Leben in der Schrottimmobilie

Die anderen sind längst weg

Von Judith Lembke
 - 08:05

Als Frau Hildebrandt das letzte Mal von unten hochwinkte, saß Eleonore Fischer auf dem Balkon. Es war ein Frühsommertag, aber so frisch, dass Frau Fischer sich eine Decke um die Hüften geschlungen hatte, damit die Nieren nicht kalt werden. Sie hatte in die üppige Krone des Baumes vor ihrer Wohnung geblickt und die Augen etwas zusammengekniffen, „um das Grün zu sehen, aber nicht das Chaos, was dahinter ist“, wie sie sagt. Dann sah sie Frau Hildebrandt dabei zu, wie diese zusammen mit ihrer Tochter die letzten Kisten aus dem Haus trug und in den Kombi lud.

Frau Fischer kann sich nicht mehr erinnern, wie häufig sie dieses geschäftige Heraustragen, das angespannte Einladen und den letzten prüfenden Blick auf das Zuhause, das man hinter sich lässt, in den vergangenen Jahren schon beobachtet hat. Aber als die Nachbarin zum Abschied winkte, war es anders als die Male zuvor. Damals, so sagt sie, fühlte sie sich „ein bisschen wie diese einsame Riesenschildkröte“, die letzte ihrer Art, auf den Galapagosinseln. „Wann gehen denn auch Sie?“, hat Frau Hildebrandt noch nach oben gerufen bevor sie fuhr, aber Eleonore Fischer hat nur mit den Schultern gezuckt. „Wo soll ich denn hin?“

Seitdem auch noch Frau Hildebrandt ausgezogen ist, sei sie nicht nur die einzige Mieterin, die von früher, als alles noch stimmte in dem Haus, übrig geblieben ist, und mit ihren 98 Jahren die älteste sowieso. Jetzt sei sie „wahrscheinlich auch die einzige Deutsche“, glaubt Eleonore Fischer, die eigentlich anders heißt. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, aus Angst davor, dass der Vermieter sie aus Ärger über ihre Aussagen aus der Wohnung schmeißen könnte. Oder dass einer der vielen ihr fremden Nachbarn, von denen sie meistens nur den Lärm mitbekommt und den Müll, bei ihr eindringen und sie überwältigen könnte. „Ich bin doch total hilflos“, sagt sie entschuldigend. Schließlich kennt sie bis auf die freundliche Russin in der Wohnung schräg gegenüber niemanden mehr im Haus, und wen sie auf dem Flur trifft, den versteht sie meist nicht.

Einst herrschte Aufbruch, heute Verfall

Dabei hat Frau Fischer eigentlich gar nichts gegen die „Ausländerjungs“, die ab Nachmittag auf den Stufen vor dem Hochhaus sitzen, Musik hören und Sonnenblumenkerne kauen. Die seien oft freundlich und böten an, ihren Rollator über die Schwelle zu heben, packten ihn dann aber meist an der falschen Stelle an, so dass die Einkäufe herausfielen. Aber die „Ausländerjungs“ seien eben ganz anders als die Mieter von früher, wie Frau Hildebrandt und ihre Tochter, die heute Beamtin bei der Stadt Köln ist – viel lauter und auch nicht so ordentlich, überall hinterließen sie ausgespuckte Sonnenblumenkernschalen.

Wie Frau Fischer mit geradem Rücken auf ihrem Sessel sitzt und erzählt, auf dem Tisch der Kaffee und die Butterkringel, die sie selbst besorgt hat, würde man sie nicht für fast hundertjährig halten. Ihre Augen blicken wach unter ihrer Goldrandbrille hervor, ihr kurzes weißes Haar ist noch voll. Ihr Äußeres ist ihr noch immer wichtig, die lila Farbe der Weste findet sich auch in ihrem Rock, ihre Schuhe haben einen metallischen Glanz. Sie schaut Fernsehnachrichten und liest die Lokalzeitung, auch wenn sie das alles viel mehr aufregt als früher.

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Nachdem Frau Hildebrandt mit ihren Sachen weggefahren war, schob Frau Fischer ihren Rollator langsam ins Innere, schloss die Balkontür fest hinter sich und zog die Spitzengardinen zu. In ihren eigenen vier Wänden fühlt sie sich sicher, wenn sie in ihrem schweren Plüschsessel sitzt und auf die Vitrine blickt, in der das zehnbändige Lexikon, das Sammelgeschirr und die zahlreichen Fotos stehen. Die meisten zeigen ihre Tochter, ihren Enkel und den vor drei Jahren verstorbenen Sohn. Selbst das dauernde Rattern des Fahrstuhls stört sie nicht, da weiß sie wenigstens, dass er funktioniert. Im Bad und im Schlafzimmer hat ihr Sohn vor Jahren Griffe angebracht, damit sie gut hochkommt, wenn sie aufstehen will. Bis auf diese Griffe ist fast alles noch genauso wie vor mehr als vierzig Jahren, als sie in die Wohnung gezogen ist. Nur die Figürchen und Kunstblumen auf dem Sideboard, die werden je nach Saison ausgetauscht.

Als Frau Fischer 1976 in ihre Wohnung zog, zeugte Finkenberg von Aufbruch. Die östlich des Rheins in Köln-Porz gelegene Siedlung war Anfang der siebziger Jahre als „Demonstrationsvorhaben des Bundes für menschenfreundliches Wohnen“ geplant worden. Die Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft, ein Tochterunternehmen der Neuen Heimat, baute nicht nur rund 2800 Sozialwohnungen, sondern legte auch breite Grünflächen und Spielplätze an. Einkaufspassagen, Schulen und Kindergärten sollten die Planstadt mit Leben füllen, Einfamilienhäuser und Wohnblöcke mit Eigentumswohnungen für eine gute soziale Mischung der Bewohner sorgen. Heute ist Finkenberg vor allem in der Presse, wenn es um verkommene Hochhäuser und Kriminalität geht oder darum, dass die AfD hier bei der Bundestagswahl fast 25 Prozent der Stimmen holte, mehr als in jedem anderen Kölner Stadtteil.

Der Eigentümer sitzt auf Zypern

„Als ich das erste Mal in die Wohnung gekommen bin, habe ich gesagt: ,Hier ziehe ich ein, lebe und sterbe ich‘“, erinnert sich Frau Fischer. Überzeugt habe sie damals vor allem das große Schlafzimmer, in das zwei Kleiderschränke passen, einer für sich und einer für ihren Sohn. Denn obwohl ihr Sohn immer wieder Freundinnen hatte, bei denen er auch zeitweilig wohnte, kümmerte sich die Mutter stets um seine Kleidung und verwahrte seine Anzüge und gebügelten Hemden in ihrem Schlafzimmer. An den Ausmaßen dieser beiden Schränke sind bislang auch alle Auszugsversuche gescheitert, denn in kein Altersheimzimmer wollten die beiden hineinpassen. Nun ist ihr Sohn zwar tot und sie hat beide Schränke mit ihren eigenen Sachen gefüllt, aber „jetzt bin ich zu alt, um noch einmal neu anzufangen“.

Wenn sie in ihrem Lieblingssessel sitzt, die Decke im Rücken und die Fotoreihe im Blick, kann sie auch meistens ausblenden, wie es vor ihrer Tür aussieht. Dass vor der Schwelle anstatt der grau-weißen Linoleumplatten nur noch nackter Estrich liegt. Dass ihre Außenklingel schon seit Jahren nicht funktioniert und die Briefkästen im Foyer nicht schließen, weil sie eingetreten wurden. Dass der Fahrstuhl oft wochenlang stillsteht, weil ihn keiner repariert und sie ihre Wohnung nicht verlassen kann, weil die Treppen aus dem dritten Stock für sie nicht zu bewältigen sind. Dass es in den Fluren nach Urin riecht, sich in den Gängen der Unrat stapelt und auf den Freiflächen sowieso.

Als sie einzog, waren fast alle Balkone bepflanzt, und die Treppenhäuser wurden im Wechsel von den Bewohnern geputzt. Wann das Haus in Schieflage geriet, kann Frau Fischer nicht mehr genau sagen. Der Prozess war schleichend. Richtig schlimm sei es jedoch geworden, als das Hochhaus den heutigen Eigentümer bekam. Nach der Pleite der Neuen Heimat wechselte der Bau mehrfach seinen Besitzer, bis ihr Haus und die umliegenden Gebäude bei einer Gesellschaft mit Sitz auf Zypern landeten. Seitdem ist Frau Fischers Zuhause das, was landläufig als Schrottimmobilie bezeichnet wird, weil der Eigentümer in seinen Besitz nichts mehr investiert und ihn gezielt mit sozial schwierigen Mietern belegt, für deren Wohnkosten der Staat aufkommt. Die Miete erhöhte er bis zur Grenze des Erlaubten.

Frau Fischer zahlt etwa 660 Euro warm für ihre 50 Quadratmeter – ein stolzer Preis, gemessen an der Qualität der Wohnung. Doch Frau Fischer will sich nicht beschweren, weil sie Angst hat, sonst aus der Wohnung vertrieben zu werden. Als der Fahrstuhl das letzte Mal zehn Wochen nicht funktionierte, wollte ihre Tochter die Miete mindern, aber da wurde Frau Fischer wütend und hat es ihr verboten. „Es ist am besten, ganz still zu bleiben, dann passiert einem auch nichts“, glaubt sie. Diese Taktik habe auch in der DDR am besten funktioniert, wo sie lebte, bis sie Mitte der siebziger Jahre zu ihren Kindern nach Köln ausreisen durfte.

Die Tochter sieht das anders. Wenn die Siebzigjährige über die Wohnverhältnisse ihrer Mutter spricht, redet sie sich in Rage. Dann wird ihr heiß, und sie muss ihren Fächer holen. Immer wieder habe sie bei der Hausverwaltung angerufen, um auf die Missstände in dem Haus hinzuweisen, doch meistens habe noch nicht einmal jemand unter der genannten Nummer abgenommen, sagt sie. Zudem hätten die Ansprechpartner andauernd gewechselt, mal sei einer in Berlin zuständig gewesen, mal in Düsseldorf. Aber egal, erreicht habe sie ohnehin keinen. Und wenn doch, hätte die Person nur gesagt, sie sei nicht zuständig. Nur einmal hätte plötzlich jemand von der Hausverwaltung vor der Wohnungstür ihrer Mutter gestanden und Einlass verlangt. Frau Fischer jedoch machte nicht auf, verkroch sich in ihrem Plüschsessel und rief ihre Tochter an. Als sie kam, wartete ein Muskelpaket vor der Wohnung der Mutter und behauptete, diese hätte seit fünf Monaten keine Miete bezahlt und müsse jetzt die Wohnung räumen. „Dabei hatten wir eine Lastschrift erteilt, aber der Vermieter hatte das Geld nie abgebucht“, sagt die Tochter. Immerhin habe sich der Mann nach Aufklärung des Missverständnisses entschuldigt und ihnen dann erzählt, wie er schon die „Zigeuner von oben“ aus dem Haus rausgeholt habe.

Auch die Tochter wohnt in einem Hochhaus, in einer Eigentumswohnung. Es ist direkt gegenüber und doch eine andere Welt. Die Fliesen im Foyer sind blitzblank geputzt, die Rabatten gepflegt, der Rasen ist getrimmt. Am schwarzen Brett hängt der Brief einer Bewohnerin, die sich für die liebe Unterstützung durch die Nachbarschaft nach dem Tod ihres Mannes bedankt. „Wer außerhalb der erlaubten Zeiten den Müll entsorgt, bekommt sofort Ärger mit dem Hausmeister“, sagt die Tochter. In den oberen Fluren kann man die Müllbeutel in eine Klappe werfen, der Abfall saust dann nach unten. Auch in dem Haus von Frau Fischer gibt es so ein Abfallsystem, doch es ist gesperrt, seitdem dort jemand einen toten Fötus entsorgt hat.

Wenn die Tochter ihre Mutter zu Hause besucht, nimmt sie sich immer ausreichend Taschentücher mit, um außerhalb der Wohnung nichts direkt berühren zu müssen, keine Türklinke und keinen Knopf im Fahrstuhl. Der Enkel weigert sich ohnehin, das Haus zu betreten, er hat eine Immunschwäche, und der Schmutz macht ihm Sorge. In den vergangenen Jahren war er nur selten dort: Einmal, als die Oma nach unten getragen werden musste, weil sie mit ihrem todkranken Sohn Geburtstag feiern wollte und der Fahrstuhl wieder einmal nicht ging. „Und einmal habe ich ihn angerufen und gesagt, dass er sich unbedingt den Baum vor meinem Balkon anschauen muss“, sagt Frau Fischer.

Einer der Nachbarn von oben hatte wieder den Müll aus dem Fenster geworfen und nun hing der Unrat im Baum wie die Kugeln am Christbaum: Volle Windeln, ein BH und ein Männerslip, aus dem noch das Kondom herauslugte. Sie habe gebetet, dass bald ein Sturm kommt, damit sie wieder in ihre grünen Blätter gucken kann, sagt Frau Fischer. Und dann ergänzt sie noch, dass es verboten werden müsste, so hohe Häuser wie ihres zu bauen. „Vier Stockwerke und dann muss Schluss sein. Hochhäuser ziehen Verbrecher an“, fordert sie und lässt offen, ob sie damit die Investoren, die Bewohner oder vielleicht auch beide meint.

Quelle: F.A.S.
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Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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