Vitra-Doyen Fehlbaum

„Diese Möbel rufen Erregung hervor“

Von Florian Siebeck
 - 20:48
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Herr Fehlbaum, Ihr Vater hatte ein Ladenbaugeschäft in der Schweiz. Dann sah er bei seiner ersten Amerika-Reise einen Stuhl, der „sein Leben veränderte“, und lernte später die Macher kennen: Charles und Ray Eames. Sie waren beim ersten Besuch von Charles Eames in der Schweiz als Übersetzer dabei. Wie war das?

Das ist sehr lange her, 60 Jahre schon, meine Erinnerungen sind etwas verblasst. Ich bin in Basel aufgewachsen, mein Vater hatte ein kleines Geschäft. Wir kannten Leute aus der Region, sonst niemanden. Man muss dazu wissen, dass die Eames vielleicht die ersten Stars waren unter den Designern. Wenn die einen Raum betraten, drehten sich alle Köpfe um. Charles war ja sehr gutaussehend und selbstsicher, er hatte die Ausstrahlung eines Filmstars. Und Ray war klein, fast bäuerlich in ihrer Tracht. Für mich, der sich immer nach Amerika sehnte, war das eine unerhörte Erscheinung, wie eine Message from another planet.

Was unterschied sie von anderen Designern?

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es fast ausschließlich Architekten, die nebenbei Möbel machten – Breuer war eine Ausnahme. Die Eames waren anders. Er, der Ingenieurkopf, der viel von Technik verstand, und sie, die als Malerin gearbeitet hatte, sie haben zusammen etwas bewirkt, das uns ja immer noch berührt. Produkte, die einerseits technisch rational überzeugen und die andererseits eine hohe Emotionalität ausstrahlen. Die Eames waren Leute, die sagten: Jedes Problem ist lösbar. Man muss es nur richtig analysieren, muss viel, viel arbeiten, dann ist es lösbar. Es war natürlich auch eine Zeit, die Neues möglich machte. Der Optimismus, von dem sie getragen wurden, kommt in diesen Objekten noch heute zum Vorschein.

Ihr Unternehmen Vitra stellt die Eames-Möbel bis heute her. Viele Hersteller dürften Sie beneiden: Die verkaufen sich wie warme Semmeln.

Man wundert sich ja, dass man nach all diesen Jahren nicht davon müde ist, sondern, wenn man sie anschaut, immer noch diese leichte Erregung spürt. Die natürlich größer war, als man sie das erste Mal gesehen hat, die aber immer noch vorhanden ist. Das ist schon außerordentlich.

Design reflektiert ja immer auch die Gesellschaft. Spiegelt dieser Optimismus, diese uneingelösten Versprechen der Zukunft, also unseren Gemütszustand wider?

Alles, was zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gelesen werden kann, hat ja Chance auf ein langes Leben. Alles, was eine eindeutige, für den Moment vielleicht interessante Aussage trifft, die aber nur für diesen Moment gemacht ist, hat später keine Chance, weil man es nicht mehr lesen kann, höchstens als historisches Objekt. Die schwimmen auf kurzen Wellen. Und ich glaube, die Eames schwimmen auf einer langen Welle.

Glauben Sie nicht, dass die Menschen dessen auch überdrüssig werden?

Irgendwann ist alles vorbei. Es ist ja immer schwer zu sagen, warum gewisse Dinge zu gewissen Zeiten mehr und dann wieder weniger Anziehung ausüben. Ein typisches Beispiel ist der Panton-Stuhl: die Nachfrage verläuft wirklich wellenartig. Die war mal ganz groß, dann ging das Interesse zurück, dann kam es wieder. Bei Eames war es eigentlich immer da, ich kann dort diese Wellen nicht erkennen. Vielleicht kommt das auch einmal, eine Fatigue, dass man sagt: Jetzt hab ich’s gesehen. Aber die Arbeit der Eames ist so komplex, dass sie immer neue Ausdrucksformen findet.

Inwiefern?

Ganz am Anfang haben die Eames die Kunststoffstühle mit Holz- und Drahtuntergestellen gemacht. Natürlich gab es auch Architekten, die sich damit eingerichtet haben. Aber eigentlich war das kein Stuhl, der im Wohnen große Verbreitung fand. Stattdessen hat man ihn zur Großbestuhlung in Aulen und Stadien verbaut. Und dann gab es für die Massenbestuhlung viel günstigere Lösungen. Der Stuhl wurde plötzlich wiederentdeckt für die Wohnung – und die fast vergessene Ausführung mit den Holzbeinen ist heute eines unserer bestverkauften Modelle. Manche Kunden kritisieren, dass der Grundgedanke der Eames bezahlbare Möbel gewesen seien. Vitra-Möbel hingegen könnten sich nur wenige leisten. Zwischen Idee und Realität gab es schon früher einen Unterschied. Das war ein Ideal der Moderne. Ist es eingelöst worden? Eigentlich nur in Finnland, mit Aalto. Dessen Möbel sind wirklich klassenlos. Natürlich waren manche Produkte günstiger, als sie herauskamen. Das hat aber viele Ursachen.

Welche?

Die Relation der Kosten von Arbeit und Kapital hat sich verändert. Ein arbeitsintensiver Stuhl war früher günstig und ist heute teuer. Ein kapitalintensiver Stuhl ist heute günstig, weil die Zinsen niedrig sind und damit teure Werkzeuge und Vorrichtungen angeschafft werden können, wenn ein hoher Absatz zu erwarten ist. Die meisten Klassiker entstehen in mehreren Arbeitsschritten, ein Vollkunststoffstuhl fällt fertig aus dem Werkzeug. Aber auch manche Materialien sind in der Relation teurer geworden: Plywood war mal relativ billig, da hat man auch Kisten draus gemacht. Dann kam Kunststoff, und Plywoodprodukte erschienen im Vergleich teuer. Der Eames Plywood Chair von 1946 war damals ein unheimlich einflussreicher Stuhl. Jeder Architekt dieser Zeit hatte den an die Wand gepinnt und gesagt: So was möchte ich auch machen. Aber das hatte auch damit zu tun, dass das Material billig war. Und natürlich geht es auch um die Frage: Etwas, das so lange hält, das irgendwann mal weitergegeben oder weiterverkauft wird, warum muss das so billig sein? Ein Eames Plastic Chair ist wahrscheinlich billiger als Ihr Pullover. Es ist nicht so, dass sich in den fünfziger Jahren ein Student einen Plastic Chair oder einen Plywood Chair leisten konnte, no way. Dass jetzt ein Student das überhaupt überlegt, ist natürlich interessant. Eames war immer Middle Class – und ist es auch heute.

Und der Lounge Chair?

Der Lounge Chair war immer schon eine Ausnahme, ein Luxusobjekt. Er ist aber nicht entstanden, weil irgendein Marketingmensch sagte: Mach mal was Edles. Die Eames wollten einen zeitgemäßen Clubsessel bauen.

Haben Sie einen in der Wohnung?

Nein. Ich habe dafür den „Little Beaver“ von Frank Gehry.

Wenn man sich Wohnungen im Internet so anschaut, sieht heute vieles recht austauschbar aus.

Normalerweise ist man abhängig von irgendjemandem, der einem etwas vorschlägt. Und das ist meistens ein Möbelhändler. Ich meine: Wer kennt sich denn schon aus? Die wenigsten Leute der Middle Class haben einen Innenarchitekten, höchstens in Italien oder Amerika. Und dann geht man zum Händler, lässt sich beraten, und gewisse Dinge hat man auch schon gesehen, und dann möchte man keinen Fehler machen – Einrichten ist ja auch teuer – also nimmt man etwas, das sich bewährt hat. Drum sehen die Räume auch oft ähnlich aus. Und die Leute haben auch gar nicht immer die Lust aufs Einrichten. Man muss eben auch Lust haben, immer wieder neue Sachen anzugucken.

Manche sagen: Vitra ist zu sehr der Vergangenheit verhaftet. Haben Sie nicht Angst, dass sich das irgendwann rächt?

Mich persönlich hat immer beides interessiert: Der Blick zurück, weil die großen Momente uns ja immer noch bewegen. Es ist wichtig, sie zu pflegen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich sammle ja auch Möbel, für mich war das eine große Befriedigung. Aber wir schauen auch in die Zukunft. Die Frage ist: Gibt es heute etwas, das uns mit dem gleichen Enthusiasmus erfüllt wie die alten Entwürfe? Wir haben sehr früh angefangen mit Ron Arad und Jasper Morrison, die neuen Dinge zu machen. Wir haben ein riesiges Team, das jeden Tag nur an neuen Entwürfen arbeitet.

Geht ihnen nicht durch den Kopf: Jeder neue Entwurf muss aber mindestens auch ein Klassiker werden?

Keineswegs, aber die Nähe zu den Klassikern verlangt, dass man auf hohem Niveau operiert. Was einmal zum Klassiker wird, wissen wir nicht. Und wenn jemand sagt, das sei ein Klassiker von morgen, dann kann man nur lachen, weil es mit hoher Wahrscheinlichkeit keiner ist.

Gibt es da keine Anhaltspunkte?

Viele vergessen, dass Klassiker ja nicht als Klassiker, sondern als Rebellen geboren werden. Von unseren neueren Dingen, würde ich sagen, hat vielleicht Maarten van Severen die größte Chance, dass man in 20 oder 30 Jahren noch immer sagt: Das ist ein Wurf. Bei den anderen Entwürfen würde ich denken: Da müssen wir abwarten.

Die Fragen stellte Florian Siebeck.

Die Eames-Ausstellung

Unter dem Titel „An Eames Celebration“ zeigt das Vitra Design Museum bis zum 25. Februar 2018 gleich vier Ausstellungen parallel am Vitra Campus in Weil am Rhein. Sie reflektieren das Lebenswerk des Ehepaars, das zeitlebens viel mehr machte als nur Möbel: auch Filme, Bücher, Ausstellungen und Medieninstallationen. „Die Eames hatten nie etwas Amateurhaftes, egal, was sie angefasst haben“, sagt die Kuratorin Jolanthe Kugler.

Im Hauptgebäude des Vitra Design Museums beleuchtet die Retrospektive „Charles & Ray Eames. The Power of Design“ das Gesamtwerk der Designer. Sie basiert auf einer Ausstellung des Barbican. Im Feuerwehrhaus des Vitra Campus werden die Filme der Eames gezeigt, im Schaudepot die umfassende Sammlung an Möbelexperimenten und Prototypen (ein wichtiger Teil des Eames-Nachlasses, den das Museum 1988 übernahm und heute die die weltgrößte Eames-Sammlung bildet). Für Kinder wurde die Ausstellung „Play Parade“ konzipiert, bei der die Spielzeuge der Eames ausprobiert werden können. „Die Eames haben deutsche Spielzeughersteller bewundert“, sagt Rolf Fehlbaum. „Der Leitsatz war: Take your pleasure seriously. Sie nahmen Spielobjekte genauso ernst wie Möbel.“ Kuratorin Kugler ergänzt: „Es ging ihnen immer darum, das Beste rauszuholen, immer für den Menschen zu arbeiten.“

Begleitend zu den Ausstellungen publiziert das Vitra Design Museum, das unabhängig von Vitra arbeitet, einen umfangreichen Werkkatalog, in dem die Möbelentwürfe von Charles und Ray Eames erstmals aufgearbeitet werden: das „Eames Furniture Sourcebook“.

Quelle: F.A.S.
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