es Beobachtern zufolge für jedes der 350 Reihenhäuser (Kaufpreise zwischen 500.000 Euro und eine Million Euro) drei Bewerber gegeben haben. „Der Wohnungsmarkt ist angespannt“, sagt Menzel, „vor allem bei günstigen Wohnungen.“

Neubauprojekte bedienten vor allem das gehobene Segment, unterstreicht auch das Maklerhaus Engel & Völkers. Gerade Familien hielten daher verstärkt auch im Düsseldorfer Umland Ausschau. Die Stadt versucht, dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Seit 2013 schreibt sie bei Großprojekten vor, dass 20 Prozent der Wohnungen als Sozialwohnungen und weitere 20 Prozent als preisgedämpfte Wohnungen gebaut werden müssen. Liegen die Planungen schon länger zurück - wie beim Quartier Central -, greift die Regel formell nicht. Für das letzte verbliebene Baufeld aber beabsichtigt Entwickler Interboden nach eigenem Bekunden, die Quote umzusetzen.

Zwar ziehen in Düsseldorf die Bautätigkeit und damit die Zahl der Fertigstellungen seit Jahren an - auf knapp 2200 Wohnungen im Jahr 2014 (neuere Zahlen sind nicht verfügbar). Die hohe Nachfrage kann damit aber nicht gedeckt werden, wie kürzlich die NRW-Bank warnte. Bis 2020 werden nach einer Prognose des Landes jährlich zwischen 5400 und 5800 neue Wohnungen benötigt. „Die Attraktivität Düsseldorfs hat ihre zwei Seiten“, sagt Dirk Baackmann, stellvertretender Leiter des Stadtplanungsamts. „Die vielen Arbeitsplätze und die zentrale Lage locken viele Bürger an.“ Doch das Stadtgebiet ist klein, verfügbares Bauland knapp.

Dass die Stadt trotz dieser Schwierigkeiten in der Lage ist, Bauflächen zur Verfügung zu stellen, unterstreicht Baackmann mit Verweis auf zwei von mehreren Großprojekten. Hoffentlich noch in diesem Jahr sollen die Arbeiten auf dem 39 000 Quadratmeter großen Areal des früheren Postverteilzentrums nahe dem Hauptbahnhof starten, wo der Entwickler Catella das Viertel Grand Central mit rund 1000 Wohneinheiten, darunter drei 60-Meter-Türmen, plant. Im Gerresheimer Glasmacherviertel will der Investor Patrizia auf dem ehemaligen Glashüttengelände 1400 Wohnungen bauen.

Nicht in einem isolierten Neubauviertel zu wohnen war Christine Niehs wichtig, die an diesem Morgen ihre kleine Tochter im Quartier Central spazieren fährt und von Frankfurt hierhergezogen ist. Die unmittelbare Anbindung an das lebendige Pempelfort mit seinen vielen Läden und Lokalen wie „Löffelbar“ oder „Ab der Fisch“ schätzt die junge Mutter sehr. Die Geschäftsleute profitieren spürbar von dem neuen Viertel: Seitdem der frühere Güterbahnhof bebaut werde, habe sie viele neue Kundinnen gewonnen, berichtet Designerin Stefanie von Scheven, die auf der Tußmannstraße ein Schmuckgeschäft betreibt. „Die gesamte Gegend hier hat eine Aufwertung erfahren.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Scharrenbroch, Christine
Christine Scharrenbroch
Freie Autorin im Wirtschaftsteil.
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