Immobilien
Verzicht auf Wohneigentum

Ich bin Mieter, und das ist gut so

Von Judith Lembke
© Getty, F.A.S.

Dieter Richter ist Millionär, Golfspieler, Sportwagenfahrer und Mieter. Aus Überzeugung. „Meine Frau und ich könnten uns auch eine schöne Eigentumswohnung kaufen“, sagt der selbständige Steuerberater aus Berlin, der eigentlich anders heißt. Es sind weder die gestiegenen Immobilienpreise noch die fehlenden Angebote, die ihn davor zurückschrecken lassen. Richter ist auch kein kühler Rechner, der nach Analyse einer seitenlangen Excel-Tabelle zu dem Ergebnis gekommen ist, dass sich Mieten für ihn mehr lohnt als Kaufen. Im Gegenteil hält er es „ökonomisch für absoluten Quatsch“, dass er seit 1994 Miete für eine Dachgeschosswohnung in der Nähe des Ku’damms zahlt, mittlerweile mehr als 2000 Euro im Monat. Aber seiner Frau und ihm behagt das Konzept, dass ihn nur drei Monate Kündigungsfrist an eine Wohnung binden, mehr als die Idee, eine Immobilie zu besitzen. Artikel 14 des Grundgesetzes, der besagt, dass „Eigentum verpflichtet“, klingt für ihn nach Last, nicht nach Verheißung.

In Zeiten niedriger Hypothekenzinsen haben überzeugte Mieter in der Diskussion einen schweren Stand. Warum dem Vermieter Geld schenken, wenn man günstig finanzieren kann und irgendwann im abbezahlten Eigenheim wohnt? Oft wird stillschweigend vorausgesetzt, dass Menschen, die sich Eigentum leisten können, dies auch anstreben. Mieter, so ein gängiges Vorurteil, ist jemand, der sich etwas Eigenes (noch) nicht kaufen kann. Diese Annahme entwickelte sich vor allem in der Nachkriegszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Eigenheim zum ultimativen Statussymbol. Hausbesitzer zu sein ließ auf eine solide bürgerliche Existenz schließlich, die politisch durch Eigenheimzulage und Pendlerpauschale gefördert wurde. Wer in den eilig nach dem Krieg errichteten Mietshäusern oder in unsanierten Altbauten der Innenstädte wohnte, war wirtschaftlich meist schlechter gestellt als derjenige, der abends in sein Vororthäuschen mit Garten pendelte.

Im Allgemeinen ist das bis heute so geblieben. 77 Prozent aller Mieter leben in Mehrfamilienhäusern, auf durchschnittlich 73 Quadratmetern für 673 Euro warm, das hat die gerade veröffentlichte erste große repräsentative Mieterstudie ergeben, die das Allensbach Institut im Auftrag der Immobiliengesellschaft Wertgrund erstellt hat. Hausbesitzer hingegen wohnen sehr viel häufiger in einem frei stehenden Haus, haben mehr als hundert Quadratmeter zur Verfügung und geben im Durchschnitt deutlich mehr Geld fürs Wohnen aus. Etwa die Hälfte aller Deutschen lebt zur Miete, die andere Hälfte im Eigentum.

In den Städten sind Mietwohnungen vorherrschend: In Berlin liegt die Eigentumsquote nur bei 15 Prozent, im ländlich geprägten Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist sie mit etwa 60 Prozent in Deutschland am höchsten. Seit der Jahrtausendwende steigt die Quote langsam, aber kontinuierlich an – eine Entwicklung, die dem politischen Willen entspricht: Denn das selbstbewohnte Eigentum wird als einer der wichtigsten Bausteine der Altersvorsorge propagiert, die Deutsche Bundesbank nennt es einen „wichtigen Motor für den Vermögensaufbau“.

Gehen können, wann es einem gefällt

Zudem sorgen Hauseigentümer für gesellschaftliche Stabilität: Sie bleiben im Durchschnitt dreiundzwanzig Jahre in einer Wohnung, Mieter nur elf. Wer ein Haus besitzt, kümmert sich auch selbst darum und macht Stadt oder Kommune weniger Arbeit, ist die Annahme. Einen Kredit abzubezahlen diszipliniert zudem: Studien zeigen, dass Eigentümer bei gleichem Einkommen mehr sparen als Mieter. Außerdem überlegt sich jemand, der Hausbesitz zu verlieren hat, eher, ob er seinen sicheren Job aufgibt, um Yogalehrer zu werden oder ein Sabbatical in Australien zu machen.

Genau diese Freiheit, gehen zu können, wann es ihm gefällt, will Christian Koser nicht aufgeben und schließt deshalb aus, in selbstgenutztes Eigentum zu ziehen. „Ich will von einem Tag auf den anderen meine Zelte abbrechen können“, sagt Koser. Die Vorstellung, dass er sich in die Abhängigkeit einer Bank begeben müsste, erschreckt ihn ebenso wie die Vorstellung, bei einem Arbeitgeber bleiben zu müssen, der ihm nicht passt, „nur um das Häuschen abzubezahlen“. Seine große Freiheitsliebe begründet er mit seiner Herkunft aus der DDR, die er als „großes Freiluftgefängnis“ empfunden hat. „Solange ich nicht Geld im Überfluss habe, bleibe ich lieber Mieter“, sagt Koser, der mit seiner Familie in einem Reihenhaus in der Nähe von Frankfurt wohnt und sich in der Situation wohler fühlt, als wenn es sein Eigentum wäre. Denn hätte er das Haus gekauft, wäre die monatliche Belastung deutlich höher als die Miete, hat er ausgerechnet. Angst, dass der Vermieter Eigenbedarf anmeldet und er ausziehen muss, hat er nicht. „Als Doppelverdiener finden wir immer etwas, selbst auf einem angespannten Markt wie im Rhein-Main-Gebiet“, ist er sicher.

Wer mit überzeugten Mietern spricht, stößt immer wieder auf die gleichen Motive: Freiheitsliebe, Unabhängigkeit und eine hohe Mobilität. „Wir wollten einfach flexibel bleiben“, antwortet auch Dieter Richter auf die Frage, warum er und seine Frau nicht vor Jahren eine Wohnung gekauft haben, wenn es seiner Ansicht nach doch wirtschaftlich sinnvoller gewesen wäre. Auch vor den Auseinandersetzungen, zu denen es in Eigentümergemeinschaften nicht selten kommt und die sie bei Freunden mitbekommen haben, graute den Richters. Beide haben anspruchsvolle Berufe, für die sie viel reisen müssen, „da wollen wir uns in der Freizeit nicht auch noch um eine Immobilie kümmern“. Zudem standen im Laufe ihrer Karrieren häufiger Umzüge in andere Städte zur Debatte, so dass sie sich nicht zu sehr binden mochten. Wichtiger, als in einer eigens gestalteten Einbauküche zu kochen oder die Badarmaturen selbst auszusuchen, war ihnen die Lage der Wohnung mitten im Zentrum von West-Berlin, mit Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten um die Ecke.

Vorteile des Mieterdaseins in öffentlicher Debatte unterrepräsentiert

Auch jetzt, mit Mitte sechzig, wo jobbedingte Umzüge nicht mehr wahrscheinlich sind, wollen sie ihre Ungebundenheit als Mieter nicht missen: „Wenn es nötig wird, können wir jederzeit in eine Seniorenresidenz ziehen, ohne uns um den Verkauf einer Immobilie kümmern zu müssen“, sagt Richter.

In der öffentlichen Debatte wurden die positiven Aspekte des Mieterdaseins in den vergangenen Jahren kaum thematisiert. Miet-Wahnsinn, Mieter-Mobbing, Miet-Horror lauteten die Schlagzeilen über Geschichten, in denen es um astronomische Preissprünge und Verdrängung durch Luxussanierung ging. Die Politik reagierte mit Mietpreisbremse, dem Bestellerprinzip für Makler und Milieuschutzsatzungen zum Schutz der mietenden Wähler. Es zeichnet sich ab, dass Mieterschutz auch im Bundestagswahlkampf ein wichtiges Thema ist. „Das Bild ist verzerrt, weil alle immer nur auf die fünf größten Städte gucken, wo die Mieten in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind“, sagt Thomas Petersen vom Allensbach Institut, der den Mieterreport erstellt hat. Seine Umfrage hat ergeben, dass die deutschen Mieter insgesamt keineswegs mit ihrer Lage hadern: 81 Prozent geben an, mit ihrer Wohnsituation zufrieden oder sogar sehr zufrieden zu sein. Das ist eine hohe Quote, auch wenn fast 100 Prozent der Eigentümer finden, dass alles passt. Besonders zufrieden sind dabei diejenigen, die einen privaten Vermieter haben, die Mieter von Wohnungen im kommunalem Besitz sind am unzufriedensten. Das mag vor allem daran liegen, dass nur 35 Prozent der privaten Mieter in den vergangenen Jahren die Miete erhöhten, während bei städtischen oder privaten Unternehmen die Quote fast doppelt so hoch ist. Mehr als zwei Drittel der Befragten finden sogar ihre Miethöhe akzeptabel, mehr als die Hälfte sieht sich durch die Kaltmiete nicht besonders stark belastet. Wie zu erwarten, klagen Mieter in großen Städten diesbezüglich mehr als jene auf dem Land.

Nur 16 Prozent der Mieter spielen mit dem Gedanken, eine Eigentumswohnung zu kaufen. In den fünf größten deutschen Städten beabsichtigen das sogar nur 6 Prozent. „Wenn ich diese Wohnung kaufen würde, müsste ich das Vierzigfache der Jahresmiete plus Nebenkosten bezahlen, das ist doch Wahnsinn“, sagt zum Beispiel Paul Russell. Der Manager wohnt in einer Wohnung in München-Schwabing, für die er 3000 Miete im Monat bezahlt. Kalt. Die hohe Miete störe ihn nicht, er weine dem vielen Geld auch nicht hinterher. „Denn dafür muss ich mich um nichts kümmern.“

Auch Russell bezeichnet sich als Mieter aus Überzeugung. Das war nicht immer so. Russell hat auch schon Eigentumswohnungen besessen „und immer Schiffbruch damit erlitten“, wie er sagt. Seitdem glaubt er auch nicht mehr an die Verheißungen der Makler. Zwar hatte er seine beiden Wohnungen in London und Berlin jeweils günstig ge- und deutlich teurer verkauft. Doch in London stolperte er über nicht genehmigte Umbauten, über die er beim Kauf nicht informiert worden war und die er wieder rückgängig machen musste. Und seine Berliner Wohnung hatte zahlreiche versteckte Mängel, die er beheben musste. In beiden Fällen war der Immobilienbesitz letztlich ein Verlustgeschäft. Deswegen heißt es für ihn: „Nie wieder.“ Nur eine Sache macht ihm Sorgen: Wenn er erst in Rente sei, könne er die hohe Miete nicht mehr leisten. Da beneide er insgeheim seinen Bruder, der im abbezahlten Häuschen im Vorort sitze.

Quelle: F.A.S.
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