Einrichtungstrends

Biedermeier zieht nicht mehr

Von Stefanie von Wietersheim
 - 11:34

Der Brexit ist da. Seit geraumer Zeit schon ist er unter deutschen Dächern im Gang: In den Wohnräumen des Landes ist für die lange Zeit so beliebten Biedermeier-Sofas und Sekretäre immer seltener Platz. Vormals waren sie als Zierden mit Historie heiß begehrt, nun verstauben sie wie auch barocke Prachtmöbel im Zuge des Exits auf Dachböden, weil sie in den meisten Neubauten entweder wie Dinosaurier in Schlumpfhäusern wirken oder für die Loft-Atmosphäre schlicht zu uncool sind.

Das hat die Preise in den Keller fallen lassen. „Vor allem die opulenten, überdekorierten Möbel des 18. und 19. Jahrhunderts sind in Deutschland günstiger geworden“, sagt Manfred Ehrl. Der Gredinger Antiquitätenhändler ist seit 30 Jahren im Geschäft und bietet sowohl auf 15.000 Quadratmetern seiner Verkaufsräume als auch im Internet Objekte vom Mittelalter bis zum Jahr 2000 an. Ohnehin weniger gefragt sind Möbel aus der Gründerzeit und bäuerliche Möbel. Und auch sakrale Objekte „sind im Verhältnis zu früher unterbewertet und bieten für Käufer eine Chance zu einem günstigen Einkauf“, beschreibt Ehrl den positiven Aspekt des Preisverfalls. Generell seien großformatige Objekte günstiger als früher zu haben. Auch bei dem einst so beliebten Silberbesteck sei die Nachfrage eingebrochen, nur Spitzenstücke konnten ihr Preisniveau halten.

Boom des Mid-Century-Marktes

Auf dem Spitzenmarkt sind die Preise für Meisterstücke zwar weiter hoch, dass sich das Geschäft insgesamt aber erheblich verändert hat, bestätigt auch Christiane Gräfin zu Rantzau, Chairman beim Auktionshaus Christie’s Deutschland. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren habe das Interesse an normalen, klassischen Gebrauchsmöbeln des 18. Jahrhunderts stark nachgelassen, hat sie beobachtet. Doch: „Bei Möbeln sind große Namen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nach wie vor gefragt.“

Spitzenobjekte von Ebenisten wie Boulle, Oeben und Roentgen oder Meisterwerke aus berühmten italienischen Werkstätten erzielten nach wie vor Spitzenpreise, berichtet sie. So ist auf der Auktion „European Furniture and Works of Art“ in London im Juli dieses Jahres eine Weisweiler-Kommode von 1790, die auf 50.000 bis 800.00 Pfund geschätzt war, für 81.000 Pfund verkauft worden; ein Paar Kronleuchter, auf 50.000 Pfund taxiert, ging für das Dreifache weg. Auch Möbel mit interessanter Provenienz aus Fürstenhäusern, großen Familien oder von Stars erzielen bei Christie’s regelmäßig Spitzenpreise, Tendenz nach oben. Bei solchen Glamour-Stammbäumen werden dann meist auch Alltagsobjekte gerne teuer bezahlt.

Ebenfalls begehrt und daher entsprechend hoch im Preis sind Möbel aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Der Markt für Mid-Century boomt seit einigen Jahren. „Aber das kann sich ändern, da muss man aufpassen“, warnt Antiquitätenexpertin Rantzau.

Epochenübergreifendes Mix & Match

Die Auktionshäuser registrieren zudem, dass Käufer sich immer weniger auf eine Stilrichtung festlegen. Für die wachsende Zahl sogenannter Crossover Collectors kreieren sie neue Verkaufsformen mit Spitzenstücken angewandter Kunst aus unterschiedlichen Rubriken und Epochen, um eine jüngere Kundschaft anzusprechen.

Auch kleinere Kunsthändler sehen ihre Aufgabe mittlerweile darin, den Käufern den Reiz eines Zusammenlebens von Alten Meistern mit Mid-Century-Möbeln und Kreationen der aktuellen Designergarde zu zeigen, die in Farbgebung und Linienführung eine erstaunlich harmonische Verbindung eingehen können. Und wenn junge und alte Antiquitätenhändler vor ihren Kristallkugeln sitzen und die Zukunft voraussagen sollen, so erscheint bei vielen ein ähnliches Bild im Nebel des Morgens: Nach dem Mid-Century-Fieber wird es zu einer Mode des Edel-Mixes von antiken Tupfern in minimalistischen, manchmal nackt entkernten Häusern kommen.

Wie weit man dieses epochenübergreifende Mix & Match treiben kann, zeigte Sotheby’s schon vor zwei Jahren mit einer Pop-up-Ausstellung von Altmeister-Gemälden in einem radikal zeitgenössischen Penthouse des New Yorker Puck Buildings. „Lucas Cranach im Smart House“ ist das neue Motto auf dem Antiquitätenmarkt.

Komplettkonzepte rund um die Einrichtung

Auch Händler Ehrl sieht bei allem Wandel den Markt optimistisch, da ausgesuchte alte Objekte Ausdruck von starker Individualität sein könnten. „Antiquitäten werden wieder in den Fokus gerückt, etwa wenn ein eklektizistischer Mix aus zeitgenössischen Objekten und Antiquitäten angestrebt wird. Aber auch der minimalistische Stil ist eine Chance für den Biedermeier, der sich wegen seines eigenen Minimalismus hierin gut einfügen kann.“ Grundsätzlich gilt: Schnäppchen kann man überall dort machen, wo der Käufer ein Wissen hat. „Auktionen und Sammlungsauflösungen bieten immer noch die Chance auf vergleichsweise günstige Ware.“

Im Gegensatz zum breiten Angebot Ehrls lebt der Münchner Inneneinrichter und Antiquitätenhändler Philipp Vogt von einer feinen Nische. Er hat sich auf den international gefragten belgischen Stil in Kombination mit schwedischen Antiquitäten spezialisiert, der in deutschen Privathäusern eher noch zögerlich umgesetzt wird. „Berühmte Interior Designer wie Axel Vervoordt waren damit stilbildend für viele Privathäuser auf der ganzen Welt, und in den Vereinigten Staaten und London gibt es einen veritablen Boom für schwedische Einrichtungsgegenstände aus dem 18. und 19. Jahrhundert“, erzählt er. „In Süddeutschland hängt die Kundschaft doch noch sehr an ihren mit Schellack polierten Antiquitäten aus dem Barock oder Biedermeier und trennt sich ungern davon, aber die Bereitschaft wächst, etwas Neues auszuprobieren.“

Das gilt auch für die Händler selbst. Seit Barock und Biedermeier nicht mehr so boomen und das Geschäft schwieriger geworden ist, bieten mehr und mehr Händler Komplettkonzepte rund um die Einrichtung an, beraten bei Renovierung, Auswahl von Stoffen, Tapeten und Bildern. Und öffnen sich nicht nur einem raffinierten Stilmix, um die neue Generation von Käufern anzusprechen, sondern auch der Kommunikation und Vermarktung über Instagram und Facebook. So spielt der Internethandel eine steigende Rolle, und die Online-Angebote am Bildschirm dienen als neues Schaufenster – doch weisen viele Händler auf die nach wie vor persönlichen Verkaufsgespräche und attraktiven Ausstellungsräume als entscheidend hin. „Viele Kunden wollen wissen, wo und von wem man ein Objekt kauft, Möbel sind ja keine T-Shirts“, sagt Manfred Ehrl.

Quelle: F.A.S.
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