Pflanzenblogger Igor Josifovic

„Die Pflanze muss zum Lebenswandel passen“

Von Anne-Christin Sievers
 - 08:29
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Woher kommt der Trend, immer mehr Grün ins Wohnzimmer zu holen, es zu einem Dschungel in der Stadt zu machen?

Heute sind wir ständig online, erschließen uns die Welt über Smartphones, Tablets, das ganze Leben spielt sich auf Oberflächen ab. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir davon fast gesättigt sind. Diese schnelllebige Entwicklung hat die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit als Gegenpol hervorgebracht. Bei all diesem Glatten, Digitalen geht die Sinnlichkeit verloren. Wir sehnen uns nach mehr Haptik, nach dem Natürlichen, das uns erdet und entschleunigt. Deswegen erleben Pflanzen eine Renaissance im Innenraum. Gerade urbane Bewohner holen sich gern ein Stück Natur ins Haus, vielleicht auch, um sich so zu erinnern, woher wir eigentlich kommen: daran, dass die Natur uns Menschen näher liegt als das Internet, auch wenn es mittlerweile unseren Lebenswandel bestimmt.

Welche Pflanzen sind besonders angesagt?

Momentan sind tropische Pflanzen sehr beliebt, verschiedene Palmenvarianten, auch Korbmaranten – alle Gewächse, die spannende Blattmuster und Farben besitzen und mit denen sich daheim ein kleines Urlaubsparadies einrichten lässt. Dieser Pflanzentrend wiederholt sich in der Mode oder bei Accessoires wie Palmwedeln und Textilien fürs Zuhause mit botanischen Prints.

Wie die Monstera-Motive?

Nicht nur. Kakteen und Sukkulenten sind ebenfalls sehr präsent, die mit ihrer skulpturalen Optik und ihren ungewöhnlichen Formen interessant wirken. Auch Tillandsien (Luftpflanzen), die meist aus dem tropischen Raum kommen, sind ein Thema. Das Besondere: Sie benötigen weder Erde, Substrat, Übertöpfe noch großen Pflegeaufwand, um zu wachsen – das macht sie wie auch die Kakteenarten bei den jungen, mobilen Städtern mit vollem Terminkalender beliebt. Ab und zu besprüht man sie mit Wasser oder legt sie in ein Wasserbad. Fürs Interior sind Tillandsien spannend, weil man sie sehr dekorativ in die Wohngestaltung einbinden kann: Sie lassen sich an Deko-Objekten aufhängen oder in Terrarien schön arrangieren.

Wie wählt man die richtige Pflanze für sich aus?

Damit Pflanzen lange überleben, sollte man sich für solche entscheiden, die zum Lebenswandel passen. Bin ich oft zu Hause und hab die Zeit, kann ich mir alle möglichen Pflanzen zulegen. Bin ich viel unterwegs oder habe wenig Kapazitäten für Pflanzenpflege, sollte ich pflegeleichte Gattungen wählen. Eine Pflanze bringt eine gewisse Verpflichtung mit sich. Im Idealfall kauft man sie sich nicht nur, weil man sie gerade dekorativ und trendy findet. Dann geht sie nach zwei Monaten ein, man schmeißt sie weg und denkt sich: Naja, egal, kauf ich mir halt ’ne neue. Dieses Verhalten entspricht nicht dem nachhaltigen Gedanken einer begrünten Wohnung.

Was ist noch wichtig?

Man sollte sich außerdem fragen: Was kann ich den Pflanzen als Wohn- und Lebensraum bieten? Pflanzen benötigen unterschiedliche Bedingungen. Man sollte die Pflanzen danach auswählen, wie es an dem Platz aussieht, an den man sie stellen will. Aus diesem Grund würde ich tropische Pflanzen auch nicht unbedingt mit Kakteen oder Wüstenpflanzen kombinieren.

Zu welchen Einrichtungsstilen, Möbeln oder Accessoires passt der „Urban Jungle“-Stil besonders gut?

Wunderbar fügen sich viele Pflanzen in typische Boho-Style-Wohnungen ein, die sehr taktil ausgestattet sind, mit tollen Textilien in unterschiedlichen Farben, Mustern, vielen Ethno-Elementen. Auch eine relativ minimalistische, skandinavische Einrichtung wirkt sehr schön, wenn man sie mit viel Grün kombiniert. Einen tollen Effekt hat es, sie mit botanischen Kunstdrucken an der Wand zu kombinieren oder mit Kissen, Bettwäsche und anderen Textilien, die mit Blattmustern bedruckt sind. Man kann auch kontrastierend arbeiten, indem man unifarbene Accessoires verwendet und so die Formen und Strukturen der Blätter besser zur Geltung kommen lässt.

Wie kombiniert man Pflanzen so, dass sie stimmig wirken?

Entweder nehme ich verschiedene Pflanzen, die aus der gleichen Familie stammen und deshalb ähnlich wirken. Jede Pflanze stelle ich dann in einen individuellen Übertopf – so wirkt es nicht zu konform. Auch ein Sammelsurium aus Vintage-Übertöpfen vom Flohmarkt oder aus einem Onlineshop hat einen tollen Effekt. Oder ich kombiniere ganz unterschiedliche Pflanzen und stelle sie alle in gleiche Übertöpfe, etwa aus Terracotta, die eine visuelle Klammer um das Arrangement bilden.

Und wie arrangiert man die Pflanzen am besten im Raum?

Das hängt von den räumlichen Bedingungen ab: Habe ich viel oder wenig Platz, wie viel Raum kann und will ich den Pflanzen geben? Das reicht von einer großen Statement-Pflanze, also einer ausgewachsenen Pflanze, die prominent in einer Ecke steht, bis hin zu verschiedenen, kleineren Gewächsen, die man auf einem Sideboard oder im Regal zusammenstellt. Es wirkt immer schön, mit Höhen zu arbeiten, größere und kleinere Pflanzen zu kombinieren. Wenn es eng wird, lassen sich Pflanzen aufhängen, in einer Ecke oder vorm Fenster. Die Makramee-Aufhängern der siebziger Jahre haben ein Revival erlebt, sie müssen allerdings zum Stil der Wohnung passen.

Eignen sich Pflanzen auch für Schlafzimmer und Bad?

Sicher. Das geht überall in der Wohnung, solange in den Räumen die richtigen Bedingungen herrschen. Manche Leute raten davon ab, welche ins Schlafzimmer zu stellen, weil sie in der Nacht bei Dunkelheit Sauerstoff verbrauchen – aber das gilt nicht für alle Pflanzen. Es gibt einige, die nachts sogar Sauerstoff produzieren, für den Bogenhanf ist das etwa nachgewiesen. Deshalb ist er die ideale Schlafzimmerpflanze. Außerdem müsste man wohl etliche Pflanzen aufstellen, bis man eine schlechtere Luftqualität bemerkt – ersticken würde man trotzdem nicht. Für ein gesundes Wohnklima sollte man vor allem die Pflanzen im Schlafzimmer gut pflegen, sie nicht verstauben oder in schimmliger Erde stehenlassen, weil die Schimmelsporen gesundheitsschädlich sein können. Fürs Bad eignen sich Pflanzen gut, die es feucht mögen, wie Farne oder rankende Gewächs wie Efeu.

Können sehr viele Pflanzen in einer Wohnung zu Problemen führen?

Man kann nie vermeiden, dass eine Pflanze einen Schädlingsbefall hat, den man aus dem Gartencenter mitbringt. Wichtig ist dann, die Pflanze zu behandeln und in Quarantäne zu setzen, damit die Schädlinge nicht auf die anderen übergehen. Bevor man sich Pflanzen kauft, empfiehlt es sich, ihre Blattunterseiten anzuschauen, sie auf Milben, Blattläuse oder Spinnfäden an den Blättern zu untersuchen. Wenn Fliegen aus der Erde kommen, lässt man sie lieber stehen.

Wie steht es mit dem Aufwand?

Das kommt natürlich auf die Menge an. Ich selbst besitze um die 50 Pflanzen kleiner und mittlerer Größe, weil ich in einer kleinen Wohnung lebe. Ich suche mir einen Wochentag aus, an dem ich meine Stunde Pflanzenpflege einsortiere – zum Beispiel samstags. Das ist meine Zeit für die Pflanzen. Ich sehe ihre Pflege nicht als lästige Pflicht wie Staubsaugen oder Geschirrspülen, für mich ist das eine Auszeit, ein Ritual, das ich mir gönne. Pflanzen sind der entschleunigende Faktor in meinem digitalen Leben. Deswegen finde ich es sehr angenehm, mich mit Pflanzen zu beschäftigen, die nicht so schnelllebig sind wie Smartphone und Social-Media-Kanäle. In der Stunde hör ich meine Lieblingsmusik, schau mir meine Pflanzen an und überprüfe: Geht es allen gut, gibt’s was zum Wegschneiden, welche muss ich gießen, welche muss ich besprühen? Das hab ich in sechzig Minuten erledigt.

Was machen Sie, wenn Sie mal ein paar Wochen auf Reisen bist?

Wenn ich länger weg bin, suche ich mir einen Pflanzensitter, einen Freund oder eine Freundin, die ab und zu vorbeikommt. Wenn es bis zu zwei Wochen sind, habe ich verschiedene Tricks: Zum Beispiel befülle ich Bewässerungskugeln mit Wasser und stecke sie in die Erde – so versorgt sich die Pflanze über einen gewissen Zeitraum hinweg selbst mit Feuchtigkeit. Genial ist auch die Schnürsenkelmethode: Ich stelle ein volles Glas Wasser auf, lege das Ende eines Nylonschnürsenkels hinein, das andere Ende kommt in die Erde. Der Schnürsenkel zieht das Wasser langsam aus dem Glas und transportiert es zur Pflanze, kommt man aus dem Urlaub zurück, ist das Glas leer. Oder man stellt wasserliebende Pflanzen klassisch in die Badewanne.

Welche Tricks gibt es, die helfen Herr übers Pflanzenmeer zu bleiben?

Wer ein Faible für Technik hat, kauft sich Pflanzensensoren, die man in die Blumenerde steckt. Sie senden über Bluetooth Signale ans Smartphone, und eine App sagt dann, ob die Pflanze gegossen werden muss oder zu wenig Licht abbekommt. Man kann sich auch eine Erinnerung ins Smartphone setzen, die einen regelmäßig hinweist, sich um eine bestimmte Pflanze zu kümmern. Manche Leute führen ein Pflanzentagebuch und haben so die Entwicklung der Gewächse gut im Blick. Wenn man eine Pflanze kauft, sollte man immer das Schildchen aufbewahren. Oftmals schmeißt man es weg und weiß zwei Wochen später nicht mehr, um welche Pflanze es sich handelt und welche Pflege sie benötigt – das muss man dann mühsam ergoogeln. Im Idealfall geht die Pflanzenpflege immer stärker in den Alltag über, so wie es dazugehört, das Haustier zu füttern. Man lernt die Pflanzen mit der Zeit besser kennen und entwickelt mehr und mehr ein Gespür für ihre Bedürfnisse.

Was ist der häufigste Fehler im Umgang mit Pflanzen?

Sie zu Tode zu gießen. Viele Pflanzen gehen ein an zu viel Aufmerksamkeit und Kümmern. Man denkt, man tut ihnen mit dem ganzen Gießen und Sprühen was Gutes, das ist oftmals nicht der Fall. Man muss manchmal loslassen, die Pflanze einfach leben lassen.

Das Gespräch führte Anne-Christin Sievers.

Igor Josifovic betreibt den Happy Interior Blog, ist Pflanzenliebhaber und pendelt zwischen München und Paris.

„Wohnen in Grün: Dekorieren und stylen mit Pflanzen“ von Igor Josifovic und Judith de Graaff, Callwey 2016.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Sievers Anne
Anne-Christin Sievers
Redakteurin in der Wirtschaft.
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