Mobiles von morgen

Mit dem Haus auf Tour

Von Nadine Oberhuber und Birgit Ochs
 - 10:59
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Am Anfang sieht es fast aus wie ein Legostein. Wie ein überdimensionales Klötzchen aus Metall, das aus dem Baukasten eines Riesen gefallen ist. Oder ist es doch nur ein Transportcontainer, den ein Lastwagen aus Versehen hier vergessen hat? Dafür sind seine Wände zu glatt und zu frisch weiß lackiert. Da ertönt ein leises Sirren, und Sekunden später bekommt der Legostein Flügel. Er klappt seine Seitenflächen nach oben weg, bis sie wie zwei kleine Vordächer rechts und links abstehen. Dann schieben sich zwei Außenwände mit Fenstern heraus, so als zöge man eine Ziehharmonika auseinander. Was eben noch ein Metallklotz war, wird langsam zum Haus, zum ersten Klapphaus der Welt. Und die nächsten Minuten sind für Bas Redhead die längsten seines Lebens.

Dabei dauert es keine Viertelstunde, bis sich 29 Tonnen Stahl vollelektrisch auseinandergefaltet haben, angetrieben von einem kleinen Motor mit rund 1,2 Kilowatt und unterstützt von der Erdanziehungskraft, die den gefalteten Boden auseinandergleiten lässt. Nach knappen 15 Minuten kann Bas Redhead endlich die Haustüre aufsperren und damit die Tür zum 21. Jahrhundert. So ähnlich jedenfalls nennt der Innovationsmanager das, was er zusammen mit Chris Dijk, Gründer des holländischen Start-ups G3 Spaces, ausgetüftelt hat. Für sie ist es ein Projekt für die Zukunft. Für andere ist es erst einmal ein vollausgestattetes Haus, das sich auf die Größe eines Lastwagens oder Schiffscontainers zusammenfalten lässt, das sich per Knopfdruck selbst aufbaut und sich innerhalb von Minuten auch schnell abbauen lässt. „Unfold“ heißt das Klapphaus, das vor den Toren von Amsterdam in einer alten Fabrikhalle steht.

Man muss auf nichts verzichten

„Ultimative Mobilität“ soll es bieten, verspricht Redhead. Um große Worte sind Markenmanager nie verlegen. Aber Redhead sieht nicht nur so aus, wie er heißt. Sein roter Lockenkopf sprüht allem Anschein nach tatsächlich vor Ideen – und für diese brennt er: „Ich bin ganz aufgeregt“, rutscht es ihm in diesen fünfzehn Minuten mehrmals heraus, während sich das „Unfold“ wie von selbst entpackt.

Dann steht das Klapphaus da – in seiner Grundversion: rund 40 Quadratmeter groß, rund acht Meter lang und mit einer Raumhöhe von drei Metern. Das entpackte Haus wartet mit einem vollausgestatteten Bad auf, auch wenn die Badzelle im Prototyp arg an eine Flugzeugtoilette erinnert. Mehr Luxus gehe aber immer, wenn der Käufer das wolle, sagt der Anbieter. Zudem kommt das mobile Gebäude mit kompletter Küche daher, der Wohnraum lässt sich nach eigenem Gusto möblieren. In den Wänden und Schächten trägt der Bau die gesamte Elektrizität, Heizung, Klimaanlage, Wasserleitungen und W-Lan in sich. So gesehen, muss man auf nichts verzichten, wenn es auf dem Grundstück die nötigen Anschlüsse gibt.

Ehrlich gesagt hätte man sich ein Klapphaus aber auch anders vorstellen können: aus anderen Materialien zum Beispiel, etwa aus Holz. Oder zweistöckig und mit dem üblichen Satteldach, so zumindest sehen ja viele traditionelle Gebäude aus. Oder aber gerade im Gegenteil deutlich ausgefallener. Dieser Prototyp dagegen erinnert noch ein wenig an einen Wintergarten auf Stelzen. Wenn man ihn von der Seite ansieht, könnte er auch als Marsstation durchgehen, zumindest in einem Science-Fiction-Film. „Okay, von außen wirkt es wirklich sehr funktional“, gibt Redhead zu, „wir haben diesen ersten Prototypen eher technisch überzüchtet als ihn übermäßig zu designen.“ Die Außenseite ließe sich aber auch mit Holzlamellen oder Paneelen verkleiden, „aber wir wollten unbedingt den Faltmechanismus zeigen, weil er quasi zur DNA des Hauses gehört“.

Die Isolation ist alles andere als einfach

Von innen wirke alles „sehr warm“, sagt er. Und das stimmt, was vor allem an den vielen kleinen Lichtspots in der Zimmerdecke liegt, die den Raum warm ausleuchten. Und am Holzmosaik, das sich nicht nur über den gesamten Boden erstreckt, sondern auch über sämtliche Innenwände zwischen den Fensterfronten. Ein bisschen viel Muster für den europäischen Geschmack vielleicht, aber das erste Unfold wurde für arabische Augen gefertigt. Inzwischen hat es ein Käufer aus Dubai eingepackt und als mobiles Büro in die Wüste verschifft. Daher gab es andere Prioritäten als die Schönheit der Außenhülle: „Die größte Herausforderung war, das Haus gegen Regen, Wind und Wüstenstaub abzudichten“, sagt Techniker van Lommeren, „bei so vielen beweglichen Teilen, bei Wänden und Böden, die sich ausfalten und nicht verwringen dürfen, ist die Isolation alles andere als einfach.“

Mit ihrem „Unfold“-Haus jedenfalls sind G3 Spaces auf einen Trend aufgesprungen, der schon seit längerem Designer, Architekten und Tüftler beschäftigt. In Zeiten, in denen die Gesellschaft immer mobiler wird, liegt es auf der Hand, dass auch die eigentlich unverrückbare Immobilie in Bewegung kommt. In Form von Zelten, Plan–, Bau- und Zirkuswagen oder Wohnmobilen hat der Mensch schon früher versucht, sein Heim zu verpflanzen. Und in jüngerer Vergangenheit haben Minihäuser wie SU-SI aus der Kaufmannzimmerei in Dornbirn, Werner Aisslingers Loftcube oder auch der Flying-Space vom Fertighausanbieter Schwörer hierzulande viel Aufmerksamkeit bekommen. Tatsächlich sind transportable, leicht und schnell zu errichtende Unterkünfte ein Thema, das Planer rund um den Globus umtreibt – nicht erst durch die Zahl der Flüchtlinge, aber doch von ihr befeuert.

Zu welchen verspielten, verrückten und träumerisch-schönen Lösungen kreative Planer in den vergangenen Jahren gekommen sind, zeigt nun der just erschienene Bildband „Nomadic Homes – Architektur in Bewegung“ (Taschen Verlag) von Philip Jodidio. Er wolle eine Vorstellung von dem Umfang und von der Vielfalt dessen vermitteln, was man vielleicht am besten als „Nomadenwohnungen“ bezeichnen könnte, schreibt der Autor in der gleich dreisprachigen Ausgabe (Deutsch, Englisch, Französisch). Jodidio bezieht sich stark auf die Ursprünge der modernen Nomadenwohnung, weswegen Unterkünfte mit fahrbarem Untersatz, deren Umzug allzeit möglich scheint, großen Raum einnehmen: Er zeigt Camper, Zelte oder Hütten auf Rädern, vieles davon hat man so oder so ähnlich schon gesehen. Dazwischen finden sich aber auch Varianten wie das Tricycle House, ein Entwurf des in Peking ansässigen Architekturbüros Peoples Industrial Design Office: Ein aus faltbarem Polypropylen gestalteter Korpus, der von außen an ein Akkordeon erinnert und innen einen Mini-Multifunktionsraum inklusive Badewanne(!) beherbergt, sitzt auf einem Dreirad. Zum Entwurf gehört sogar ein „Tricycle Garden“. Kommen mehrere solcher Gefährte auf einem Platz zusammen, entsteht im Nu eine mobile Siedlung. An diesem Beispiel zeigt sich sehr schön der spontane, temporäre Charakter dieser Wohnformen. Anders als bei „Unfold“ geht es bei vielen im Buch gezeigten Entwürfen und Umsetzungen doch auch darum, „bewusst den herrschenden sozialen Verhältnissen etwas entgegenzusetzen“, wie der Autor bemerkt. In jedem Fall ist es ein Abgrenzen von eingefahrenen Wohnformen – sei es, weil das mobile Zuhause eher provisorisch ist, sei es, weil es im Gegenteil eine Luxusunterkunft ist wie etwa manches Hausboot.

An Folgeversionen wird bereits getüftelt

„Unfold“ ist frei von Rebellentum wie Dekadenz. Der Anspruch ist durch und durch pragmatisch. Folgemodelle sind schon in Arbeit: Zwanzig Ausfalthäuser sollen bis Ende 2018 in die Welt geschickt werden. Zunächst wird jedes Klapphaus eine Einzelanfertigung bleiben, die innerhalb von vier Monaten Bauzeit speziell auf die Kunden zugeschnitten werde, sagen die Entwickler. Denn deren Wünsche werden höchst unterschiedlich sein: Die Energieindustrie habe zum Beispiel Interesse angemeldet. Ölfirmen und Frackingunternehmen müssen ihre Mitarbeiter zur Exploration neuer Abbaugebiete oft in unbewohnte Gegenden schicken. Und mit Solarzellen auf dem Dach und Chemieklo wäre „Unfold“ sogar in der Wildnis autark.

„Immer, wenn für kurze Zeit und wenige Wochen Wohnräume gebraucht werden“, sieht Bas Redhead das Klapphaus im Vorteil, „denn das Aufbauen und der Transport sind normalerweise das Teure.“ Auch für den Formel-1-Tross, der fast wöchentlich um die Welt reist und dicht an den Rennstrecken wohnt, wäre es eine ideale Lösung. Zumal sich die Containerhäuser bis zu drei Stockwerke hoch stapeln und aneinanderreihen lassen. Oder für andere Großveranstalter – nicht umsonst kommen die Gründer von G3 Spaces aus dem Event- und Entertainmentgeschäft. Sogar ein Vertreter der holländischen Luftwaffe konnte sich bei der „Unfold“-Präsentation vorstellen, für das Militär ein paar Stück zu erwerben.

Sich so ein Klapphaus als Wochenendhaus zuzulegen oder als mobilen Erstwohnsitz, würden Privatleute wohl kaum in Erwägung ziehen. Die erste Version ist auch ohne luxuriöse Innenausstattung mit rund 350.000 Euro kein Schnäppchen. Aber das Entwicklerteam und die britische Ingenieurfirma Ten Fold, die den Prototyp gebaut hat, tüfteln längst an Folgeversionen. Auf ihren Internetseiten finden sich sogar Modelle mit zwei Stockwerken, Holzwänden und Satteldächern. So einen Hausklassiker würde man vielleicht tatsächlich eines Tages auf dem eigenen Grundstück ausklappen. Vor allem wenn man nicht weiß, wohin es einen in den nächsten Jahren noch so verschlagen könnte.

Nomadic Homes – Architektur in Bewegung, Taschen, Köln 2017

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Oberhuber, Nadine (nadu.)Birgit Ochs-Koffka  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Nadine Oberhuber
Birgit Ochs
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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