Wohnungskäufer aus China

Kapital und gute Geister

Von Birgit Ochs
 - 10:02

Es ist der 8. Juni, und Lin Dattner hat alles richtig gemacht. Das Datum für die Eröffnung des neuen Vertriebsbüros ihrer Agentur Anjia Immobilien & Consulting hat die Chinesin mit Bedacht gewählt. Die Acht gilt in China als Glückszahl, weil sie im Kantonesischen fast wie das Wort für Reichtum klingt. Die Sechs lässt hoffen, dass sich der Erfolg problemlos einstellen wird. Wenn man es wie Lin Dattner mit chinesischen Kunden zu tun hat, kann es nicht schaden, auf Zahlenmystik zu setzen und auf die Geister der Luft und des Wassers Rücksicht zu nehmen. Dass von dieser Seite kein Ungemach in den neuen Räumlichkeiten droht, hat eine Feng-Shui-Expertin bestätigt. Da war das Büro allerdings schon gemietet. Frau Dattner, im schwarzen Kleid und mit großem Jadeamulett, lächelt entspannt, während sie die Gäste begrüßt. Was sie angeht, hätte man sich die Sache mit den guten Vorzeichen auch sparen können. Der Standort ihres Ladenlokals in einem der neuen Wohntürme war ihr wichtiger. Von dort aus kann die Anjia-Chefin mit ihren Mitarbeiterinnen den Mehrfamilienhäusern und Hochhäusern im Frankfurter Europaviertel beim Wachsen zusehen. Und im Europaviertel ist Lin Dattner groß im Geschäft.

Ausgerechnet, könnte man meinen. Denn das fast 90 Hektar große Gebiet gleich neben der Messe kommt nicht nur bei Architekturkritikern schlecht weg. Die Frankfurter fremdeln mit dem Neubaugebiet, was nicht nur an der kilometerlangen Straßenschneise namens Europa-Allee liegt, deren Qualität als Flaniermeile gegen null tendiert und die sich unbarmherzig durch das Viertel fräst. Im Volksmund hat ihr das den Namen Stalin-Allee eingebracht. Dazu die gebaute Langeweile, die links und rechts der Achse entstanden oder noch im Werden ist. „Die Deutschen“, hat Lin Dattner beobachtet, „haben noch gezögert, da haben die Chinesen hier schon gekauft.“ Dass die Käufer aus Fernost sich weniger schwer mit dem neuen Quartier tun, erklärt sie so: Chinesen lieben Neubauten. Mit einer romantischen Altbauwohnung mit knarzenden Dielen braucht man ihnen nicht zu kommen. Ferner schätzen sie eine zentrale Lage wie die Nähe zum Flughafen und Bahnhof.

„Für Chinesen ist Frankfurt das Tor zu Europa“

Seit 2008 vermittelt die Maklerin Immobilien an chinesische Kunden. Damit hat sie im Rhein-Main-Gebiet, wo allein in Frankfurt mehr als 16.000 Chinesen mit Erstwohnsitz leben, eine Marktlücke gefüllt. Doch mehr als für chinesische Expats ist ihre Agentur Anlaufstelle für Kunden aus China. Die entdecken den deutschen Wohnimmobilienmarkt und gehen bisher vor allem in der Stadt am Main auf Einkaufstour. Frankfurt sei aus Sicht der Europäer vielleicht nicht so bedeutend. „Für Chinesen aber ist es das Tor zu Europa“, sagt Lin Dattner in ihrer Eröffnungsrede. Dank ihrer Gäste herrscht auf dem breiten Bürgersteig weit draußen an der Europa-Allee an diesem Vormittag ausnahmsweise reger Trubel. Zwei Musiker sorgen mit der Laute Erhu und dem Saiteninstrument Yangqin für die passende chinesische Klangkulisse.

Der aus Stein gemauerte Beleg dafür, dass die Anjia-Chefin richtig liegt, steht gleich gegenüber des Büros auf der anderen Straßenseite. Im Wohnblock mit dem Namen „Harmonie“ sind 45 Prozent der Eigentümer Chinesen. Zehn Direktflüge täglich nach China, mehr als 200 Banken, eine gute Infrastruktur und die große chinesische Gemeinschaft – all das nennt die Geschäftsfrau als Gründe für die Anziehungskraft, die die Stadt auf ihre Landsleute ausübt.

Einer, der das steigende Interesse chinesischer Investoren am Immobilienmarkt der Stadt mit Zahlen belegen kann, ist Thomas Zabel. Der Makler, dessen Unternehmen Zabel Property mittlerweile zum internationalen Beratungsunternehmen JLL gehört, hat sich schon vor Jahren auf asiatische Käufer spezialisiert. Zählte der Immobilienprofi in Frankfurt 2015 noch 500 Käufer aus China, waren es 2016 schon 1000. „Dieses Jahr werden es deutlich mehr sein“, erwartet er. Zabel, der bei JLL auch das Geschäftsfeld Wohnimmobilienentwicklung leitet, sieht längst ein wachsendes Interesse über Frankfurt hinaus: Berlin ist im Kommen, Düsseldorf ebenfalls – und neuerdings auch Hamburg. Dort entstünden aktuell mehr als zehn Neubauten, die genau das böten, was chinesische Käufer suchten. Sie müssen nur davon erfahren.

Saubere Luft, Rechtssicherheit, sichere Geldanlage

Also arbeiten Vertriebs- und Marketingprofis gezielt daran, dass potentiellen Interessenten in Peking, Schanghai, Hongkong, Guangzhou und anderswo die Möglichkeiten des hiesigen Marktes nicht verborgen bleiben. Neubauvorhaben werden in den chinesischen Großstädten auf regelmäßig stattfindenden Immobilienmessen beworben. Manch Projektentwickler geht mit seinem Vorhaben auf Roadshow. Die Makler von JLL veranstalten allein jedes Wochenende eine eigene Verkaufsveranstaltung, um Wohntürme wie den „Grand Tower“ in Frankfurt zu bewerben.

Zudem dringt über hier lebende Freunde und Bekannte die Kunde von neuen Bauvorhaben nach China. Die „Chinesische Handelszeitung“ hält die Community in Deutschland über Neubauten auf dem Laufenden. Projekte, die für die Klientel in Frage kommen, werden in der Publikation von Herausgeber Haitao Xiu beworben, darunter die neuen Wohntürme Axis und Preadium im Europaviertel, aber auch Objekte in Berlin oder Mannheim. „Es gibt viele Gründe, warum die Menschen aus China sich hier eine Immobilie zulegen“, sagt Xiu. Auch er ist zur Eröffnung des Anjia-Vetriebsbüros gekommen. Zum einen schätzten sie die Lebensqualität. „Saubere Luft und Rechtssicherheit spielen bei der Wahl keine geringe Rolle“, sagt der Chefredakteur. Dazu suchten seine Landsleute eine sichere Geldanlage. In Städten wie Peking oder Schanghai kosteten Wohnungen ein Vielfaches – „und man erwirbt kein echtes Eigentum“, gibt Xiu zu bedenken. Denn in der Volksrepublik erhalten Käufer nur ein 70 Jahre währendes Wohnrecht.

„Die Mehrzahl unserer chinesischen Kunden sind Kapitalanleger“, bestätigt auch der Frankfurter Rechtsanwalt Rudolf Mikus von Beiten Burkhardt. Vor etwa fünf Jahren habe man ein steigendes Interesse aus China am deutschen Immobilienmarkt registriert, sagt der Jurist. Nun unterhält die Rechtsanwaltsgesellschaft eine Vertretung in der Volksrepublik, und „immer mehr Aufträge kommen direkt über unsere chinesischen Kollegen“. Für die sprunghaft steigende Nachfrage sieht er mehrere Gründe. Zum einen legt das deutsche Recht ausländischen Käufern keine Hindernisse in den Weg. Ob aus Hongkong, Washington, Lyon oder der nordhessischen Provinz – am hiesigen Markt gelten für alle Erwerber die gleichen Regeln. Zum anderen sind in China „Einkommen und Vermögen sprichwörtlich explodiert“, sagt Mikus. Zwar ist die Mittelschicht im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung klein. „Aber bei vier Prozent von mehr als einer Milliarde Einwohner sind das immer noch gut 40 Millionen, die Geld haben“, rechnet der Anwalt vor.

Dieses Geld muss irgendwo hin. Weil London durch die Brexit-Diskussion aus dem Rennen ist, gerate Deutschland in den Blick, sagt Thomas Zabel. Folgt man ihm, dann hat das große Immobiliengeschäft mit chinesischer Beteiligung gerade erst begonnen. Dazu gehört neben dem Marketing das passende Angebot. Chinesische Kunden wollen nicht nur neue, sondern auch kleine Wohnungen, ein bis zwei Zimmer, etwa 50 Quadratmeter, die sich gut vermieten lassen.

Käufer aus Fernost spielen für hiesige Projektentwickler zentrale Rolle

Neubauten wie die Wohntürme in Frankfurt seien ideal, sagt Zabel, der unter anderem mit der Vermarktung des „Grand Tower“ beauftragt ist. Von den bisher 350 verkauften Einheiten des Turms seien mehr als 80 an chinesische Käufer gegangen. Dazu hat auch Lin Dattners Anjia ihren Teil beigetragen. Neuerdings vermittelt sie zudem für das Unternehmen Bauwerk einen Neubau, der unweit ihres Büros entsteht. „Allein 25 Reservierungen in einer Woche – das Geschäft läuft wie am Fließband“, sagt sie –, und man fragt sich, wie es laufen würde, gäbe es die asiatischen Investoren nicht.

Denn längst spielen die Käufer aus Fernost im Kalkül hiesiger Projektentwickler eine zentrale Rolle. Der Boom der Wohnhochhäuser und kleinen Wohnungen spricht dafür. „Das Wissen um diese Käufergruppe erleichtert die Planung“, ist sich Anwalt Mikus sicher. Immobilienvermittler Zabel wird deutlicher: Selbstverständlich werde für diese Klientel gebaut – und „künftig noch mehr“. Schon jetzt seien viele der aktuellen Neubauprojekte auch auf chinesische Käufer zugeschnitten. Etwa das unter dem Arbeitstitel „Drei Schwestern“ bekannte Wohnturmvorhaben in der Frankfurter Innenstadt. Ein Wohnhochhaus mit vielen kleinen Wohneinheiten, aber großer Lobby, Fitnessraum und Concierge-Dienst sei genau das, was asiatische Käufer von ihrem Heimatmarkt kennen und schätzen. „Für eine deutsche Eigentümergemeinschaft braucht man keinen Concierge, der würde als überflüssige Ausgabe gleich wieder abgeschafft“, ist er sich sicher.

Auch bei der Grundrissplanung werde auf chinesische Vorlieben Rücksicht genommen. Viele Käufer seien abergläubisch, daher dürfe keine Sichtbeziehung zwischen Eingang und Balkon bestehen. „Nicht, dass der gute Geist zum Fenster rausfliegt“, sagt Zabel. Während die Zahlen Acht und Sechs Positives verheißen, gelte es die Unheil bringende Vier zu vermeiden. Eine Wohnung oder Gemeinschaftsräume in der vierten Etage komme für Chinesen nicht in Frage.

Feng Shui und Zahlenmystik – Lin Dattner lächelt. Mit ihrem deutschen Mann und den Kindern wohnt sie draußen vor der Stadt. Sie haben ein Pferd. Das Europaviertel würde vielleicht als Wohnort in einem späteren Lebensabschnitt passen, sagt sie. In der Gegenwart ist sie da einfach nur gut im Geschäft.

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs-Koffka  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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