Immobilien
Rendite, Hobby, Historie

Das 1-Million-Euro-Haus

Von Michael Psotta
© Engel und Völkers, F.A.Z.

Eine Zweizimmerwohnung mit 78 Quadratmeter Wohnfläche in München? Oder eine Ölmühle in der Toskana? Ein Chalet im portugiesischen Sintra? Ein spätmittelalterlicher Turm in Goslar? Wer für eine Immobilie 800.000 bis 1 Million Euro ausgeben will, hat die Wahl. Möglicherweise fällt die Wahl nicht allzu schwer. Wer in München arbeitet, denkt wohl eher an eine Wohnung in München. Für genau 795.000 Euro, einschließlich 3,57 Prozent Maklercourtage sind es 823.381,50 Euro, vermittelt der Hamburger Immobiliendienstleister Engel & Völkers im Münchener Stadtteil Haidhausen eine Altbauwohnung aus dem Jahr 1900, nach einer Kernsanierung 1987 in Topzustand. Ausgestattet ist sie mit Parkettboden, einem durch die Küche begehbaren Balkon in Südlage und einem Kachelofen im Wohnzimmer. Wer in München gelebt oder nach einer Wohnung gesucht hat, wird die Maklerangaben im Exposé über die Lage nicht für übertrieben halten: einer der werthaltigsten Stadtteile Münchens mit vielen kleinen Läden und Kneipen, in der Nähe die Isarauen.

Ob ein Preis von 10.000 Euro je Quadratmeter selbst für die Verhältnisse in München, der traditionell teuersten deutschen Stadt, nicht doch übertrieben erscheinen, lässt sich gleichwohl lange diskutieren. Einen Aufzug besitzt die Wohnung nicht – er ließe sich nachrüsten –, und die Fläche reicht für ein Paar, das sich gut versteht – auf den deutschen Durchschnittswert von 46 Quadratmetern pro Kopf kommen sie nicht. Kai Enders, Vorstandsmitglied von Engel & Völkers, hält die Größe aber nicht für das entscheidende Kriterium. In München wie in Frankfurt und Berlin seien es vorwiegend vermögende nationale Käufer, die in den sehr guten Lagen Wohnungen erwerben: „Immobilien stellen für sie aufgrund der aktuellen Zinslage ein attraktives Investment dar“, sagt Enders. „Gerade im Hinblick auf das Rendite- und Wertsteigerungspotential einer Immobilie spielt die Größe eine eher untergeordnete Rolle, viel entscheidender sind Kriterien wie die Lage und die Ausstattung.“

Für Björn Dahler, Inhaber des ebenfalls mit Luxusimmobilien befassten Hamburger Dienstleisters Dahler & Company, ist der typische Kunde einer teuren Stadtwohnung Eigennutzer. Meist handele es sich um jüngere Menschen, die im Beruf schon Fuß gefasst haben, oftmals noch Singles, manchmal auch wieder Singles. Interessiert seien sie an Wohnungen mit 70 bis 120 Quadratmetern und zwei bis höchstens vier Zimmern. Entscheidend sei in der Preisklasse 800.000 bis 1 Million Euro die Lage, gern Bestlage in Hamburg, München, Berlin oder Frankfurt.

Ölmühle in der Toskana, geschichtsträchtiges Chalet in Portugal

Allerdings bietet die Immobilienwelt in dieser Preisklasse auch ganz anderes: Beispielsweise einen 500 Jahre alten Turm in Goslar, einst als Zwinger für die Stadtverteidigung errichtet und heute Teil des Weltkulturerbes der Unesco. Offeriert für 990.000 Euro, bietet das Gemäuer im Harz zwölf Zimmer, drei Bäder und eine Wohnfläche von 664 Quadratmetern. Als Prunkstück wird die 420 Quadratmeter große Terrasse auf dem Dach genannt mit Seeblick und Aussicht auf die Kaiserstadt. Gemessen an der Wohnfläche, kostet der geschichtsträchtige Turm also nur rund 1500 Euro je Quadratmeter. Das hat mit der Lage zu tun, die nächstgrößeren Städte sind Hildesheim, Salzgitter, Wolfenbüttel und Braunschweig. Immerhin lässt er sich gewerblich nutzen, etwa durch ein ausbaufähiges Restaurant und Einliegerwohnungen für Touristen.

Interessenten südlicher Gefilde könnten sich zum Beispiel eine ehemalige Ölmühle in der Provinz Lucca in der Toskana näher anschauen. Das Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete und 1995 komplett renovierte Gebäude hat vier Schlafzimmer, zwei Bäder und eine Wohnfläche von 300 Quadratmetern sowie ein Grundstück von 9000 Quadratmetern, auf dem noch 300 Olivenbäume stehen. Kostenpunkt: 1 Million Euro. Während die Toskana vor alter und reicher Geschichte nur so strotzt, bietet eine Immobilie in Portugal sogar eine eigene Historie an: das Chalet Mayer, Wochenendhaus der Brüder Augusto und Ivo Mayer in der Kleinstadt Sintra 25 Kilometer westlich von Lissabon in der Nähe des Atlantiks. Die Brüder Mayer, die zu den Gründern des Hot Clube de Portugal, des ältesten noch bestehenden Jazzclubs in Europa, gehörten, starben 2012 im Abstand von nur einem Tag. Fotograf Augusto und Pianist Ivo haben im vergangenen Jahrhundert dazu beigetragen, Jazzmusik in Portugal zu verbreiten. Offensichtlich hatten sie am Wochenende einen größeren Platzbedarf – davon zeugen sechs Schlafzimmer, sieben Badezimmer und eine Wohnfläche von gut 600 Quadratmetern. Der Kaufpreis: 995.000 Euro.

Für Interessenten derartiger exotischer Objekte spielen aus der Sicht von Enders persönliche Vorlieben eine große Rolle. Manche Käufer erfüllten sich da einen langgehegten Traum. Allerdings gebe es auch Investoren und Projektentwickler, für die der wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund stehe, etwa als Restaurant, Hotel, Eventfläche oder Ferienwohnungen. In jedem Falle spiele auch bei außergewöhnlichen Objekten die Lage eine entscheidende Rolle: Die gute Verkehrsanbindung an eine größere Stadt oder die Nähe zu einem Flughafen.

Dahler gibt zu bedenken, dass das Geschäft bei derartigen Immobilien nicht immer leicht ist: „Da wird hart gehandelt, die Käufer sind oft pfiffig und sich der Tatsache bewusst, dass das Objekt nicht so nachgefragt wird.“ Auch er hebt die Bedeutung der Lage für den Verkaufserfolg hervor. Als Beispiel nennt er ein reetgedecktes Luxushaus mit 350 Quadratmeter Wohnfläche mit großem Grundstück und sehr gutem Zustand – in Husum. Verkaufspreis: 800.000 Euro. „Nur 20 Kilometer Luftlinie entfernt auf Sylt wäre es das Zehnfache gewesen.“

Quelle: F.A.Z.
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