Mit Hang zum Wasser

Von BIRGIT OCHS, Fotos MICHAEL KRETZER

15.09.2017 · Ein Paar will Arbeiten und Wohnen unter einem Dach verbinden. Das Grundstück zu finden ist nicht schwierig. Es zu bebauen schon.

E in Ort zum Wohnen und Arbeiten – Iljane Weidling-Koch und ihr Mann Thomas waren in den Vierzigern, als sie beschlossen zu bauen. Beide hatten da schon ein Leben hinter sich, und für das, was vor ihnen lag, wollten sie ein eigenes Haus. „Also sind wir ins Auto gestiegen und herumgefahren, um zu schauen, wo es schön ist“, erzählt die 48-Jährige. Auf der Suche nach einem Baugrundstück im Umland der rheinland-pfälzischen Hauptstadt wurden sie im Landkreis Mainz-Bingen fündig. Die auf betriebswirtschaftliche Beratung spezialisierte Freiberuflerin erinnert sich noch, wie sie schließlich am Fuß eines Brachlands standen – die Weinberge im Rücken und der sonnige Hang vor ihnen, auf dem ein Neubaugebiet entstehen sollte. „Da war klar, hier wollen wir hin und nirgendwo anders.“

Sie bekamen ein Grundstück, und ab da beginnt der komplizierte Teil der Geschichte. Dabei hatte das Ehepaar es ganz einfach haben wollen. „Wir hatten gar nicht vor, uns groß in den Hausbau reinzuhängen“, stellt Thomas Koch klar. Weswegen man sich auch für ein Bauträgerangebot entschieden habe. Doch mit dem erhofften Rundum-sorglos-Paket („die größte Illusion überhaupt“, Thomas Koch) wurde es nichts. Kurz vor Vertragsabschluss sprangen sie ab. Es war ihr Bauchgefühl, das ihnen abgeraten hatte – und vor einem Debakel bewahren sollte. Denn eine Woche nach ihrer Absage sei das Unternehmen insolvent gewesen, erzählt Koch. „Da ist uns was erspart geblieben.“

Von der Schmalseite: Wie der Bug eines Schiffs schiebt sich das Haus aus dem Erdreich.

Wünsche hatten sie und ihr Mann einige: Das eigene Büro sollte Platz finden, aber wie die Sauna („ein Muss!“) auf keinen Fall im Keller angesiedelt sein. Da bei den Kochs der Name Programm ist, sollte die Küche eine zentrale Rolle spielen. Den Grundriss wünschten sich die Bauherren so offen wie nur möglich, Geräte aber sollten nicht herumstehen. Darüber hinaus legte das Ehepaar auf einen Kamin ebenso Wert wie auf einen zentralen Wäscheabwurf.

Und weil im Haus ja auch ihr Büro seinen Sitz hat, war eine Toilette in der Nähe der Arbeitsräume ebenso zwingend wie genügend Stauraum. Zudem wollten die Bauherren möglichst einen Massivbau. Das Ungewöhnliche: Ein Budget haben die Auftraggeber den Architekten zunächst nicht genannt. Nicht weil Geld für die beiden keine Rolle spielt. „Aber wir wollten das Ganze nicht von vorneherein einengen“, erläutert Thomas Koch den Grund dafür, warum sie sich nicht auf einen Betrag festlegen wollten.

Unverzichtbar: Die Bauherren kochen leidenschaftlich gern, entsprechend wichtig ist die Küche.
1. Ein im ersten Stock als Raumteiler plaziertes Regal ohne Rückwand bietet viel Stauraum.
2. Der untere Teil des Hauses wurde massiv aus Beton errichtet.

Nicht ganz überraschend fiel der erste Entwurf zu teuer aus und musste abgespeckt werden. Hauptkostentreiber waren keine luxuriöse Ausstattung des Hauses oder teure Haustechnik, sondern neben der in dieser ersten Version geplanten doppelten Erschließung des Hauses am Hang auch der Keller.

In diesem Entwurf hatten die Planer das Gebäude noch parallel zum Hang positioniert, was sich angesichts der Bodenverhältnisse als nicht optimal herausstellte. Denn die Gemeinde hatte mit dem schönen Sonnenhang ein Terrain als Neubaugebiet ausgewiesen, dessen Boden einem Schwamm gleicht. „Das hat uns wirklich herausgefordert“, sagen Tim Bialucha und seine an der Planung beteiligte Kollegin Katrin Hinkel im Rückblick. Drei Bodengutachter prüften insgesamt die Verhältnisse vor Ort. Einer riet zu einer Gründung, die einem Hochhaus entsprach. „In diesem Moment stand das Projekt für uns auf der Kippe“, gesteht Thomas Koch.

Alles wird gut. Irgendwann haben die Kochs erfahren, dass die Planer unter diesem Dateinamen alle Unterlagen zum Bauvorhaben sammelten. Die Architekten haben es jedoch nicht bei Autosuggestion belassen, sondern, angesichts der im Wortsinn grundlegenden Probleme, das Projekt neu durchdacht. Das hat zu dem heutigen Entwurf geführt. Anstatt das Haus in voller Länge am Hang zu positionieren, wendet es diesem nun die Schmalseite zu. Das hat den Aufwand deutlich verringert. Nun kommt das Untergeschoss aus dem Erdreich wie ein Schiffsbug aus dem Wasser. Während der rückwärtige, im Hang liegende Teil die Haustechnik beherbergt und reichlich Lagerraum bietet, ist in der vorderen Hälfte, über die man das Haus betritt, der großzügige Büroraum untergebracht, den sich die beiden Freiberufler teilen. Außerdem befindet sich auf dieser Etage noch ein kleines Duschbad mit WC.

Leichte Sache: Die dünne Stahltreppe verbindet die Privaträume.

Doch auch nach der Umplanung war noch nicht alles gut. Nur Stunden nachdem der Bagger die Baugrube ausgehoben hatte, stand diese unter Wasser. Ein Schock. Der Hang wurde gestützt, ein aufwendiges Drainagesystem verbaut und das Untergeschoss aus wasserundurchlässigem Beton errichtet. Was die Mengen an Beton und Stahl angeht, haben die Kochs durchaus geklotzt. Ein Jahr nach Einzug und einige Starkregen später sind sie sich sicher, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Anders als bei anderen Neubauten der Nachbarschaft sei ihr Keller weder vollgelaufen noch habe er irgendwelche Feuchteschäden, erzählen sie.

Während der untere Teil des Hauses massiv ist, sind der erste Stock und das Dachgeschoss aus Holz. Eigentlich hatten sich die Bauherren ein „gemauertes Haus“ gewünscht. Die Planer jedoch, ohnehin dem Holzbau zugeneigt, haben für die Leichtbauweise geworben – mit dem Argument, dadurch das Gewicht (und die Kosten) des Gebäudes insgesamt stark zu reduzieren. „Wir sind froh über diese Entscheidung“, sagt Iljane Weidling-Koch heute. Nicht nur, weil sie sich in dem Haus wohl fühlen, für das übrigens eine Art Wärmedämmverbundsystem aus Holzfaser verwendet wurde. Sondern auch, weil sich der Baustoff darüber hinaus konstruktiv bewährt hat. Risse und Spalten am Übergang zwischen Beton- und Holzbau sind ihnen erspart geblieben. „Das natürliche Material reagiert einfach flexibler als ein massives Mauerwerk, das ist auf einem solchen Gelände wichtig“, erläutert Architekt Bialucha.

Anblick statt Einblick: Treppe und Regal ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und verhindern zu viel Einsicht.

Mit der Neuausrichtung des Hauses auf dem Grundstück haben die Planer auch das gesamte Innenraumkonzept noch einmal überarbeitet, da sich nun ein anderer Lichteinfall und neue Blickachsen ergeben haben. Positioniert haben sie den schlanken Bau an der westlichen Grundstücksgrenze, an die sich eine öffentliche Grünfläche anschließt. Sämtliche Fensteröffnungen in Dach und Fassade wurden so gewählt, dass möglichst viel Tageslicht ins Haus fällt – und so auch die Diele im Untergeschoss über die Treppen belichtet wird. Besonders gelungen ist dabei, die von den Bewohnern gewünschte Offenheit zu schaffen, ohne die Innenräume auszustellen. So schirmt im ersten Stock ein als Raumteiler plaziertes Regal ohne Rückwand fremde Blicke ab.

Die obere Etage ist ein einziger Raum, der sich, von der Hangseite abgesehen, in alle Richtungen hin öffnet. Dreh- und Angelpunkt auf diesem Stockwerk ist die Küche, an die sich ein großer Essplatz und der Wohnbereich anschließen. Von hier aus geht es über eine leichte Stahltreppe hinauf ins ebenfalls offen gestaltete Dachgeschoss, das mit einem Überraschungseffekt aufwartet: einem eigens angefertigtem Fass, welches zum Bad gehört und – in unmittelbarer Nähe zur großzügigen Sauna gelegen – als Abkühlbecken dient.

Quer- und Längsschnitt des Hauses Bialucha Architektur

Das ist mehr als originell. Die Architekten hatten vorgeschlagen, auch für diesen Teil des Hauses einen durchgehenden Holzfußboden zu wählen, was die Bauherren aber ablehnten. „Da wo regelmäßig sauniert wird, wird es nass“, hielten sie dagegen und wählten großformatige Fliesen. Nun sorgt der Holzbottich dafür, dass der zentrale Raum unterm Dach, wo auch das Schlafzimmer liegt, trotzdem wohnlich wirkt. Auf die Idee mit dem Fass kamen Kochs nach längerer Suche nach einer besonders tiefen Wanne. „Da gibt es eigentlich nichts“, hat Iljane Weidling-Koch festgestellt. Einzig ein Becken eines japanischen Anbieters entsprach ihren Vorstellungen. Doch das war zu teuer. Schließlich stießen sie auf einen Küffner, der ihnen ihre „Wanne“ anfertigte. Die sei nicht teurer als eine freistehende Standard-Acrylwanne, sagen sie.

Angekommen im Leben zu zweit: Thomas Koch und Iljane Weidling-Koch

Längst ist im Haus noch nicht alles fertig. Auch der Garten ist noch im Werden. Aber nicht zuletzt während der Bauzeit hätten sie gemerkt, wie hilfreich es sein könne, auch mal Tempo rauszunehmen, sagt Thomas Koch. Am Ende ist alles gut.

Das Haus Kurz und Knapp

Baujahr 2016
Bauweise Holzbau mit einem Dämmsystem aus Holzfaser auf massivem Sockel auf wasserundurchlässigem Beton
Energie und Haustechnik Gasbrennwerttherme und Kaminofen; Lüften mit „Kamineffekt“; Smart Home – Steuerung über BUS-System
Wohnfläche 186 Quadratmeter
Standort bei Mainz
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Quelle: F.A.Z.