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Neue Stühle

Material für gelebte Langsamkeit

Von Christiane Tillmann
 - 19:53
So sehen Stühle von Thonet im Wohnzimmer aus. Bild: Constantin Meyer/Thonet, F.A.S.

Manche Materialien sind nicht nur hübsch anzusehen oder fassen sich besonders gut an, sie haben auch einen ganz typischen Sound, wenn man sie nutzt. Ein Korbstuhl lässt sich selbst mit geschlossenen Augen beim Hineingleiten noch an seinem markanten Knarzen erkennen. Das Material ächzt unter dem Gewicht des Nutzers, dehnt sich, wird hautwarm, drückt lustige Muster auf nackte Beine und folgt jeder Bewegung mit einem erneuten Knacken. Eine Melodie, die – ähnlich dem Geräusch eines brennenden Holzscheits im Kamin – im hektischen Alltag Entschleunigung verspricht. Und weil die Fähigkeit, einfach mal aufs Bremspedal des Lebens zu treten, im Moment ziemlich gefragt ist, sind es auch Produkte, die dabei helfen, zu Hause schnell in den Zen-Modus zu wechseln. Rattan, Korb & Co hinterlassen drinnen wie draußen schon länger wieder ihre Abdrücke, hinzu kommt nun aber vermehrt der Einsatz von klassischem Rohrgeflecht.

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Rohrgeflecht, wie man es traditionell auf den Stühlen im Zentrum der gelebten Langsamkeit wiederfindet: im Wiener Kaffeehaus. Genau da, wo man zum Preis nur einer Tasse „großem Braunen“ Stunde um Stunde sitzen und über das Leben und die Welt sinnieren kann. Zum entsprechenden Flair gehören neben schnieken Kellnern und süßen Mehlspeisen aber auch die entsprechenden Möbel: Marmor-Bistrotische, Messinglampen und Thonets „14“, heute „214“ – quasi dem Godfather of Kaffeehausstuhl. 1859 von Michael Thonet aus nur sechs Einzelteilen und genauso vielen Schrauben entwickelt, fand sich die Bugholz-Sitzmöglichkeit mit dem hübschen Einsatz aus Wiener Geflecht schon 1930 nicht nur in zahlreichen Kaffeehäusern, sondern eben auch in 50 Millionen Haushalten rund um den Globus – darunter in so illustren wie dem Weißen Haus oder dem Zuhause von Picasso, Lenin und Einstein.

Verwendung fand das schmückende Netz jedoch nicht nur in der Lehne oder der Sitzfläche von Stühlen, sondern ebenso als stilprägender Bestandteil von Tischen und Bettrahmen oder als raffinierte Heizkörperabdeckung. Die Vorteile lagen auf der Hand: Der Werkstoff war günstig, leicht und in geflochtener Form sehr strapazierfähig, darüber als Naturmaterial noch atmungsaktiv und luftdurchlässig. Im Gegensatz zu den klassischen Möbeln der Zeit, die sich meist durch dunkles Holz, opulente Formen und große Volumina auszeichneten, wirkten jene mit Flechtelementen darüber hinaus geradezu filigran.

Der Trend für individuelle Möbel steigt

Leichtigkeit ist heute, in Zeiten steigender Wohnkosten und dementsprechend begrenzter Platzverhältnisse, natürlich auch ein Thema. Es ist aber nicht das einzige und wohl auch nicht der ausschlaggebende Grund dafür, sich ein Stück Wiener Kaffeehauskultur in die heimischen vier Wände zu holen oder um diese neu zu interpretieren. Viel prägnanter ist der Trend zu handwerklich gefertigten und dadurch individuellen Möbeln, die eine gewisse Nostalgie umgibt – und die richtige Geschichte fürs Marketing.

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Für Unternehmen wie Thonet oder Gebrüder Thonet Vienna (GTV), die seit jeher mit Bugholz und Wiener Geflecht arbeiten, bedeutet das einerseits, dass die alten Schätze wieder Auftrieb erhalten und weiterhin gern gekauft werden. Andererseits soll das Sortiment aber auch um modernere Stücke ergänzt werden, bei denen sich Designer das historische Flair der Kaffeehausmöbel zunutze machen. So entwickelte das schwedische Designerduo Front 2015 schon „Hideout“, einen Lounge Chair, bei dem die klassischen Stilelemente des Kaffeehausmöbels fast schon ein wenig überzeichnet wirken: Denn statt einer schlichten Rückenlehne setzen Sofia Lagerkvist und Anna Lindgren dem Stuhl eine Art Schirm auf – in der Mitte hoch gepolstert und an beiden Seiten mit hohem Geflecht-Einsatz, der den Besetzer einerseits umhüllt und ihm Privatsphäre gibt, andererseits aber auch den halbtransparenten Blick nach außen zulässt. Auch Gam Fratesi nutzen für ihren Schreibtisch „Allegory“ die abschirmende Wirkung des Geflechts, indem sie es ein wenig zweckentfremden und ein großes rundes Netz schaffen, das gleichzeitig als Sichtschutz und außergewöhnliche Pinnwand dienen kann.

Das Spiel mit der Transparenz, mit der Möglichkeit, Blicke abzuschirmen oder einzuladen und gleichzeitig noch mit einem so markanten Material zu spielen, fasziniert längst nicht nur jene Firmen, die das Rohrgeflecht traditionell nutzen. Auch Unternehmen außerhalb des Kaffeehaus-Universums haben es entdeckt. So bieten Marken wie Design House Stockholm mit „Air“ und sogar der Möbelgigant Ikea in der „Stockholm 2017“-Kollektion Sideboards mit großflächigem Geflechteinsatz an. Red Edition interpretieren das Geflecht gemäß der Markenphilosophie in ihrem „Wicker Sofa“ ganz im Retro-Look, mit orangenem Samt und Messingdetails, während sich der spanische Designer Andreu Carulla mit seiner „Bernardres Bench“ ganz eng am Design der klassischen Kaffeehausstühle hält und ihnen nur durch die reduzierte Form und die hellen, natürlichen Farben einen modernen Anstrich verpasst.

Auch die französische Designerin Sarah Lavoine greift gern zum Naturmaterial, wie sie verrät. „Ich mag Rohrgeflecht besonders, weil es für mich ein gewisses Sommer- und Glücksgefühl in jedem Produkt zum Vorschein bringt“, sagt die Designerin. Zudem versprühe das Material sowohl Lässigkeit als auch Eleganz, was man an Lavoines Leuchte „Blanca Rabane“ sehen kann, einer schlichten weißen Tischlampe, der die Designerin eine Krone aus Blau und Schwarz eingefasstem Rattan aufsetzte.

Guilherme Wentz möchte in seinem „Tela“-Sessel ebenfalls das entspannende Gefühl eines langen Sommerurlaubs festhalten. „Ich wollte ein Produkt mit möglichst einfacher Form kreieren, das einerseits ein nostalgisches Flair, andererseits aber auch ein frisches, tropisches Gefühl transportiert“, erklärt der Brasilianer. Gleichzeitig war ihm wichtig, das traditionelle Material der Mid-Century-Größen seines Heimatlandes, wie Sergio Rodrigues, Zalszupin oder Tenreiro, gebührend in den Fokus zu rücken, indem er es großflächig, aber zeitgenössisch, nämlich in stark vergrößerter Form nutzte. Und so breitet sich das Netz des Rohrgeflechts weiter aus: mal heiß, mal kalt interpretiert, aber immer mit einer Geschichte versehen, die vermutlich dafür sorgen wird, dass uns das entspannte Kaffeehausgefühl auch in den kommenden Saisons erhalten bleibt.

Quelle: F.A.S.
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