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Legendäre Schule

Bauhaus für das 21. Jahrhundert

Von Jasmin Jouhar
© Foto Afteroom, F.A.S.

Daniel Lorch ist sicher kein Nostalgiker. Der junge Designer aus Berlin hat vor einigen Jahren zusammen mit Aidin Zimmermann ein eigenes Unternehmen für Möbel und Accessoires gegründet, L & Z. Über ihren Online-Shop verkaufen sie „mobile und performance-orientierte Produkte für die Anforderungen eines heutigen Arbeitsplatzes“, wie es auf der Internetseite heißt. Rollbare Container, Tischböcke oder stapelbare Aufbewahrungsmodule – alles schön multifunktional und bunt, das mögen die Arbeitsnomaden. Und doch hat Lorch in diesem Jahr mit dem „Split Chair“ einen Stuhl auf den Markt gebracht, der offensichtlich die Geister der Vergangenheit beschwört.

Das Gestell des Armlehnstuhls besteht aus zunächst in der Mitte gespaltenem und dann gebogenem Stahlrohr – eine unübersehbare Reminiszenz an das Bauhaus. Realisiert hat Lorch den technisch aufwendigen Entwurf mit dem Unternehmen Tecta aus dem niedersächsischen Lauenförde, das für seine Bauhaus-Möbel bekannt ist. Stühle von Marcel Breuer und Mies van der Rohe, Polstermöbel von Walter Gropius oder die berühmte Bauhaus-Wiege von Peter Keler gehören zum Programm.

Wie wichtig war also der Blick zurück bei dieser Zusammenarbeit? „Ich habe mich mit den Anfängen und der Geschichte von Tecta beschäftigt“, sagt Daniel Lorch. „Es existieren Produktkataloge aus über 40 Jahren Firmengeschichte, es gibt ein eigenes Designmuseum in Lauenförde. Mit diesem historischen Wissen und dem Wissen über die Fertigungsmöglichkeiten lässt sich sehr gut arbeiten. Die Idee für den Sitzgurt, wie man ihn auch von vielen Bauhaus-Entwürfen kennt, kam beispielsweise von Tecta, sie setzen das nach wie vor in den eigenen Werkstätten um.“

Die große Wiederentdeckung zum zufällig passenden Zeitpunkt?

Auch andere junge Gestalter beziehen sich mit ihren Entwürfen auf die einflussreiche Schule. Das Stockholmer Studio Afteroom etwa hat für Menu eine ganze Serie von Sitzmöbeln, Tischen und Bänken gestaltet – sehr reduziert und mit der grafischen Ästhetik des Stahlrohrs spielend. Dabei hatte Afteroom ganz bewusst eine „Hommage an das Bauhaus und den Funktionalismus“ im Blick.

Das New Yorker Label Good Thing bewirbt seine abstrakt gemusterten Webteppiche „Falling Line“ ebenfalls unter diesem Stichwort, und das italienische Duo li-do nennt seinen neuen Hocker aus gebogenem Stahlrohr gleich „Stam“, nach Mart Stam, dem niederländischen Architekten und Designer. Auch Kugelleuchten sind wieder da: Vor allem der Londoner Designer Michael Anastassiades hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Varianten des Klassikers entworfen, als Cluster oder Mobile, an der Stange oder an der Schnur.

Kommt gerade rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag des Bauhauses im Jahr 2019 die große Wiederentdeckung? Das Erbe der Schule war immer präsent, aber eines war es zuletzt nicht: cool. Wer den Puls der Zeit fühlen wollte, experimentierte am 3D-Drucker, organisierte Kooperationen mit Handwerkern in Entwicklungsländern, veredelte Abfälle per Upcycling.

Ist die Rückbesinnung auf das Bauhaus doch nur ein weiterer heißer Trend einer Industrie, die, vom Marketing getrieben, immer wieder neue Geschichten präsentieren muss, um interessant zu bleiben? Sind gebogenes Rohr und abstrakte Muster lediglich Zitate – ein Stil, der sich spielend einfügt in die zeitgenössische Wohncollage des Anything goes? Für Daniel Lorch jedenfalls ist es weniger die Formensprache, die ihn am Bauhaus interessiert: „Die damaligen Entwürfe sind nicht zeitlos, es ist die Haltung, die zeitlos ist“, beschreibt er, was ihn reizt. Es sei eine Haltung, die sich mit den aktuellen gesellschaftspolitischen und technologischen Veränderungen beschäftige und diese radikal zum Ausdruck bringe.

Das Erbe neu präsentieren

In diesem Kontext sieht er auch seine Auseinandersetzung mit dem Material Stahlrohr, das er nicht einfach genauso verarbeitet wie damals Breuer oder Mies van der Rohe. „Der Reiz liegt darin, neue technologische Möglichkeiten sichtbar zu machen“, sagt Lorch. „Das Stahlrohr ist zu einem Symbol der klassischen Moderne geworden und hat seither keine maßgeblichen Weiterentwicklungen erfahren.“ Der Split Chair dagegen werde in einer neuartigen Kombination aus Freiformbiegen und 3D-Laserschneiden hergestellt. „Mir ermöglicht der Einsatz von neuen Technologien, der Gegenwart Ausdruck zu verleihen. Wir gestalten als Designer nicht nur Dinge, sondern auch Zeit“, sagt Lorch.

Claudia Perren sieht das ähnlich: „Man erinnert sich anscheinend immer noch gerne an die Art des Denkens und an die Art des Forschens, die damals hier etabliert wurde, um zu Formen zu kommen“, sagt die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau. Das trifft auch auf Anna Teuber und Franzi Kohlhoff zu, die während eines dreimonatigen Projektstipendiums in den Dessauer Meisterhäusern Textilien entwickelten. Ein Set aus zwei Geschirrhandtüchern führt mittlerweile Manufactum, das Dessin aus horizontalen und vertikalen Linien haben die beiden jungen Designerinnen aus der Architektur der Häuser abgeleitet.

Auch Claudia Perren erlebt die gegenwärtige Rückbesinnung auf das Erbe der Schule weniger nostalgisch motiviert als vielmehr methodisch. „Das Bauhaus war in seiner Zeit sehr innovativ“, sagt die Direktorin. „Gropius hat gesagt, die Werkstätten seien Laboratorien.“ Dort sollte das Beste aus dem Handwerk mit dem Besten der industriellen technischen Möglichkeiten verbunden werden. Um Prototypen zu schaffen, um Gestaltung der Masse zugänglich zu machen. Die Ideale der Bauhäusler allerdings, das Streben danach, ganze Lebensbereiche mit der Gestaltung zu durchdringen und gute, erschwingliche Produkte für alle zu entwerfen, lassen sich heute nicht unbedingt aktualisieren. Hundert Jahre später haben die großen Utopien abgedankt. „Wir leben in postmoderner Gleichzeitigkeit, die sehr individualistisch und zersplittert ist“, sagt Perren. „Man bekommt die kritische Masse für eine große Bewegung gar nicht mehr zusammen.“

Pünktlich zum Jubiläum in zwei Jahren eröffnet die Stiftung Bauhaus Dessau ein eigenes Bauhaus-Museum im Dessauer Stadtpark, in einem Neubau der Architekten Gonzalez Hinz Zabala aus Barcelona. Das neue Haus gibt der Direktorin und ihrem Team die Möglichkeit, das Erbe neu zu präsentieren. Unter anderem rücken dadurch die ursprünglichen Nutzungen der Bauhaus-Gebäude mehr in den Fokus, beispielsweise wird der Wissenschafts- und Lehrbetrieb in Walter Gropius’ Bauhaus wachsen. Und die Sammlungspräsentation im Museum soll – passend zur momentanen Rückbesinnung – die Methoden und das Experiment in den Vordergrund stellen. „Es geht uns eher darum, zu zeigen, wie sie damals zum Objekt kamen, anstatt das Objekt als Highlight auf ein Podest zu stellen“, sagt Perren. Ein weiteres Thema ist die Verbindung zur Industrie, zur Warenwelt und auch schon zur Museumswelt. Wie hat man sich präsentiert? Wie hat man sich verkauft? Das Bauhaus war eine Marke, damals schon.

Trend oder echte Rückbesinnung – das ist gar kein Widerspruch: Wenn sich junge Designer oder Labels mit ihren Produkten heute wieder offensiv auf die Hochschule beziehen, mag das auch der eigenen Vermarktung dienen. Aber damit handeln sie ganz im Sinne des Bauhauses, deren Schüler schon damals auch immer auf ihre Außendarstellung bedacht waren. Womit die Aktualität der legendären Schule umso mehr bewiesen wäre.

Quelle: F.A.S.
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