Ben van Berkel im Interview

„Was kann die Architektur für den Menschen tun?“

Von Florian Siebeck
 - 13:19
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Herr van Berkel, es kommt durchaus vor, dass Architekten Stühle gestalten oder Tische. Aber Trüffelhobel?

Ich liebe Trüffel. In Amsterdam gehe ich immer in ein Restaurant, da gibt es vier bis fünf Monate lang die guten, weißen Trüffel. Für Trüffelpasta dürfen Sie mich auch mitten in der Nacht wecken. Über Trüffelhobel allerdings wusste ich erschreckend wenig, bis Alberto Alessi bei mir anklopfte und fragte, ob ich einen entwerfen wolle. Er veranstaltete einen Wettbewerb, und als ich mich dann näher mit dem Thema befasste, war ich recht ernüchtert: Es gibt vielleicht ein, zwei Hobel, die relativ praktisch sind, aber keinerlei repräsentative Qualität haben.

Sie haben den Alessi-Wettbewerb mit Ihrem Entwurf „Alba“ gewonnen. Satteln Sie jetzt um?

Architektur macht Räume erlebbar, aber erst Produkte machen Räume zu einem wirklich sensorischen Erlebnis. Das fängt schon beim Besteck an: Wenn man eine Speise vom Teller zum Mund führt, ist das eine unmittelbare körperliche Erfahrung. Architektur bringt Menschen zusammen, aber Tischkultur bringt Menschen noch besser zusammen.

Ihr Hobel, ist zu lesen, sei besonders ergonomisch und schone das Handgelenk.

Ich habe für Alberto Alessi mal eine Teekanne entworfen, die den Griff analog zu einem Bügeleisen auf der Oberseite hat. Ich habe nie verstanden, warum eine Teekanne den Griff an der Seite haben muss. Wenn die Kanne voll ist, wird das Einschenken zur Qual. Für "Alba" habe ich lange überlegt: Was ist praktisch und fühlt sich gut an? Dann habe ich an Türklinken gedacht. Das hat den weiteren Vorteil, dass man den Gästen zeigen kann, wie man den Trüffel hobelt. Das Schneiden wird zu einem Erlebnis, und gleichzeitig kann man etwas zum Trüffel erzählen. Außerdem minimiert es das Verletzungsrisiko - der Trüffelhobel hat ja eine nicht ungefährliche Klinge.

Sind Architekten am Ende die besseren Designer?

Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage, weil ich mit vielen Designern befreundet bin. Sagen wir so: Es gibt durchaus Designer, die einen tollen Sinn für das Materielle haben und auch einen breiten Erfahrungsschatz, was das Handwerk angeht und wie man Material formen kann. Architekten wiederum denken eher an das Umfeld. Ich überlege nicht: Was kann ich als Nächstes entwerfen? Sondern: Welches Umfeld gibt es, in das ein Objekt hineinpassen würde? Der Stuhl „MYchair“ etwa, den ich für Walter Knoll entworfen habe, ist ein sehr sozialer Stuhl und sehr gemütlich. Da kann man wunderbar zu zweit darauf sitzen, es ist aber nicht gleich offensichtlich. Wir müssen uns von der Auffassung lösen, dass ein Architekt nur für die Gestaltung schöner Fassaden zuständig ist. Es geht immer um die Frage, was die Architektur für den Menschen tun kann, wie ein Gebäude oder ein Objekt die Interaktion zwischen Menschen begünstigen kann. Wir möchten ja auch kulturell etwas voranbringen.

Für Frankfurt plant Ihr Büro das Großprojekt „Four“: vier Hochhäuser, darunter zwei Wohntürme. Wie wollen Sie Ihren Anspruch in diesem Kontext umsetzen?

Beim „Four“ ging es nicht primär darum, wie die Türme aussehen, sondern darum, wie wir das Bankenviertel mit ihnen lebendiger und sicherer machen können. Nach 20 Uhr ist diese Gegend ja wie ausgestorben, als Wohnlage nicht sonderlich attraktiv. Unsere Herangehensweise bezeichne ich gern als „Clockwise planning“: Wie verbringen die Leute ihren Tag? Wann stehen sie auf, wo gehen sie lang, welche Infrastruktur nutzen sie, wo halten sie sich auf? Welche Räume muss man schaffen, damit sie sich wohl fühlen?

Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef sagt, die Türme symbolisierten einen „Paradigmenwechsel“, das Viertel werde „weicher“. Frankfurt genießt nicht den besten Ruf: zu kalt, zu langweilig. Was halten Sie von der Stadt?

Ich komme schon lange nach Frankfurt und kann verstehen, warum sich das für Besucher so anfühlt. Mir hat die Stadt immer gefallen, allein schon das kulturelle Angebot. Am Anfang sieht man das nicht so genau. Da wirkt die Stadt sehr urban, mitunter harsch, wie eine kalte Finanzmetropole. Es braucht zwei, drei Jahre, um sich wohl zu fühlen. Wenn man Frankfurt näher kennenlernt, fällt es leicht, sich in die Stadt zu verlieben. Frankfurt ist sehr öffentlich, ist attraktiv, in einiger Hinsicht vielleicht sogar Avantgarde. Die beste New-Wave-Musik wurde in Frankfurt erfunden in den Neunzigern, als auch ich oft hier war. Mit „Four“ komme ich jetzt wieder häufiger her, wir machen bald ein Büro in der Stadt auf. Mir gefällt Frankfurt sehr.

Ihre Karriere haben Sie als Grafikdesigner angefangen. Warum sind Sie später Architekt geworden?

Als ich 19 war und auf die Rietveld-Kunstakademie ging, habe ich nebenbei für einen japanischen Grafikdesigner gearbeitet. Von ihm habe ich viel gelernt, über die richtige Balance, über Farben und Kompositionen. Er sagte: Farben sind wichtig, aber nicht das Wichtigste. Am Anfang musst du dich auf die Konturen konzentrieren. Und er sagte: Wenn du etwas über Design wissen willst, musst du dir Architektur ansehen, am besten die Katsura-Villa. Die Japaner gehen den Raum sehr zweidimensional an. Es geht darum, was innen und außen ist. Unser perspektivisches Denken, das aus der Renaissance kommt, ist ganz anders. Mit 20 ging ich also nach Japan, sah die Villa und wusste: Ich werde Architekt. Grafikdesign war ohnehin so flüchtig. Es war nicht einfach, die Seiten zu wechseln, aber ich habe es nie bereut.

Sie sind dann zur Architectural Association School of Architecture nach London gegangen, Ihre Lehrerin war Zaha Hadid. Später haben Sie für Santiago Calatrava gearbeitet. War es schwer, sich von diesen Großmeistern zu lösen und eine eigene Sprache zu entwickeln?

Ich habe immer nach der richtigen Balance gesucht. Ich wollte kein grafischer Architekt sein wie Zaha, sie hat gemalt, sie baute nicht. Calatrava war ein Macher. Der hat sich für die Ingenieurskunst interessiert. Ich saß oft bis in die Nacht da, und Calatrava ermahnte mich regelmäßig, dass ich jetzt mal zu Abend essen müsste. Beim Essen erzählte er mir dann von den kleinen mathematischen Tricks, die ein Gebäude besonders machen. Damals war er noch sehr experimentell, arbeitete viel mit Beton und Stahl. Zaha war komplett anders als er. Sie hat mich ermuntert, größer zu denken, sie war eine tolle Architektin.

Welche Rolle spielt die Architektur in der Stadtentwicklung?

Architektur bildet das Rückgrat unserer Gesellschaft. Im Vordergrund steht, was wir tun, wie wir leben und arbeiten, was unsere täglichen Rituale sind. Im Idealfall kombiniert die Architektur das Funktionale mit dem Experimentellen. Ich habe ein gutes Netzwerk an Leuten aus allerlei Disziplinen, von denen ich mir stets wertvolles Feedback hole. Dann geht es darum, seine Entwürfe zu überdenken und zu verbessern. Ein gutes Gebäude ist eines, das mehr als nur eine Funktion erfüllt.

Glauben Sie, Architekten sind sich dieser Verantwortung bewusst?

Um die Jahrtausendwende, als Architekten viele ikonografische Bauten für Marken machen mussten, waren wir in einer schwierigen Phase. Kunden kamen und sagten: Wir haben das schon entworfen, Sie müssten es nur noch ausführen. Da wurde so viel produziert, so viel Imagepflege betrieben, dass Gebäude entstanden sind, die außer ihrer Schönheit nichts haben. Da ist keine Metaebene. Ein Gebäude muss wie ein gutes Buch sein. Da muss etwas im Kopf passieren, da muss etwas in Erinnerung bleiben. Ich habe immer gehofft, dass Architekten mehr öffentliche Verantwortung übernehmen. Dass sie ein Bewusstsein entwickeln dafür, dass ihre Gebäude von jedem Menschen gesehen werden und dass sie dafür verantwortlich sind. Und dafür Sorge tragen müssen, auch mit der Öffentlichkeit zu reden, sich nicht im Elfenbeinturm zu verriegeln. Im Idealfall hält der Architekt der Welt den Spiegel vor und fragt sie, wie sie morgen aussehen will.

Das Interview führte Florian Siebeck.

Quelle: F.A.S.
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