Wohnen in Zürich

In der Enge die Weite finden

Von Johannes Ritter
 - 14:39
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Auf einem Hügel zu leben hat so seine Vorteile. „Es ist luftiger hier oben und immer ein paar Grad kühler“, schwärmt Alexandre Robert. Der gebürtige Westschweizer hat 15 Jahre im Kreis 5 gelebt, gleich um die Ecke der berühmten Langstraße. Dort zeigt sich Zürich, die wohlhabende, adrette Finanzdrehscheibe, von seiner bunten und schrägen Seite. In den Clubs, Bars und Kneipen dieses Viertels, einer Art Kreuzberg in klein, machen die ausgehlustigen Zürcher regelmäßig die Nacht zum Tag. Robert, Creative Director in einer Design-Agentur und selbst Hobby-Musiker, mochte den Trubel. Doch mit der Geburt von zwei Töchtern änderte sich die Perspektive. Gemeinsam mit seiner Frau suchte Robert nach einer ruhigeren Ecke, wobei sie nicht aufs Land ziehen wollten; die neue Bleibe sollte schon in der Stadt sein.

In Zürich herrscht Wohnungsnot. Und die Mieten treiben nicht nur Ausländern die Tränen in die Augen. Es dauerte vier Jahre, bis die Familie endlich fündig wurde: in der Enge. So heißt dieses Viertel, zu dem der bestimmte Artikel unbedingt gehört. Man wohnt nicht in Enge, sondern in der Enge. Und wer das von sich sagen kann, hat alles richtig gemacht. Denn der Name ist nicht Programm, im Gegenteil: „Obwohl es ,Enge‘ heißt, ist hier die Weite“, sagt Robert. Die Häuser stehen nicht so dicht beieinander wie in anderen Vierteln der Stadt. Sie verteilen sich über einen Hügel, der von großen Parks mit gewaltigen alten Bäumen durchzogen ist. Familie Robert hat eine hübsche Neubauwohnung schräg gegenüber dem Rieterpark ergattert. Von dort sind es nur zwei Minuten bis zum nächsten Spielplatz und - im Sommer ein echter Trumpf - acht Minuten zu Fuß hinunter zum Zürichsee.

Das klare, saubere Wasser lädt zum Baden ein, ob nun im kleinen Seebad zur Enge, dessen Holzstege in den See ragen, oder im Strandbad Mythenquai mit seinen weiten Wiesen und einem 250 Meter langen Sandstrand. „Wir genießen die Ruhe hier“, sagt Robert, der zugleich aber auch froh darüber ist, wie nah das Zürcher Geschäftszentrum für ihn noch immer liegt: Mit dem Fahrrad braucht er nur fünfzehn Minuten bis zur Arbeit.

Das edle Restaurant „Belvoirpark“ lockt zur Einkehr

Die Enge liegt am oberen linken Seebecken und grenzt direkt an die Innenstadt. Im Norden reicht das Viertel bis zum Fluss Sihl. Der Name bezieht sich auf den Engpass zwischen dem Zürichsee und dem Hügel, der die Sihl vom See trennt. Zustande kam dieser Hügel in der Eiszeit, als zwei Gletscher spitz aufeinander zuliefen und einen Moränenzug hochschoben. Diese Erhebung nutzten die Bewohner im Mittelalter zum Anbau von Wein. Von den vielen Weinhängen ist bis heute noch einer übrig geblieben: Oberhalb der evangelisch-reformierten Kirche, die wie ein kleines Sacré-Cœur über dem Quartier thront, stemmen sich malerisch die Weißweinreben in den Hang. Nach der Ernte entsteht aus ihren Trauben ein respektabler Riesling-Silvaner. Es ist unglaublich: Nur einen Steinwurf von der City entfernt, glaubt man sich auf dem Land. Das einzige, was fehlt, ist eine urige - hier sagt man urchige - Weinstube.

Doch immerhin, ein paar hundert Meter weiter lockt das edle Restaurant „Belvoirpark“ zum Einkehrschwung. Dort steht der Wein aus der Enge natürlich auf der Karte, neben vielen anderen festen und flüssigen Köstlichkeiten. Denn die Geschichte der klassizistischen Villa, in der die Auszubildenden der angeschlossenen Hotelfachschule Zürich ihr Erlerntes hochmotiviert in die Praxis umsetzen, ist nicht nur eng verbunden mit dem Viertel, sondern auch mit dem Wohlstand Zürichs und der ganzen Schweiz.

Das hat mit dem früheren Hausherrn zu tun: Alfred Escher. Der Spross einer einflussreichen Zürcher Familie hatte das Anwesen 1853 von seinem Vater geerbt, der mit Immobiliengeschäften in Amerika reich geworden war. Escher gilt als Begründer der modernen Schweiz. Der liberale Politiker und Wirtschaftsführer zog mit den ersten Parlamentswahlen 1848 in den Nationalrat ein und gehörte dem Parlament bis zu seinem Tod 1882 an. Er fürchtete, dass die Schweiz mit dem aufkommenden Bahnverkehr in Europa - der nicht durch das Land, sondern darum herumführte - den Anschluss verpassen „und infolgedessen in der Zukunft das traurige Bild einer europäischen Einsiedelei darbieten“ müsse. Also setzte er sich mit Verve für den Aufbau eines schweizerischen Schienennetzes ein, wobei er Bau und Betrieb der Bahnen privaten Unternehmen überließ. Den Mangel an technischen Fachkräften, die für Bahn- und Tunnelbau dringend benötigt wurden, bekämpfte er mit der Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums, der heutigen ETH Zürich. Und wegen des enormen Kapitalbedarfs, den sein gewaltiges Infrastrukturprogramm erforderte, schuf Escher die Schweizerische Kreditanstalt, die heute als Credit Suisse firmiert und den Grundstein für den Aufstieg Zürichs zu einem bedeutenden Finanzplatz bildete.

Ein Quartier zum Wohnen und Arbeiten

Alfred Escher ist ein Schweizer Nationalheld. Sein Denkmal steht nicht von ungefähr überlebensgroß vor dem Zürcher Hauptbahnhof, die Bahn im Rücken, die Stadt vor Augen. Eschers Hauptquartier war die Villa im Belvoirpark: „Eschers Haus war eine Art Regierungssitz. Dort hat er die Fäden gezogen und die Bundesräte aus Bern empfangen“, sagt Walter Käser. Als Zunftmeister der aus der Enge stammenden „Zunft zu den Drei Königen“ kennt sich Käser mit der Stadtgeschichte bestens aus. Er erinnert daran, dass die Enge als Hort dieses „Wahnsinnstyps“ Escher die längste Zeit ihrer langen Geschichte eine eigenständige Gemeinde war. Erst 1893 wurde sie eingemeindet, und zwar gegen den Willen der Engemer, wie die Bewohner der Enge heißen. Als Reaktion darauf, um die eigenen Interessen im großen Stadtverbund geschlossen zu vertreten, gründeten die örtlichen Gewerbetreibenden die Zunft zu den Drei Königen.

Der Name geht zurück auf eine Legende: Der Tross, der auf Geheiß von Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahr 1164 die Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln brachte, habe seinerzeit auf dem Boden des heutigen Bahnhofs Enge haltgemacht. Zur Erinnerung an dieses Ereignis hat Käsers Zunft vor kurzem eine Gedenktafel im Bahnhof Enge installiert. Diese soll den Engemern die Augen öffnen: „Kaum jemand weiß, warum es hier eine Kirche, eine Straße und ein Brücke gibt, die den Namen ,Drei Könige‘ trägt“, sagt der Zunftmeister.

Wenig bekannt ist auch, dass es die beliebten Promenaden und Parks am Seeufer, wo an sonnigen Sommertagen bunte Grillfeste steigen und dicke Cervelat-Rauchschwaden den Blick vernebeln, ursprünglich gar nicht gab. Sie entstanden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Ägide des Zürcher Stadtingenieurs Arnold Bürkli. Er ließ den Ufersumpf trockenlegen und schüttete Land auf. „Das war ein gewaltiges Unterfangen, für das Zürich die gesamten Steuereinnahmen eines Jahres einsetzen musste“, sagt Herbert Imbach. Der 49 Jahre alte Architekt ist Vizepräsident des Quartiervereins Enge, zählt also von Amts wegen zu den größten Fans des Viertels. Von der damaligen Aufschüttung profitierten aber nicht nur die Spazier- und Müßiggänger. An der neu entstandenen Uferstraße, dem Mythenquai, siedelten sich Finanzdienstleister an, wie man an den imposanten Hauptverwaltungen der Versicherer Zurich, Swiss Life (ehemals: Rentenanstalt) und Swiss Re (Schweizer Rück) bis heute sehen kann.

Die Enge ist eben nicht nur ein Wohnquartier. Imbach schätzt, dass mehr als 30.000 Menschen dort ihren Arbeitsplatz haben. In etlichen alten Wohnhäusern der Jahrhundertwende sitzen heute Vermögensverwalter, Rechtsanwälte oder Wirtschaftsprüfer. Der Internetkonzern Google hat seine Europazentrale auf dem Gelände einer alten Brauerei angesiedelt, dem Hürlimann-Areal. Dort entstand zwar auch eine Reihe von Lofts zum Wohnen. Trotzdem ist das Angebot an Wohnraum sehr knapp. Das treibt die Preise. Für eine durchschnittliche Wohnung mit 90 Quadratmetern werden in den Immobilienanzeigen mindestens 3000 Franken Miete aufgerufen.

Ohne Partyvolk beschaulich schön

Die vielen Unternehmen, Banken und Versicherungen tragen dazu bei, dass es in der Enge sehr international zugeht. In den Läden und Cafés gehören Englisch, Französisch und Spanisch zum guten Ton. Von den 9000 Bewohnern des Viertels kommt rund ein Drittel aus dem Ausland, darunter etwa 1000 Deutsche. Und wie finden das die Schweizer? „Die Engemer sind schon offener“, erklärt Imbach schmunzelnd, „aber so ganz können sie auch nicht aus ihrer Haut. Die meisten sagen: Wir mögen die Deutschen nicht so sehr - außer denen, die wir kennen.“

Dabei war ein Deutscher verantwortlich für den Bau des schönsten Anwesens, das bis heute das Viertel schmückt: die herrschaftliche Villa Wesendonck. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom deutschen Industriellen Otto Wesendonck auf die Spitze des heutigen Rieterparks gesetzt, von dem man einen phantastischen Blick über den Zürichsee bis weit in die schneebedeckten Glarner Alpen hat. Heute ist in dieser Villa das Museum Rietberg untergebracht. Es zeigt Kunst aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien. In der benachbarten Villa Schönberg gewährte Wesendonck dem Komponisten Richard Wagner im Jahr 1857 Asyl. Große Teile der Oper „Tristan und Isolde“ sind dort entstanden. Dass der für seine Frauengeschichten berüchtigte Wagner auch eine Liaison mit Wesendoncks Gattin Mathilde unterhielt, wurde dem Mäzen irgendwann zu viel, und dann war es mit der Gastfreundschaft vorbei.

Im Haus der Wesendoncks herrschte ein kosmopolitischer Geist. Und heute ist die ganze Enge von Vielfalt geprägt, zu der gut sichtbar auch die jüdische Gemeinde beiträgt. Viele der etwa 6000 Juden in Zürich leben traditionell in diesem Viertel und im angrenzenden Wiedikon. An den Rahmen vieler Wohnungstüren findet sich die Mesusa, die traditionelle Kapsel, die eine kleine Pergamentrolle birgt. Orthodoxe Juden im schwarzen Anzug, mit üppigem Bart, Schläfenlocken und den markanten hohen Hüten gehören zum Stadtbild. Übergriffe auf sie hat es in den vergangenen Jahren nur äußerst selten gegeben. Trotzdem hat die Israelitische Cultusgemeinde Zürich ihr Gemeindezentrum vorsichtshalber mit schusssicheren Fenstern und Videoüberwachung gesichert.

Für junge Leute und Studenten ist die Enge trotz all ihrer Vorzüge wahrscheinlich nur bedingt attraktiv. Nicht nur sind die Mieten happig, auch ein nennenswertes Nachtleben gibt es in diesem Viertel nicht. Wenn in der Champions League ein spannendes Fußballspiel zu sehen ist, füllt sich zwar die Bar des neuen Fifa-Museums am Tessiner Platz direkt gegenüber vom Bahnhof Enge bis zum Bersten. Aber nach dem Abpfiff kehrt dort schnell wieder die sonst übliche gähnende Leere und Ruhe ein. Und das passt eigentlich auch ganz gut zur beschaulich-schönen Enge.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Ritter, Johannes (rit.)
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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