Wohnen in Ingolstadt

In Audis Bann

Von Henning Peitsmeier
 - 10:46
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Eigentlich hat Ingolstadt alles, was in diversen Städterankings Pluspunkte bringt. Es gibt Kultureinrichtungen und Schwimmbäder, bezahlbare Kindertagesstätten und Krankenhäuser, die Stadt liegt idyllisch an der Donau, sie ist vermögend und hat als Residenz der Wittelsbacher und Hochburg der Gegenreformation eine wechselvolle, durchaus ruhmreiche Geschichte. Eigentlich ist alles prima. Eigentlich.

Aber trotzdem hadern viele Ingolstädter mit ihrer Stadt. Zu der Geschichte Ingolstadts gehört zum Beispiel, dass die bereits 1472 gegründete, erste bayerische Universität die britische Schriftstellerin Mary Shelley zu ihrem Roman „Frankenstein“ inspirierte. Victor Frankenstein schuf seinen künstlichen Menschen an ebenjener Universität, die später ins schöne München verlegt wurde, und Spötter sehen die Frankenstein-Geschichte als Beleg für die Trostlosigkeit der Industriestadt mit ihren Raffinerieschloten und Fabrikhallen – so hässlich wie das künstliche Monster. Dass Ingolstadt an einem der schönsten Flüsse Deutschlands liegt, bleibt weitgehend unbemerkt, die Stadt kehrt der Donau den Rücken zu. Flussaufwärts lockt das schmucke Renaissance-Städtchen Neuburg die Touristenströme an, flussabwärts liegt das noch reizvollere Regensburg.

Bleiben noch die kulturellen Errungenschaften und die tolle Haushaltslage. Ingolstadt ist quasi schuldenfrei, die Arbeitslosigkeit liegt unter 2 Prozent, und die Stadt wächst seit Jahrzehnten mit dem wichtigsten Arbeitgeber um die Wette: Ingolstadt ist Audi-Stadt. Ende der fünfziger Jahre wohnten 50.000 Menschen hier, heute sind es mehr als 130.000. Audi hat die Arbeiter und mit ihnen den Wohlstand in die Stadt gebracht, hat Fabriken gebaut und Werkswohnungen. Vieles leistet sich die Stadt, erstklassigen Fußball zum Beispiel, zu anderem fehlt der Mut: Als etwa der renommierte Architekt Stephan Braunfeld, über die Donau ein Museum bauen wollte, den spektakulären „Wolkenbügel“, konnte sich der Stadtrat dazu nicht durchringen.

Jetzt, da Audi wie der Volkswagen-Mutterkonzern tief in den Skandal um manipulierte Dieselautos verstrickt und mit Milliardenbelastungen konfrontiert ist, kommen auch auf Ingolstadt härtere Zeiten zu. Irgendwie passt es ins Bild, dass der von Audi mit etlichen Millionen in die Fußball-Bundesliga gehievte Fusionsklub FC Ingolstadt im Abstiegskampf steckt.

Die Kehrseite oberbayerischer Gemütlichkeit

Schon kurz nach Bekanntwerden der Abgasschummeleien bei Volkswagen vor eineinhalb Jahren verhängte Finanzbürgermeister Albert Wittmann (CSU) eine Haushaltssperre, weil er mit dem Einbruch der Gewerbesteuern rechnete. Um das Budget der Stadt stehe es nicht schlimm, sondern viel schlimmer, hatte Wittmann erklärt. Ingolstadt spart seither. Teure Bauprojekte wie ein neues Gymnasium und das Museum für Konkrete Kunst und Design wurden zurückgestellt. Auch die 100 Millionen Euro teure Sanierung des Stadttheaters fiel dem Rotstift zum Opfer. Nicht alle im Stadtrat sind mit dem Sparkurs einverstanden.

Einer von ihnen ist der Oppositionspolitiker Jörg Schlagbauer (SPD). „Es muss geprüft werden, wo sinnvoll gespart werden kann, das ist verständlich“, sagt er. „Aber dass man im sozialen Bereich kürzt, dass zweimal in Folge die Kindergarten-Gebühren angehoben werden und im Vorfeld sogar ein Jugendtreff geschlossen wird, das geht zu weit.“

Schlagbauer sitzt nicht nur im Stadtrat, er ist auch Vertrauenskörperleiter der IG Metall bei Audi. Der Neununddreißigjährige ist Ingolstädter und Audianer. Der Großvater arbeitete bei Audi, der Vater und jetzt er, erst als kaufmännischer Azubi, inzwischen als Betriebsrat im Werk Ingolstadt. Auf seinem Schreibtisch liegen die Beitrittserklärungen zur IG Metall. „Bei allen Sparanstrengungen dürfen Investitionen in die Infrastruktur nicht vernachlässigt werden. Nichts ärgert die Ingolstädter so sehr wie der fehlende soziale Wohnungsbau und der Verkehrsinfarkt. Seit Jahren diskutieren wir im Stadtrat einen Verkehrsentwicklungsplan, der muss jetzt endlich umgesetzt werden.“ Schlagbauer ist selbst von dem regelmäßigen Pendlerstau Richtung Audi-Werk betroffen. Er lebt mit seiner Familie im Süden der Stadt. Hier hat sich Ingolstadt ausgebreitet, zahlreiche Neubaugebiete sind in den vergangenen Jahrzehnten entstanden für die stetig wachsende Zahl an Einwohnern. So ist Ingolstadt eine Ansammlung von Stadtteilen geworden, in denen es sich gut leben lässt, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) gern betont, der ein Einfamilienhaus in Gerolfing besitzt – mitsamt der berühmt gewordenen Modelleisenbahn im Keller.

Die Kehrseite oberbayerischer Gemütlichkeit in den Vorstädten ist die gefühlte Langeweile in der Innenstadt. Eigentlich kann sich das historische Stadtzentrum mit dem imposanten Münster aus dem 15. Jahrhundert sehen lassen. Entlang der Theresienstraße, der wichtigsten Einkaufsmeile, und auch in den Seitengassen versprühen barocke Patrizierhäuser mit ihren pastellfarbenen Fassaden fast schon italienisches Flair. Leider wird die Fußgängerzone in Richtung Paradeplatz immer lebloser. Einige Ladenlokale stehen leer. Neben einem „Fashion Outlet Store“ hat eine Schuhmanufaktur geschlossen, und ein paar Meter weiter, noch vor dem Kaufhof, wartet in der Ludwigstraße ein großer Klinkerbau auf einen neuen Pächter. Hier soll bald eine „Primark“-Filiale eröffnet werden und ein jüngeres Publikum zurück in die City holen.

Ingolstadt soll lebendiger werden

Als Einkaufsstadt ist Ingolstadt nicht bekannt, die Vorbeifahrer an der A9 besuchen lieber das Outlet-Center am Ortsrand. Das „Ingolstadt Village“ sieht nicht nur aus wie ein kleines Disneyland, auch das Publikum ist so international und kauffreudig. Saudis, Chinesen, Japaner und auch Münchner kommen hierher zum Shoppen – aber nicht weiter.

Das Architekturbüro J. Mayer H. hat vor drei Jahren in einem „City-Dossier“ Thesen und Visionen vorgestellt, wie Ingolstadt lebendiger, wie es eine „livable city“ werden könnte. Die Architekten wollen Straßen und Plätze begrünen, verlassene Gewerbeflächen dank moderner Architektur in „multifunktionale Zentren“ verwandeln und sogenannte „Pain Points“, an denen chronische Störungen auftreten, beseitigen. Von diesen Pain Points – den Staustraßen, dem Donauufer mit seinem fehlenden Freizeitangebot, dem leeren Bahnhofsvorplatz und all den anderen Plätzen mit trostloser Architektur – hat Ingolstadt jede Menge.

Auch Stadtrat Schlagbauer wünscht sich architektonische Verbesserungen und ein Audi-Werk, das sich ganz ohne abweisenden Fabrikzaun der Öffentlichkeit präsentiert. Mit dem „Audi Forum“ an der Ettinger Straße, dessen Platz vor dem gläsernen Verwaltungsbau sich „Piazza“ nennt, ist das Schlagbauer zufolge schon gelungen. Viele Ingolstädter, die nicht bei Audi arbeiten, träfen sich in der Woche zu After-Work-Partys oder an den Wochenenden zum Brunchen, sagt er. Das Großprojekt „IN-Campus“, ein Technologiezentrum im Stil von Google und Apple, ist wegen des Dieselskandals dem Sparkurs zum Opfer gefallen. Schlagbauer rechnet fest mit dem Bau, denn schließlich hat Audi gemeinsam mit der Stadt bereits das Gelände einer ehemaligen Raffinerie im Süden von Ingolstadt gekauft. „Der IN-Campus ist nur verschoben, bestimmt nicht aufgehoben. An diesem Projekt geht kein Weg vorbei. In seiner Endausbaustufe kann sogar ein eigener Stadtteil mit 20.000 Menschen daraus werden. Das allein unterstreicht die Wichtigkeit des IN-Campus für Audi und Ingolstadt.“

Tatsächlich ist der Wohnraum in Ingolstadt auch deshalb knapp, weil der Stadt kaum noch Flächen angeboten werden. All die Landwirte, die früher noch bereitwillig Äcker und Wiesen verkauft haben, seien heute bereits Multimillionäre, sagt man in Ingolstadt.

Einer, der den Wohnimmobilienmarkt aus dem Effeff kennt, ist Udo Fuderer. Der Immobilienmakler ist Geschäftsführender Gesellschafter bei Engel und Völkers in Ingolstadt und beobachtet die Preisentwicklung durchaus kritisch. Gerade erst hat in einem vor sechs Jahren erschlossenen Neubaugebiet in Manching ein Grundstück für 800 Euro pro Quadratmeter den Besitzer gewechselt. „Die Preissteigerungen der letzten zwei Jahre waren extrem“, sagt Fuderer. In einer Studie weist das Maklerunternehmen für Einfamilienhäuser einen Durchschnittspreis von 597.031 Euro aus – fast doppelt so viel wie in der ungleich größeren Stadt Bielefeld (315.038 Euro). Und während in der größten Stadt Ostwestfalens Wohnungen zu einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 1540 Euro gehandelt werden, liegt er in Ingolstadt bei stolzen 3989 Euro und damit um 13,5 Prozent höher als im Vorjahr. Auch die Angebotsmieten sind um mehr als 10 Prozent auf durchschnittlich 11,42 Euro je Quadratmeter gestiegen. Makler Fuderer glaubt, dass sich der Markt in diesem Jahr beruhigt. „Jetzt ist der Dieselskandal im Portemonnaie der Ingolstädter angekommen.“ Mit Folgen für die Immobilien: „Es wird nicht mehr jeder Phantasiepreis gezahlt, und auch die Banken werden vorsichtiger in den Immobilienfinanzierungen.“ Ein geflügeltes Wort unter Immobilieninteressenten in Ingolstadt ist die „Wohnimmobilienkreditrichtlinie“. Aufgrund des sehr hohen Preisniveaus müssen Immobilienkäufer gegenüber den Banken ihre Solvenz für die vollständige Finanzierung belegen. Inzwischen sind die früher üblichen Finanzierungen von hundert Prozent des Kaufpreises nach Beobachtung von Fuderer eher die Ausnahme.

Dass der Dieselskandal in Ingolstadt zu einer kräftigen Marktbereinigung führt, dass etwa reihenweise Finanzierungen platzen und die Immobilienpreise deutlich fallen, glaubt Fuderer jedoch nicht. „Selbst wenn sich jetzt die Preisspirale nicht weiter nach oben dreht, kann eine heute gekaufte Immobilie in Ingolstadt in zehn Jahren schon wieder ein lohnendes Investment gewesen sein.“ Eigentlich wäre die Dieselkrise eine Chance für die Stadt, eine Identität jenseits von Audi zu finden. Eigentlich.

Quelle: F.A.S.
Henning Peitsmeier - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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