Kunst bis unters Dach

Von ANNA-LENA NIEMANN, Fotos FRANK RÖTH
Innenansicht der Galerie von Bartha in Basel

11.11.2017 · Preisschildchen am Bilderrahmen? Tollpatschiger Besuch? Ein Blick in die Wohnung des Basler Galeristen Stefan von Bartha verrät: Mit Kunst zu leben ist halb so wild.

B roken Hearts are for Assholes“ – gebrochene Hezen sind was für Arschlöcher –, steht in weißen Blockbuchstaben auf schwarzem Untergrund. Die gerahmte Illustration hängt im Ankleidezimmer von Stefan von Bartha. Wann und wo er das Bild gekauft hat, weiß er noch genau: vor sechs Jahren, auf einer Galerietour. Für den damals frisch Getrennten ein selbstauferlegtes Ablenkungsmanöver, das aufging. Von wem die Illustration ist, hat er allerdings gerade vergessen. Für einen Galeristen ist das eher ungewöhnlich.

Jedes andere der zahlreichen Bilder und Installationsstücke in seiner Dachgeschosswohnung in Basel kann er absolut sicher zuordnen. Der kurzzeitig entfallene Name ist nach einem Blick in die Mails auch wieder da: Anna Hilti heißt die Künstlerin, der er die gepinselte Antwort auf seinen Herzschmerz verdankte. Bezeichnend ist die kurze Szene trotzdem.

Große Namen und oft noch größere Preise lassen sich nicht wegphilosophieren, im Vordergrund aber soll bei Stefan von Bartha immer das Kunstwerk stehen: vom wichtigen Initialmoment, der entscheidet, ob ein Bild schlicht gefällt oder nicht, bis zur Geschichte, dem Wissen um Entstehung und Deutung. Von Kunst als Investment hält er herzlich wenig, „großes Blabla“ nennt er das ständige Gerede über Preise, Auktionen bis zur Berichterstattung über sein Heimspiel, die Art Basel. „Mit den Bildern selbst setzt sich kaum noch jemand auseinander.“

Stefan von Bartha lebt von und mit der Kunst – und zeigt nebenbei, dass die ziemlich wohnlich sein kann.

Es ist einer der wenigen Momente, in denen der 36 Jahre alte Basler vollkommen ernst wird. In der Galerie, die er vor gut zehn Jahren von den Eltern übernahm, hat er es zur Firmenpolitik gemacht, mindestens drei Stunden über ein Bild sprechen zu können, ohne auch nur einmal Preise zu diskutieren. Wenn es nicht um die Wucherungen des internationalen Kunstmarktes geht, steht er ansonsten ziemlich gut gelaunt und offen in seiner Wohnung, nicht in Jackett und Künstlerschal, sondern in Turnschuhen, Jeans und denimfarbenem Leinenhemd. Der dunkelblaue Pullover hängt – ohne Knoten – über den Schultern.

Privat gilt: Gekauft wird, was gefällt. Eigentlich ganz simpel, in der Kunstwelt aber keine Selbstverständlichkeit mehr. Gefallen findet der Schweizer vor allem an moderner und zeitgenössischer Kunst. Bei der schieren Fülle an Kunstwerken könnte er seine Wohnung in der Tat problemlos zum Museum umfunktionieren und Eintritt verlangen.

Der Altbau ist dann aber alles andere als museal und angestaubt. Das luftige Dachgeschoss erstreckt sich über drei Häuserriegel. Alte Dachbalken durchziehen den offenen Grundriss mit seinen ausnahmslos weißen Wänden und dem gegossenen, grauen Boden. Sie verpassen dem modernen Interieur urig-knarzige Wohnlichkeit. Durch die Fenster der neu gesetzten Gauben reicht der Blick über den Kannenfeldpark und die industriell geprägte Seite Basels bis zu den malerischen Hügelketten hinter der französischen Grenze. Drinnen verteilt sich das „Who is Who“ der zeitgenössischen Kunstszene auf 260 Quadratmetern. Über jedes Stück vom Boden bis zur Decke hat der Hausherr eine kleine Anekdote parat.

Was für ein Duo im Schlafzimmer: Der Stuhl von Alvar Aalto, ein Designklassiker, steht direkt neben Imi Knoebels Kunstwerk „Cut-up“.

Im Schlafzimmer fällt der erste Blick am Morgen auf eine großformatige Arbeit des deutschen Malers und Bildhauers Imi Knoebel. „Cut-up“ nennt sich das Werk, in dem sich matte weiße und schwarze Streifen mikadoartig und plastisch über- und ineinanderlegen, fast so, als wären die Dokumentenschnipsel eines Aktenvernichters in einer riesigen Wandskulptur verewigt worden. Von Bartha verguckte sich sofort in das Bild, der Erwerb war trotzdem eine Herausforderung – besonders finanziell. „Ich wollte schon länger selbst eine große Arbeit von Imi besitzen, hatte aber einfach großen Respekt davor, auch privat das Geld in die Hand zu nehmen.“ Über Preise spricht er, wie gesagt, nicht. Nur so viel: Die Chance war da, und er schlug zu.

Ein Geschenk hingegen war der Stuhl zur Linken von Knoebels „Cut-up“. Den Möbelklassiker von Alvar Aalto bekam er von Carl Laszlo, dem legendären Kunsthändler und Sammler, für den seine Eltern vor der Selbständigkeit gearbeitet haben. „Nur ein einziges Mal habe ich in dem Stuhl tatsächlich gesessen“, sagt er nicht ohne Ehrfurcht. Eine kleine, aufwendig gearbeitete und gerahmte Klosterarbeit an der gegenüberliegenden Wand fällt hingegen sprichwörtlich etwas aus dem Rahmen zwischen den ansonsten gegenstandslosen und abstrakten Stücken. „Bei Ulla Dreyfus habe ich solche Arbeiten früher oft gesehen“, erklärt er seine Verbindung zu dem Stück. Auch sie ist leidenschaftliche Sammlerin, vor allem surrealistischer Kunst. Mit Führungen durch die Dreyfus-Sammlung stockte er als Teenager das Taschengeld auf – wie sein Vater vor ihm.

Das mit den Familientraditionen ist so eine Konstante. Heute wie früher liegen Wohnen und Arbeiten schon allein räumlich dicht beieinander. „Zu Hause war es immer spannender als in der Schule! Wir wohnten direkt über der Galerie, das Haus war immer voll interessanter Menschen, Künstler kamen zum Essen vorbei, man hörte viele Sprachen“, erinnert sich von Bartha.

Kunstwerk mit Stuhl
Der Tisch von Pedro Wirz passt gut ins Ess- und Wohnzimmer mit grauem Betonboden.

Dass er selbst in der Kunstbranche arbeiten wollte, wurde ihm früh klar. Mit 16 organisierte er seine erste eigene Ausstellung, mit Unterstützung der Eltern in Form von Räumlichkeiten und 800 Franken Budget. In eingelagerten Kartons entdeckte der geschäftstüchtige Sohn alte Roboterspielzeuge. Aus einem Christie’s-Katalog wusste er, dass diese gerade für rund 3000 Franken gehandelt wurden. Das Projekt wurde ein Erfolg, von 420 Stücken verkaufte Stefan von Bartha 419, ein Drittel des Gewinns durfte er behalten. Mit 25 Jahren übernahm er die elterliche Galerie unter der Bedingung, sie räumlich und inhaltlich zu verändern.

Als er vor etwa zehn Jahren die alte Autowerkstatt am Kannenfeldplatz entdeckte, in der sich die Galerie jetzt befindet, kauften die von Barthas gemeinsam gleich drei angrenzende Häuserriegel dazu. Insgesamt dreizehn Wohnungen sind entstanden, das durchgehend ausgebaute Dachgeschoss und eine darunterliegende Wohneinheit legte der Sohn zusammen und hat sie selbst bezogen. Keine dreißig Schritte liegen jetzt zwischen Haustür und Arbeit.

Dass das gut gehen würde, war nicht immer klar. Die Bank riet damals vom Kauf ab. „Das Viertel hatte keinen guten Ruf“, erzählt er. Das war, bevor der Pharmakonzern Novartis hier, außerhalb der Basler Altstadt, einen Uni-Campus baute, mit dem eine lebhafte Studentenszene einzog. Hip wirkt vor allem die Front der Galerie, instagramtauglich könnte man auch sagen. Vor den anthrazit gerahmten Fensterfronten bildet die rot-weiße Zapfsäule einen fotogenen Kontrast. Der Sprit fließt an diesem Tag für 1,53 Franken. In der Tanke nebenan wird bezahlt, unter einer Markise sitzen ein paar Männer bei Kaffee und Zigarette entspannt an kleinen Bistrotischen auf dem Bürgersteig. Auch Stefan von Bartha ist Stammgast. „Mit denen müssen wir uns gutstellen. Ihre Tanks liegen genau unter der Galerie“, scherzt er.

  • Den organisch geformten Esstisch auf drei Beinen fertigte eine befreundete Möbeldesignerin für den Galeristen an.
  • Auch Metallobjekte von Pedro Wirz und ein Kunstwerk von Gerhard von Graevenitz (an der Wand) finden Platz unter den Holzgiebeln.
  • Auch im Arbeitszimmer des Galeristen hängt natürlich Kunst: im Hintergrund ein Gemälde von Landon Metz
  • Ein Gästeschlafzimmer, das sich sehen lassen kann

Wie die Bank trieb auch die ältere Von-Bartha-Generation Skepsis um. Allerdings nicht wegen des Viertels und der Räumlichkeiten an sich, sondern wegen der Wahl des Architekten. Den Umbau von Galerie und Wohnungen sollte Lukas Voellmy übernehmen, Stefan von Barthas Freund aus Schulzeiten. Der Haken: Voellmy war zum Zeitpunkt des Umbaus noch Student. Für Stefan von Bartha war es ein Glücksfall, mit dem besten Freund zusammenzuarbeiten. „Da konnte man auch mal eine Baubesprechung um zwei Uhr nachts an der Bar machen“, erklärt er lachend. Beschwerden im Nachhinein gab es offenbar nicht. Auch der zweite Ausbau vor einem Jahr lag in Voellmys Hand, mittlerweile als fertigem Architekten im eigenen Büro Luvo Architekten.

Stefan von Bartha scharrt gerne Familie und Freunde um sich. Die Wohnungen der unteren Etagen sind zum Großteil an Freunde und Kollegen vermietet. Um sein Patenkind zu besuchen, muss er nur zwei Stockwerke im mit Drucken und Bildern behängten Treppenhaus nach unten steigen. Seine eigene Wohnung ist für Gäste prädestiniert, nicht nur dank großzügigem Gästezimmer und lockerer Hausschlüssel-Politik. Im offenen Wohnraum bietet der organisch geformte Esstisch auf drei Beinen allein Platz für 16 Gäste. Eine befreundete Möbeldesignerin fertigte ihn für ihn an. Und ohne die Kunst kleinreden zu wollen, das unbestreitbare Highlight ist die Tischtennisplatte. Die Holzplatte aus den Fünfzigern ist das Erste, auf das Gäste beim Betreten des Dachgeschosses zusteuern, das Küche, Wohnbereich, Gästezimmer und eine holzverkleidete Loggia beherbergt.

Auch das Galerieteam hat schon Nächte an der Platte durchgespielt. In die Installationen, die in den Zimmerecken in bedrohlicher Nähe zum sportlichen Bewegungsradius stehen, ist bislang noch niemand gerauscht, versichert von Bartha. Das wäre dann wohl auch ein mittelschwerer Versicherungsfall. Eine säuberlich konstruierte Pyramide aus Flaschen und Spiegeln von Superflex steht da. Dem Kollektiv wird demnächst eine Ausstellung in der Turbine Hall des Tate Modern in London gewidmet.

Eine Pyramide aus Flaschen und Spiegeln, gestaltet vom Künstlerkollektiv Superflex, schmückt selbst in der Zimmerecke.

Der Hausherr denkt nicht daran, irgendeines der kostbaren Kunstschätzchen beiseitezuräumen, wenn Kinder zu Besuch kommen. Eine Rauminstallation der Künstlerin Sarah Oppenheimer, die im Mittelpunkt des Wohnzimmers geschickt einen Versorgungsschacht einhüllt, wurde von einem jungen Besucher schon zur Schlafhöhle umfunktioniert. „Kunst zu besitzen heißt, mit ihr zu leben“, sagt von Bartha überzeugt. Sein Lieblingsbild, ein Ölgemälde, ein Geschenk der Mutter, hängt gerade als Leihgabe an fremden Museumswänden. Der Haken wird in der Zwischenzeit für eine kleine Betonarbeit von Knoebel benutzt. „Imi Knoebel als Platzhalter“, sprudelt es da leise und sehr selbstironisch aus dem Galeristen heraus.

Quelle: F.A.Z.