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Schlechte Gerüche

Wenn das Zuhause einem stinkt

Von Anne-Christin Sievers
 - 10:44
Was da wohl alles drin sein mag? Wandfarben enthalten oft Lösemittel, die penetrant ausdünsten. Bild: Imago, F.A.S.

Manchmal sitzt das Haus in jeder Pore. Besser: sein Geruch. Er dringt innerhalb weniger Stunden in Kleidung, Haare, bis in die Haut, und dort bleibt er, auch wenn man ihn selbst gar nicht mehr wahrnimmt. Andere riechen ihn dafür umso mehr - und stören sich daran.

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So ergeht es manchem Bewohner von Fertighäusern aus den Siebzigern. Der Grund sind Holzschutzmittel mit Pentachlorphenol, die damals in Gebäuden mit Holzständerbauweise eingesetzt wurden, nun aber verboten sind. "Gelangt Feuchtigkeit in die Wände, wandelt es sich über die Jahre in Pentachloranisol um, das penetrant muffig riecht", erklärt Martina Clemens-Ströwer. Betroffene rufen die Sachverständige für Gerüche aus Welver in Nordrhein-Westfalen, wenn sie es in ihrem eigenen Mief nicht mehr aushalten. Und wer klug ist, der lässt sich von einem Experten auch beraten, bevor er ein Haus aus dieser Zeit kauft. Oft wird der abgestandene Geruch darauf geschoben, dass ältere Menschen darin gelebt haben, aber er geht bei diesen Fertighäusern weder durch Lüften noch Renovieren weg. Bemerkt man den Mangel zu spät, kommt das teuer: "Diese Gebäude so zu sanieren, dass der Geruch verschwindet, kann mehrere Zehntausende kosten - oder gar zum Abriss der Häuser führen."

Ein extremes Beispiel, zugegeben. Mit schlechten Gerüchen im Wohnraum und den Folgen haben jedoch viele Menschen zu kämpfen. Normale Haushaltsgerüche wie die Bio-Mülltonne, der Wäschesack, Zigarettenrauch oder Bratenfett sind schnell verflogen, sobald die Wäsche gewaschen, der Raum gelüftet und die Tonne geleert ist. Um zwischenzeitlich die olfaktorischen Konsequenzen zu mildern, wird gesprüht und geduftet, was das Zeug hält: Mit Raumsprays, Lufterfrischern und Duftkerzen sucht man den Gestank künstlich zu übertünchen. Dabei enthalten diese laut Umweltbundesamt Chemikalien, die als mögliche Ursache von Allergien und Unverträglichkeiten gelten und deren Wirkung im Körper, speziell aufs Gehirn, kaum erforscht ist.

Schlechte Gerüche nicht ignorieren

Ökologisch Bewusste greifen zu bewährten Hausmittel: Da stellt man eine Schale mit abgekochtem Essigwasser auf, tut Lavendelsäckchen in die Schränke, saugt Kaffee auf, wenn der Staubsauger stinkt, oder schüttet Backpulver in müffelnde Sportschuhe. Doch richten diese Maßnahmen nichts aus und riechen die Räume weiterhin unangenehm, gibt es wahrscheinlich gravierende Gründe.

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Kommen Bewohner aus dem Urlaub in die wochenlang verschlossene Wohnung zurück, fällt ihnen besonders auf: Es müffelt irgendwie komisch. "Wenn es zu Hause auf Dauer schlecht riecht, ist das meist ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt", sagt Diplomingenieur Mathias Heine, der als Bausachverständiger in Kreischa bei Dresden tätig ist und sich mit Gerüchen gut auskennt. "Dem sollte man nachgehen, die Ursache finden und konsequent beseitigen." Den unangenehmen Geruch empfinden Bewohner nicht nur als belästigend, er könne auch darauf hinweisen, dass gesundheitsschädliche Schadstoffe, Gifte oder Schimmelsporen durch den Raum schwirren. "Als Erstes sollte man sich fragen: Was hat sich verändert, seit die Gerüche aufgetreten sind?", ergänzt Clemens-Ströwer. Vielleicht gab es in letzter Zeit eine Sanierung, bei der etwas schiefgegangen ist, oder der Bewohner nutzt die Wohnung anders als zuvor?

"Gestank kann mikrobiologische und chemische Ursachen haben", erklärt Geruchsexperte Heine. Chemische Gerüche haben etwas Dumpfes, Beißendes und entstehen aus synthetischen Baustoffen, aus Kunststoffen, Teer, Lösemitteln, Spanplatten, Textil- oder PVC-Belägen. Auch Lacke, Kleber und Holzschutzmittel sind dafür verantwortlich. Riecht es muffig, modrig, zwiebelig oder holzig, stammt die Ausdünstung aus biologischen Zersetzungsprozessen, von Schimmelpilzen und Bakterien, wie sie in nassen Altbaukellern oder nach Wasserschäden wachsen. Hinzu kommen kloakige Abwassergerüche aus undichten Stellen in Belüftungsrohren für die Abwasserleitung und Mief von Tierfäkalien - auf von Ratten behausten Dachböden oder in Wohnungen, deren Mieter ein Dutzend Haustiere halten.

Immer der Nase nach

Wenn Martina Clemens-Ströwer die Räume eines Auftraggebers betritt, geht sie erst mal nur ihrer geschulten und zertifizierten Nase nach: Sie verschafft sich einen ersten Eindruck von dem Geruch und versucht ihn einzuordnen: "Das ist natürlich auch Erfahrungssache." Vor dem Termin bittet sie ihre Klienten, mindestens acht Stunden lang nicht zu lüften und die Türen untereinander geschlossen zu halten, damit sich die Gerüche besser anreichern. Ebenso verzichten Gutachter vorab selbst auf alles, was den Geruchssinn beeinträchtigt: starkes Parfüm, Kaugummi, Kaffee oder Alkohol am Vortag.

Handelt es sich um einen chemischen Geruch, nimmt die Diplomingenieurin eine Luftprobe und lässt sie im Labor auf die im Verdacht stehenden Substanzen untersuchen. Ist ein Baustoff oder ein Möbelstück vermutlich der Auslöser, Teppich, Tapete oder Laminat, schickt sie eine Materialprobe hinterher und gleicht die Ergebnisse ab. "Bei Gerüchen aus Abflussrohren oder Brandgeruch gelingt der Labornachweis meist nicht, da ist unsere Nase doch sehr viel empfindlicher", räumt Clemens-Ströwer ein. Heine hat noch einen Trick: Er gibt einen Materialrest in ein Marmeladenglas und stellt es für zwei Tage auf die Heizung - die Wärme wirkt geruchsverstärkend. Öffnet man den Deckel, strömt der Eigengeruch des Stoffes ungefiltert heraus und man weiß sofort: Das ist es oder eben nicht.

Ist die Ursache gefunden, gilt es zu handeln: stinkende Baustoffe müssen herausgerissen, die Feuchtigkeitsursache biologischer Gerüche durch Rückbau behoben werden - Schimmelspray hilft da wenig. Vorher ist es laut Clemens-Ströwer aber sinnvoll, Beweise zu sichern: Zeugen heranzuziehen, Fotos von den Räumen zu machen, ein Geruchsprotokoll zu führen und einen Gutachter einzuschalten - zumindest wenn man eine Entschädigung für die Sanierung bekommen möchte.

Dichte Bauweise fördert Geruchsbildung

Kunden rufen Heine immer häufiger, weil sie sich von Gerüchen in ihrer Wohnung gestört fühlen. Die Fälle nehmen zu: "Einerseits kommen öfter synthetische Baustoffe zum Einsatz als früher, die mehr geruchserzeugende Stoffe beinhalten", umreißt er die Gründe. "Andererseits liegt es an unserer heutigen, dichten Bauweise. Um möglichst viel Energie zu sparen, verschließen wir Türen und Fenster mit Gummilippen. So findet kaum noch natürlicher Luftaustausch statt, und Gerüche konzentrieren sich gemeinsam mit Schadstoffen und Schimmel in der Raumluft." Tauschte sich früher frische gegen verbrauchte Luft allein über Schlitze und Fugen im Gebäude mindestens alle zwei Stunden aus, so Clemens-Ströwer, geschieht dies heute nur noch alle zehn Stunden - zu wenig, um ein hygienisches Raumklima zu gewährleisten. Schaffen etwa Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung für Passivhäuser keine Abhilfe, so ist es für Bewohner fast unmöglich, dagegen anzulüften: "Dadurch werden sogar Baustoffe zum Problem, die bei entsprechendem Lüftungskonzept unbedenklich wären."

Dabei machen die großen Flächen, der Belag auf Fußböden, die Dispersionsfarbe an Wänden und Decken, laut Heine den größten Ärger. Ein Sicherheitsdatenblatt verrät, was in jedem Baustoff steckt - man findet es unter dem Produkt- und Herstellernamen im Internet. Selbst wenn das Produkt vom Deutschen Institut für Bautechnik zugelassen und, für sich genommen, in Ordnung ist, können chemische Komponenten von Baustoffen miteinander reagieren, etwa verschiedene Kleber ineinanderlaufen, und so penetranten Gestank auslösen. Der Experte rät daher zu natürlichen Alternativen: Für den Boden Linoleum, das aus Jute, Holzmehl, Leinöl, Kreide und Naturharzen besteht, Fliesen oder Echtholzparkett. Teppiche aus Schurwolle, Sisal oder Tretford und ein Anstrich mit hochwertigen Naturfarben, auf Lehm-, Kalk- oder Silikat-Basis. Diese absorbieren sogar Gerüche und kommen ohne Lösemittel aus.

Augenbrennen, Allergie, Asthma

Ob man Gerüche als angenehm oder unangenehm wahrnehme, sei individuell unterschiedlich, meint Clemens-Ströwer. "Das hat mit unserer Sozialisation, dem kulturellen Hintergrund zu tun, damit, in welchen Kontexten wir sie als Kinder wahrgenommen haben und mit welchen Bedeutungen wir sie verbinden." Hierzulande schreibe man Reinigungsmitteln im Haus eine besonders hygienische Wirkung zu, wenn sie nach Zitrone oder Orange riechen, in südlichen Ländern müssten sie Chlorgeruch verströmen, damit man die Räume für sauber halte. Ein Konsens über die Kulturen hinweg lässt sich aber ausmachen: "Verwesungs- oder Brandgerüche sind evolutionsbedingt Warnsignale für den Menschen."

Mit positiven Assoziationen verbundene Gerüche im eigenen Wohnraum erlebt man als gemütlich, einladend und entspannend. Stinkt es hingegen an diesem wichtigen Rückzugsort, schlägt es ins Gegenteil um: Die Bewohner fühlen sich unwohl, nicht mehr sicher und geborgen, wittern gar gesundheitliche Gefahren. Und liegen damit gar nicht so falsch: Schlechte Gerüche und die damit verbundenen Schadstoffe können Hustenreiz, Tränenfluss und Augenbrennen auslösen. "Fünf bis zehn Prozent aller Menschen leiden zudem an einer Schimmelallergie", sagt Heine. Im schlimmsten Fall lösen Schimmelsporen sogar Asthma aus. Irgendwann leidet auch die Psyche unter dem Gestank: Die Betroffenen seien gestresst, entwickelten Schlafstörungen und Ängste, so Heine.

Manchmal führen schlechte Gerüche aber auch in die Irre, weiß Clemens-Ströwer. Was stark riecht, muss der Gesundheit nicht unbedingt gefährlich werden. Manche Menschen zeigen körperlich Symptome einer Vergiftung, obwohl die Ausdünstungen völlig harmlos sind, eine sogenannte Toxikopie: "Sie riechen etwas und denken: ,Dieser Geruch ist gefährlich, er macht mich krank' - und werden so krank, als wären sie wirklich einem gefährlichen Stoff ausgesetzt", sagt die Expertin. "Das kann für die Betroffenen und ihr Umfeld eine sehr große Belastung sein."

Schlechte Gerüche betreffen den intimsten Bereich, sie sind ein Tabuthema, assoziiert man sie doch damit, dass der Mitmensch auf sich und sein Heim wenig achtgibt, ungepflegt oder unhygienisch ist. Das hat soziale Folgen: "Natürlich spricht kaum einer aus: ,Bei dir riecht's komisch. Ich will dich nicht besuchen.' Man macht es einfach nicht mehr." Wer oder wessen Wohnung stinkt, zu dem geht man auf Distanz. So war es auch bei einer Fertighausbewohnerin. Von ihren Kolleginnen wurde sie geschnitten, weil sie stinken würde. Dabei war nur ihr Haus schuld daran.

Quelle: F.A.S.
Anne-Christin Sievers
Redakteurin in der Wirtschaft.
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