Einrichtung mit Naturfaser

Algen statt Plastik

Von Jasmin Jouhar
 - 10:43

Textilien aus Kunstfasern sind noch schlechter als ihr Ruf. Wie man jetzt weiß, tragen sie erheblich dazu bei, die Meere mit kleinen Partikeln aus Plastik zu verschmutzen. Mit jeder Wäsche verlieren Stoffe aus Polyester, Acryl oder Mischgeweben zahlreiche Fasern. Das Mikroplastik gelangt mit dem Abwasser in die Umwelt, denn weder die Filter der Waschmaschine noch der Kläranlagen können die Fasern zurückhalten. Und schließlich landen sie wieder bei uns, als Beilage zum Fischgericht. Wem diese Vorstellung den Appetit verdirbt, der wird künftig beim Kleiderkauf wohl genauer auf die Etiketten schauen. Doch solche Stoffe finden sich nicht nur im Kleiderschrank – Wohntextilien wie Vorhänge, Handtücher, Bettwäsche, Kissenhüllen oder Möbelbezüge bestehen ebenfalls oft aus Kunstfasern auf Erdölbasis. Sie werden zwar nicht so häufig gewaschen wie Sporthosen oder Glitzerpullis. Aber genauso wie in der Mode gibt es für die Bekleidung der Wohnräume genug verträglichere Alternativen aus der Natur. Manche Stoffe waren schon unseren Ururgroßeltern bekannt, mit anderen experimentieren Textildesigner, Ingenieure und Hersteller.

Produkte aus Wolle und Baumwolle hat wahrscheinlich jeder zu Hause, sei es die Kuscheldecke auf dem Sofa oder das Geschirrhandtuch in der Küche. Aber wie steht es mit Seide, Viskose und Leinen, mit Hanf, Brennnessel und Jute, gar Papier? Alle diese Materialien basieren auf nachwachsenden Rohstoffen pflanzlichen oder tierischen Ursprungs und haben gegenüber den Kunstfasern einen entscheidenden Vorteil: Sie sind biologisch abbaubar. Gelangen diese Fasern in die Umwelt, verrotten sie über kurz oder lang. Und auch die Ästhetik muss nicht zu kurz kommen. Große Textilhersteller genauso wie kleine Manufakturen und handwerkliche Betriebe fertigen wohnliche Produkte aus natürlichen Materialien. Die Londoner Textildesignerin Catarina Riccabona beispielsweise hat es sich zur Aufgabe gemacht, ausschließlich mit möglichst umweltverträglichen Garnen zu arbeiten. In ihrem Studio im Südosten der britischen Hauptstadt webt sie per Hand Stoffe aus Leinen, Hanf, Wolle, Alpaka und Secondhand-Garnen. Eine Selbstbeschränkung, die sie mit ihrer persönlichen Geschichte erklärt. Ihr erster richtiger Job in einem Reiseverlag sei zunächst aufregend gewesen, „aber nach eineinhalb Jahren war ich zutiefst unzufrieden mit meinem Hamsterrad-Alltag und dem konsumorientierten Lebensstil, in den ich eingebunden war“, sagt sie. Der Wunsch nach einem besonneneren Leben und ein Gefühl der Verantwortung für das, was sie herstellt, führten sie schließlich zur ihrer heutigen Tätigkeit.

Gewebe aus Leinen, Viskose und Baumwolle

Zu Riccabonas Lieblingsgarnen gehören Leinen und Hanf, weil sie anspruchsloser im Anbau sind als Baumwolle. Doch die Suche nach den richtigen Rohstoffen für ihre Decken, Kissenhüllen und Handtücher ist nicht abgeschlossen, denn nicht immer kann sie eindeutig beantworten, welches Garn wirklich geeignet ist. „Es ist ähnlich wie beim Bio-Essen. Ist zum Beispiel eine Bio-Kiwi aus Neuseeland einem heimischen Apfel aus konventionellem Anbau vorzuziehen? Die Antwort darauf ist nicht eindeutig und fällt für verschiedene Menschen bestimmt verschieden aus“, sagt Riccabona. Gefunden hat die Designerin aber ihre eigene Ästhetik. Inspiriert von Textilien wie alten anatolischen Kelims, afrikanischen Matten oder Berberteppichen, setzt sie auf den natürlichen und unregelmäßigen Charakter der Garne, auf gedeckte Farben und dezente Muster. Mit ihrem handwerklichen Ansatz bewegt sich Catarina Riccabona allerdings in einer kleinen Nische, denn für größere Stückzahlen müsste sie Kompromisse bei der Umweltverträglichkeit der Garne eingehen.

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Doch auch einige im industriellen Maßstab produzierende Hersteller haben mittlerweile ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass ihre Produkte Teil eines größeren Zusammenhangs sind. Etwa das Schweizer Textilunternehmen Christian Fischbacher, das mit „Eco“ einen biologisch abbaubaren Stoff ohne chemische Zusätze entwickelt hat, der trotzdem schwer entflammbar ist. Rund drei Jahre Forschung stecken in dem Gewebe aus Leinen, Viskose und Baumwolle, das als Deko- und Bezugsstoff eingesetzt werden kann. Der britische Hersteller Camira forscht ebenfalls an innovativen Textilien aus Naturfasern. Er mischt Wolle mit Leinen, Brennnessel, Jute oder Hanf und stellt so strapazierfähige und zugleich weiche Bezugstoffe her, die sogar für die Nutzung in Büros oder Schulen geeignet sind.

„Ein Vorhangstoff beispielsweise muss ja nicht so strapazierfähig sein.“

Bettina Göttke-Krogmann sieht großes Potential in den Naturfasern, etwa im Hanf: „Das ist ein völlig unterschätztes Material, denn man kann es bei uns anbauen, und es wächst sehr schnell“, sagt Göttke-Krogmann, Professorin für Textildesign an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle. „Hanf ist in Verruf gekommen und deshalb nicht weiter kultiviert worden.“ Leider sei die Industrie oft träge und schaue vor allem auf die Kosten. Und nicht jede Innovation sei erfolgreich. Schon vor einigen Jahren hätten Firmen Textilien aus Bambus oder Algen auf den Markt gebracht. „Das hat sich nicht durchgesetzt“, sagt die Textildesignerin. „Da waren Marktmechanismen stärker als die Nachhaltigkeitspolitik. Aber man muss trotzdem dranbleiben.“

Mit den Studierenden forscht Bettina Göttke-Krogmann an Materialalternativen, die heute noch ziemlich fremd erscheinen. Noch bis zum 5. November sind einige der experimentellen Arbeiten gemeinsam mit anderen Projekten in der Ausstellung „Textildesign. Vom Experiment zur Serie“ im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen. Katharina Jebsen etwa testete die Eigenschaften von Kiefernnadeln, einem Rohstoff, der in den heimischen Wäldern ausreichend zur Verfügung steht. In den Nadeln befindet sich ein weicher Faden – den zu extrahieren und zu spinnen ist das Ziel weiterer Experimente. Ein anderes Projekt aus der Ausstellung befasst sich mit Milch als Rohstoff. Die Mikrobiologin Anke Domaske hat das Unternehmen Qmilch gegründet, um nicht mehr trinkbare Milch zu verwerten. Das darin enthaltene Protein Kasein wird in einem Verfahren ähnlich der Viskoseherstellung zu einem Faden verarbeitet, der angenehm seidig und biologisch abbaubar ist.

Im Übrigen müssen es nicht immer neue Fasern sein: Stoffe lassen sich auch aus recycelten Materialien herstellen. „Der Bereich wächst“, bestätigt Bettina Göttke-Krogmann. Allerdings sei es schwierig, Textilien sortenrein zu sortieren, da es so viele Mischgewebe gebe. Und die Qualität der Fasern leide beim Recycling, aber da müsse man eben adäquate Anwendungen finden. „Ein Vorhangstoff beispielsweise muss ja nicht so strapazierfähig sein.“ Beispiele für Produkte aus wiederverwerteten Fasern gibt es mittlerweile einige. Das schwedische Unternehmen Bemz etwa bietet neue Bezüge für zahlreiche Ikea-Polstermöbel an. Eine nachhaltige Geschäftsidee, denn so bleibt das Sofa länger in Gebrauch – umso ressourcenschonender, wenn die Hülle zudem aus dem wiederverwerteten „Respect“-Stoff besteht. Für den verwendet Bemz Baumwollreste aus der Bekleidungsindustrie und mischt, um das Textil langlebiger zu machen, noch Polyester aus recycelten PET-Flaschen bei. Ohnehin warnt Göttke-Krogmann davor, Kunstfasern grundsätzlich zu verdammen. Wichtig sei, dass die Produktion in geschlossenen Kreisläufen geschehe, um die Belastung für die Umwelt zu reduzieren. Einige Unternehmen arbeiteten außerdem an einem Rücknahmesystem für benutzte Stoffe. Solange wir so viele Textilien verbrauchten wie heute, sei der Bedarf mit nachwachsenden Rohstoffen allein ohnehin kaum zu decken. Entsprechend lautet das Fazit der Textildesignerin: „Am wichtigsten überhaupt ist es, so wenig wie möglich konsumieren.“

Quelle: F.A.S.
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