Wohnen in Potsdam

Zwischen Prominenz und Platte

Von Kristina Pezzei
 - 10:44
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Wenn Janine Trott mit ihrer Familie in den Urlaub fährt, bucht sie immer ein richtig großes Ferienhaus. Ein Zimmer für jedes der drei Kinder, ein großes Wohnzimmer, ein geräumiger Flur: Schließlich sollen die Ferien eine Abwechslung vom Alltag bieten. Normalerweise wohnt Familie Trott in einer Dreizimmerwohnung in der Potsdamer Innenstadt. Das jüngste Kind spielt in einer Ecke des Schlafzimmers und schläft mit seinen drei Jahren im Ehebett, in der Mitte. Die älteren beiden teilen sich ein Zimmer. „Wir finden einfach nichts Größeres, das für uns bezahlbar und angemessen wäre“, sagt die 35 Jahre alte Trott.

Dabei hat sich der Mietpreis, zu dem die Trotts vor 14 Jahren in den gemütlichen Altbau in einer Querstraße zur Fußgängerzone gezogen sind, ohnehin schon nahezu verdoppelt: Potsdam, das ist in den vergangenen 20 Jahren die Stadt der Reichen und Schönen geworden. „München des Ostens“, „preußisches Sylt“, so und so ähnlich lauten stets die Schlagzeilen, wenn Zahlen zum Immobilienmarkt veröffentlicht werden. Seit Jahren klettern die Preise für Miet- und Eigentumswohnungen und Häuser gleichermaßen; während in zentralen Lagen das Angebot schwindet, entstehen an den Rändern und zwischen Verkehrsachsen große Neubausiedlungen, die auch ihren Preis haben – ohne jedoch mit Infrastruktur oder Urbanität der gewachsenen Gegenden aufwarten zu können.

Potsdam war Sitz der preußischen Könige, Garnison- und Universitätsstadt, aber nie Industriestandort. Nach der Wende dauerte es folglich nicht lang, bis die Prominenz aus dem Westen die Stadt für sich entdeckte. Unmittelbar vor den Toren Berlins gelegen, bot sich hier ein Rückzugsort zur lauten und dichten, aber für das Geschäft eben auch wichtigen Metropole an. Nach und nach gingen die oft sehr renovierungsbedürftigen, geschichtsträchtigen Villen des Viertels „Berliner Vorstadt“ an Vermögende aus Medienwelt, Mäzenaten- und Unternehmertum. Eingebettet zwischen Seen und Parks, umgeben von großzügigen Grundstücken, schufen sich Günther Jauch, Kai Diekmann und Wolfgang Joop – stellvertretend für zahlreiche weitere Prominente – eine eigene heile Welt. Ähnliches passierte an anderen Seeufern. Auch das um 1920 herum eingemeindete Babelsberg, die Villenviertel um den Pfingstberg und die Wohngegenden im weiteren Umfeld von Sanssouci wandelten sich nach und nach in schick sanierte Straßen- und Grünzüge.

Tagsüber im hektischen Berlin, abends im beschaulichen Potsdam

Von dem Bevölkerungsschwund Ostdeutschlands in den Jahren nach 1990 war die brandenburgische Landeshauptstadt ohnehin deutlich weniger betroffen als andere Städte. Zur Jahrtausendwende drehte dann der Markt. Die Verwaltung hatte während der Schrumpfungsphase in den Plattenbausiedlungen, die vor allem im Südosten der Stadt liegen, auf einen Abriss verzichtet – eine Entscheidung, die den Markt heute entlastet. Inzwischen zählt Potsdam etwa 170.000 Einwohner, 30.000 mehr als zur Wendezeit. Tendenz steigend.

„Man hat hier einfach eine hohe Lebensqualität“ , sagt der Architekt Ludger Brands, der seit 20 Jahren in Potsdam wohnt. Im Gegensatz zu vielen Zuzüglern arbeitet er auch in der Stadt. Brands hat ein eigenes Büro und lehrt an der Fachhochschule. Die meisten Wahlpotsdamer machen sich morgens auf den Weg nach Berlin, entsprechend voll sind Straßen und S-Bahnen zu den Stoßzeiten. „Abends sind sie dann froh, der Millionenstadt ein Stück weit zu entfliehen und es etwas beschaulicher zu haben“, sagt Brands. Dazu kommt, dass Potsdam nicht nur ein Auffangbecken für metropolenmüde Berliner ist: Die brandenburgische Landeshauptstadt zieht auch Menschen aus den strukturschwächeren Gegenden des Bundeslandes an.

Doch wohin mit all den Menschen in einer Stadt, deren Ausdehnung durch Seen und Havel, Naturschutzrecht, Denkmalschutz- und Welterbeauflagen beschränkt ist? Die Stadtverwaltung hat Potential für 16.000 zusätzliche Wohnungen zu den derzeit etwa 90.000 ausgemacht. Ein Großteil davon entsteht auf ehemaligem Militärgelände wie dem Bornstedter Feld im Norden, wo die städtische Gesellschaft „ProPotsdam“ etwa 300 Hektar Land in einen neuen Stadtteil verwandeln soll. Neben 5000 Arbeitsplätzen entstehen im Bornstedter Feld Wohnungen und Häuser für gut 13.000 Menschen, etwa die Hälfte davon ist eingezogen. Die Mehrgeschosswohnungen knüpfen an den Kasernenbestand an, Einfamilien- und Reihenhäuser säumen das Gelände.

Die Straßen sind großzügig angelegt, die Häuserreihen rechteckig, quadratisch und gut gebaut. Dazwischen weht der Wind aus Langeweile und Leblosigkeit, der vielen Neubaugebieten eigen ist. Für Janine Trott käme ein Umzug in das Gebiet nicht in Frage. „Das sieht aus wie Legoland, ein Haus ist wie das andere“, findet sie. „Da muss man ja aufpassen, dass man sich nicht in der Tür irrt, wenn man abends nach Hause kommt.“ Die Durchschnittsmiete im Bornstedter Feld liegt im Neubau bei gut 9,50 Euro je Quadratmeter. Preisgünstiger sind die Plattenbausiedlungen vor allem im Südosten; bei den Potsdamern haben sie nicht den besten Ruf, aber sie sind saniert für einen durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 5,40 Euro zu haben. Hier wohnen viele ältere Bewohner, die damals aus dem DDR-Verwaltungsapparat direkt in die Rente gewechselt sind.

Streit um sozialistisches Erbe

Doch wer zentraler oder kleinteiliger wohnen möchte, zahlt empfindlich mehr. Mit bis zu 12,50 Euro je Quadratmeter müssen Mieter laut dem Maklerverband IVD in Spitzenlagen rechnen; den Trotts sind auch schon deutlich höhere Angebote untergekommen. Dem IVD zufolge sind die Mieten in den vergangenen zwölf Monaten um 11 Prozent auf etwa 10 Euro pro Quadratmeter in mittleren bis guten Lagen gestiegen. Eigentumswohnungen erreichen Quadratmeterpreise von bis zu 3900 Euro.

Auch in der historischen Mitte Potsdams, unweit des Hauptbahnhofs, soll neuer Wohnraum entstehen. Allerdings überlagert hier die Diskussion um die grundsätzliche Gestaltung des Areals die Frage nach der Wohnbebauung. Gefördert von Mäzenen, allen voran SAP-Mitgründer Hasso Plattner und Fernsehmoderator Günther Jauch, sind zwischen Altem Markt, Havelufer und Garnisonkirche große Teile des historischen Potsdams rekonstruiert worden. Am Markt unmittelbar neben Landtag und Fortunaportal hat zuletzt der Lückenschluss durch das Plattner-Kunstmuseum Barberini für Schlagzeilen gesorgt; der Milliardär hat das barocke Stadtpalais wieder herrichten lassen, um darin Teile seiner Kunstsammlung zu zeigen.

Eigentlich hat er in der Nachbarschaft bauen wollen, an der Stelle, an der bis heute das Hotel Mercure als einziges wirkliches Hochhaus der Stadt steht. Doch an Abriss oder Erhalt des DDR-Baus hat sich der seit langem schwelende Streit um die Entwicklung Potsdams entzündet: Langjährige Bewohner beschuldigen die nach der Wende zugezogenen Spender, das sozialistische Erbe aus dem Gedächtnis der Stadt löschen zu wollen. Sie hängen an den einstigen Vorzeige-Plattenbauten unmittelbar im historischen Zentrum. Die Prominenz wiederum sieht in der grauen Einheitsarchitektur und dem zerstörten Grundriss der Mitte Fehler der Vergangenheit, die es zumindest punktuell zu beheben gilt. Vorwürfe, bevormunden zu wollen, prallen auf die von Neid und Missgunst.

Wie vielschichtig die Diskussion dahinter ist, zeigt eine Antwort der Schauspielerin Nadja Uhl auf eine Gesprächsanfrage: Ein Interview lehnt die Wahlpotsdamerin, die sich mehrfach zur Stadtentwicklung positioniert hat, ab mit dem Hinweis, sie sei nicht genug vertraut mit der ganzen Materie, „um sich ein wirklich ausreichend umfassendes Bild zu machen, das der Rahmen eines Interviews erfordert“.

Einige Plattenbauten, darunter die ehemalige Fachhochschule, sollen nun in den kommenden Jahren abgerissen werden, die Pläne für das Hotel Mercure liegen auf Eis. Entstehen sollen neben hochpreisigen Eigentumswohnungen auch geförderte Wohnungen. Eine gewisse Bevölkerungsmischung zu erhalten ist erklärtes politisches Ziel. Bei der Vergabe von Grundstücken auf dem Areal der ehemaligen Fachhochschule etwa würden Bieter bevorzugt, die Mietpreis- und Belegungsbindungen sowie Mieten gewährleisten, die sich mittel- bis langfristig am Mietspiegel orientieren, erklärt „ProPotsdam“-Geschäftsführer Bert Nicke. „Damit gewährleisten wir, dass auch im Potsdamer Stadtzentrum Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung zur Verfügung stehen wird.“

„Schwerreiche Leute mit elitärem Auftreten“

Nach Ansicht von Janine Trott ist es für ein wirkliches Miteinander von Menschen mit unterschiedlich hohem Budget womöglich zu spät. „Wir merken schon, dass sich das Publikum austauscht, gerade die Alteingesessenen nach und nach aus unserer Straße verschwinden“, beobachtet sie in den Querstraßen zur Fußgängerzone. Proportional zur Zahl der Menschen mit größerem Geldbeutel steigt die Zahl der Boutiquen, Kaffeeröstereien und Weinhandlungen. Dabei lehnt sie das Neue keineswegs ab: Das Museum Barberini gefällt Janine Trott, die selbst im Kunsthandel arbeitet, das meiste darum herum auch – gleichzeitig ist sie der Meinung, dass jede Zeit ihre Berechtigung habe und nicht ausradiert werden sollte.

Ähnlich denkt Julia Neubronner, die bis vor kurzem mit ihrer Familie in Babelsberg lebte. Auch die 41 Jahre alte Wahlpotsdamerin findet es grundsätzlich gut, dass die Wohlhabenden Geld aufwenden für Entwicklung und Gestaltung ihrer Stadt. Dass sie zugleich aber auch eine Vorstellung davon mitbringen, wie eine Stadt aussehen soll, findet Neubronner „schwierig“. Auch sie hat erlebt, wie der zunehmende Glanz Potsdams einen Schatten auf ihr Viertel geworfen hat. „Da hat sich die Stimmung gewandelt, es kamen immer mehr schwerreiche Leute mit entsprechend elitärem Auftreten“, erzählt sie. Das Leben auf der Straße kam schrittweise zum Erliegen – stattdessen fuhren morgens und nachmittags Privatbusse vor, die die Kinder aus den Villen in die Privatschulen in der Umgebung fuhren.

Der Familie fiel es dadurch nicht mehr allzu schwer, nach langer vergeblicher Immobiliensuche in Babelsberg in einen Vorort zu ziehen. Dort wohnen Neubronners in einem Haus aus den zwanziger Jahren mit Garten, die zwei Söhne fahren mit dem Rad in die Schule; seit Julia Neubronner bei einem Software-Start-up auf dem Mediengelände Babelsberg arbeitet, radelt auch sie täglich. Einzig ihr Mann pendelt nach wie vor nach Berlin, er entgeht dem täglichen Stau auf der Straße und in der S-Bahn durch nach hinten verschobene Arbeitszeiten.

Irgendwann wird die Drei-Zimmer-Altbauwohnung auch für Familie Trott in der Potsdamer Innenstadt zu klein werden – das jüngste Kind wird sich nicht ewig mit der Spielecke im Schlafzimmer zufriedengeben, und ein eigenes Bett braucht es auch. Die Familie sucht weiter; kurzfristig setzt Janine Trott auf den Frühling: Wenn es wärmer wird, nutzen die Bewohner den Hof wieder regelmäßig: „Im Sommer ist das unser viertes Zimmer, ganz kostenlos.“

Quelle: F.A.S.
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