Schreibtisch als Statussymbol

Hauptsache, aufgeräumt!

Von Anna-Lena Niemann
 - 12:01

Kücheninsel und Sofalandschaft haben ausgedient. Es gibt einen neuen Anwärter auf den Möbelthron, auserkoren von den Trendsettern im Internet. Denn die zeigen jetzt mit Vorliebe in ihren Blogs oder auf der Fotoseite Instagram ihre Schreibtische her und sorgen beim Betrachter für neidvolle Gedanken beim Blick auf das eigene Papierchaos. Doch wer jetzt argwöhnt, die geleckten Schreibtische seien doch bloß für die Kamera so hergerichtet, verkennt das Phänomen. Denn der Schreibtisch ist nicht einfach nur irgendein Dekorationsobjekt, er ist ein Möbelstück mit Symbolcharakter, die Platte für kreative Eingebungen, intimste Schriftstücke und manchmal leider auch unbezahlte Rechnungen. Wie er aussieht, ob antik oder modern, ob geordnet oder überladen, welchen kleinen überflüssigen oder wichtigen Objekten er zur Unterlage dient, all das sagt viel über seinen Besitzer aus. Vermutlich mehr als eine Kücheninsel.

Für Blogger, denen Visualität mindestens so wichtig ist wie Inhalt, dient der Schreibtisch als persönliche Visitenkarte: „Zeig mir, wo du schreibst, und ich sag dir, wer du bist.“ Ob „Happy Interior Blog“, „Zukkermädchen“ oder andere: gebloggt wird am perfekt inszenierten Arbeitsplatz. Wer durch seinen Blog ein stilbewusstes Lebensgefühl verkaufen will, braucht einen vorzeigbaren Schreibtisch, der genau dieses Bild transportiert: ein Statussymbol auf vier Beinen. Auf Instagram oder Pinterest lassen sich dann unter #workspaceinspo die Altare der digitalen Produktivität bestaunen. Schnell wird ein Schreibtisch-Code erkennbar, wiederkehrende Elemente, die trotz aller propagierten Individualität ihrer Besitzer recht uniform vor der Linse stehen: eine Vase mit frischen Blumen, Kerzen, Bilder und Tassen, bedruckt mit hübscher Typographie und inspirierenden Botschaften, ein analoges Notizbuch neben dem Laptop und wahlweise einschlägige Modemagazine oder Coffee-Table-Books, deren Buchrücken seltsam ungelesen aussehen.

Die Bilder werden von Tipps und Anleitungen begleitet, die an der Schreibtischplatte nicht haltmachen – auch für die richtige Ordnung auf dem Computer-Desktop will gesorgt sein. Wichtigstes Credo: Die Tische dürfen nie, aber auch wirklich nie, vollgestellt aussehen. Denn Aufräumen ist Zeitgeist, der Prophetinnen der Ordnung wie Marie Kondo bei ihren Anhängern einen gottgleichen Status beschert hat. Ein leerer Schreibtisch sorgt nun mal für freie Gedanken, also produktivere Arbeit – so lautet die simple Gleichung, mit der sich zur Unordnung neigende Menschen noch schlechter, weil jetzt auch noch unproduktiver, fühlen. Je mehr „Whitespace“, wie es im Fachjargon heißt, desto besser. Das bedeutet allerdings nicht, dass auf frische Blumen und Typographiebilder verzichtet wird, aber doch auf alles, was irgendwie nach Arbeit aussieht. Kein Papierkorb, dafür wie Einhörner geformte Büroklammern. Dass Bloggen entgegen gängiger Klischees tatsächlich ein intensiver Vollzeitjob sein kann, wird dadurch nicht vermittelt. Vielleicht ist das aber auch gar nicht das Ziel.

Woher kommt die Faszination für den Schreibtisch?

Bei näherer Betrachtung ist es eigentlich nicht überraschend, dass Blogger nun auch den eigenen Arbeitsplatz zum Gegenstand ihrer Arbeit machen, schließlich gehört es zu ihrem Geschäftsmodell, viel von sich und ihren Vorlieben preiszugeben. Doch warum sind die Konsumenten der Artikel und Bilder so von diesem sperrigen Möbelstück fasziniert? Das Phänomen selbst ist im Grunde nicht neu und nicht auf ein internetaffines, visuell geprägtes Publikum beschränkt. Zu Museen umfunktionierte Wohnhäuser berühmter Autoren ziehen stetig Besucher an, die gerne einen Blick in die Textschmieden ihrer Helden werfen wollen. Als könnte man geistige Produktivität an einem Ort oder sogar einem Gegenstand festmachen.

Das gilt umgekehrt übrigens genauso. Wer sich als Denker präsentieren möchte, lässt sich mit Vorliebe am Schreibtisch abbilden. In dem 2015 erschienenen Bildband „Über Schreibtische“ zeigt der Fotograf Konrad Rufus Müller auf 120 Fotografien, wo François Mitterrand, Gerhard Richter oder Jürgen Habermas schrieben, zeichneten und lasen. Autoren wie Émile Zola, Charles Dickens oder Stéphane Mallarmé ließen sich inklusive ihrer Schreibtische für ein Porträt auf Leinwand bannen. Und Johannes Vermeer malte speziell Frauen beim Lesen und Verfassen ihrer Briefe am Schreibtisch, der folglich immer schon intimer und repräsentativer Ort zugleich gewesen ist.

Doch warum gerade jetzt diese moderne Zurschaustellung? Die Wiederentdeckung des Schreibmöbels zu einer Zeit, in der dort gearbeitet wird, wo sich ein Laptop aufklappen lässt, wirkt wie eine Art nostalgische Antwort auf das zunehmende Schwinden von räumlich festen Arbeitsplätzen. Mit der Digitalisierung und dort, wo Flexibilität und Mobilität gelebte Ideale sind, verliert der persönliche Platz im Büro an Relevanz. Vom Co-Working-Space mit gemietetem Schreibtisch bis zum digitalen Nomaden, der schlicht überhaupt keinen festen Ort zum Arbeiten mehr braucht. Selbst in Unternehmen werden Schreibtische rar. Stattdessen ein Schließfach für den Laptop und ansonsten freie Platzwahl, wie in der Microsoft-Zentrale in München, die den eigenen Sitz- und Schreibplatz gleich komplett abgeschafft hat.

Was bleibt, ist der Schreibtisch im eigenen Zuhause, der damit wichtiger wird. Schon allein, weil immer mehr Unternehmen ihre Angestellten im Home-Office arbeiten lassen. Nach Befragungen des ifo Instituts waren das 2012 noch 30 Prozent, vier Jahre später schon 39 Prozent: Die Schreibtischplatte ist damit auch Spiegel der technologischen Entwicklung.

Das bedeutet im Arbeitsalltag auch: keine Familienfotos aus dem vergangenen Urlaub mehr, keine angetrockneten Drachenpalmen oder Mousepads, die Einblicke in das geheime Fandasein des Kollegen geben. Wenn die Alternative dazu jedoch gleichgeschaltete Instagramträume in Weiß und Rosa sind – dann schon lieber Strandfotos vom Liebsten, Schmierpapier mit Kaffeeringen und zur Not auch eine Schreibtischunterlage von Eintracht Frankfurt.

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Quelle: F.A.S.
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