Platznot in der Großstadt

Generation Abstellbox

Von Anne-Christin Sievers
 - 11:54

Wohin mit Skiern im Sommer, Sommerreifen im Winter, der Harley, der Kunstsammlung, dem geerbten Eichenschrank? Platz ist Mangelware in Deutschlands Großstädten. Mieten und Immobilienpreise in den Metropolen steigen unaufhörlich, viele Bewohner können sich nur kleine Wohnungen mit wenig Stauraum leisten. Weil es die ohnehin hohen Baukosten zusätzlich treibt, verzichten Bauherren immer häufiger auf einen Keller. Und wer eine Altbauwohnung mietet, kann wichtige Akten, Kleider oder Holzmöbel oft nicht im kalten und feuchten Untergeschoss einlagern, ohne dass sie Schaden nehmen.

In diesem Umfeld hat sich ein Angebot namens Selfstorage etabliert, zu deutsch Selbstlagerung. Was zu Hause keinen Platz findet oder wegen Auslandsaufenthalten, sich verzögernden Umzügen oder Trennungen kurzzeitig untergestellt werden muss, wandert immer häufiger in die gemietete Abstellbox. Die Idee stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, hat sich aber mittlerweile auch hierzulande durchgesetzt. MyPlace, Lagerbox, Shurgard oder Pickens heißen die größten Anbieter, daneben gibt es regionale Unternehmen wie Zeitlager in München.

Ihre Lagerhäuser stehen in den Ballungszentren, meist in gut erreichbaren Innenstadtlagen – denn etwa 70 Prozent der Nutzer sind Privatkunden. Und sie haben nichts mehr vom improvisierten Rumpelschuppen. Selfstorage-Unternehmen, die Mitglied im deutschen Branchenverband sind, gewährleisten gemeinsame Standards: Die Lagerräume sind hell und trocken, flexibel nutzbar, sauber und sicher, weil sie alarm- und kameraüberwacht sowie sichtgeschützt sind, um die Intimsphäre zu wahren.

Keine Tiere, Drogen, Waffen

Alle Gegenstände dürfen die Mieter aber trotz zugesicherter Privatheit nicht in ihrer Box aufbewahren. Lebensmittel, Drogen, Tiere, entzündliche Stoffe oder Waffen sind grundsätzlich nicht erlaubt, auch nicht stinkende Gegenstände wie miefende Schuhe. Schlafen oder wohnen darf man in den Räumen ebenfalls nicht. Welche Dinge noch verboten sind, steht in den Geschäftsbedingungen der jeweiligen Vermieter. Shurgard etwa untersagt es, Geld, Pelze, Kunst oder Batterien zu lagern, Lagerbox schließt Altreifen sowie Farben, Lacke und Lösungsmittel aus. Die Anbieter öffnen nach eigenen Angaben einen Lagerraum aber nur, wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass der Mieter gegen die Regeln verstößt, die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür steht oder Gefahr von Gegenständen ausgeht.

Bevor man einen Teil seines Lebens in der Box unterbringt, gibt es ein paar Dinge zu bedenken – etwa die Größe. Die kleinsten Lagerräume messen einen Kubikmeter, die größten bis zu 100 Quadratmeter. Bei drei Meter hohen Wänden sind das 300 Kubikmeter. Als Faustregel gilt: Wer alle Möbel und Gegenstände eines 10 Quadratmeter großen Zimmers unterbringen will, benötigt einen etwa ein Quadratmeter großen Lagerraum, also ungefähr 10 Prozent der Wohnfläche. Manche Anbieter stellen auf ihrer Internetseite Rechner zur Verfügung, die die empfohlene Größe des Lagerraums angeben, wenn man seine Möbelstücke benennt. Beide Werte geben einen Anhaltspunkt, allerdings empfehlen die Unternehmen, sich in puncto Lagergröße vorher telefonisch beraten zu lassen.

Die Kunden sollten sich aber nicht vorschnell für ein Angebot entscheiden. Vergleichen lohnt sich, denn günstig sind die Abteile nicht unbedingt.

Täglich von 6 bis 22 Uhr Zutritt

Die Preise fallen sehr unterschiedlich aus, je nachdem, wie stark die Lagerkapazitäten gerade ausgelastet sind. In Hamburg zahlt man zum Beispiel derzeit für einen zwei Quadratmeter großen Lagerraum mit drei Meter hoher Decke zwischen 35 und 55 Euro monatlich, je nach Anbieter und Lage. Grundsätzlich gilt: Je mehr Fläche man mietet, desto geringer wird der Quadratmeterpreis. Sonderangebote sollen neue Kunden locken. So zahlt man zum Beispiel bei Shurgard für die erste Monatsmiete einen symbolischen Euro, bei MyPlace und Pickens ist er komplett gratis. Manche Unternehmen rechnen wochen-, andere monatsweise ab, das kann langfristig einen preislichen Unterschied machen. Da sich der Abrechnungszeitraum bei einer wöchentlichen Zahlung um eine Woche je Vierteljahr erhöht, werden aufs Jahr gerechnet dreizehn anstatt der üblichen zwölf Monatsmieten fällig. Neben der Miete verlangen einige Anbieter eine Kaution, bei anderen wird eine Bearbeitungsgebühr fällig.

Viele Unternehmen verkaufen Umzugskartons und andere Verpackungsmaterialien gleich mit. Bei Lagerbox kann man eigene Transporter mieten, dafür gewährt der Anbieter jedem Kunden 30 Kilometer gratis. Die meisten anderen arbeiten mit Umzugsfirmen oder Nutzfahrzeug-Vermietern zusammen. Rollwagen und Lastenaufzüge sind an den Hallen meist vorhanden.

Mit einer Karte oder einem elektronischen Code erhalten die Kunden Zugang zum Gebäude beziehungsweise zur Etage, auf der sich ihr Lagerraum befindet. Das Abteil selbst ist mit einem Sicherheitsschloss abgeriegelt, das nur der Mieter öffnen kann. Mit einer Vollmacht kann er bestimmen, dass auch andere Personen den Lagerraum betreten dürfen. Bei Shurgard sind die Filialen an sieben Tagen die Woche von 6 bis 23 Uhr frei zugänglich, ebenso in den meisten Filialen von Lagerbox; bei Zeitlager, MyPlace und Pickens haben Kunden täglich von 6 bis 22 Uhr Zutritt. Ausnahmen lassen sich häufig individuell vereinbaren.

Möchte man die Möbel für längere Zeit einlagern, sollte man sie weitgehend auseinanderbauen. Wer klug stapelt, kann Fläche sparen. Schweres kommt nach unten, Leichtes nach oben. Bei der Einlagerung von Teppichen und Textilien raten die Unternehmen, Mottenpapier mit in die Kartons zu geben, um sie vor Schädlingsbefall zu schützen. Die meisten Anbieter bekämpfen Ungeziefer nach eigenen Angaben zwar prophylaktisch, können einen Befall aber nie ganz ausschließen. Textilien sollten zudem trocken, aber nicht luftdicht verpackt sein.

Entsorgung bei unbezahlten Rechnungen

Wer Wertvolles verstaut, sollte vorher mit seiner Versicherung sprechen - denn es kann immer mal passieren, dass es in der Lagerhalle brennt oder ein Dieb einbricht. Boxmieter sollten bei ihrer Hausratversicherung in Erfahrung bringen, ob und wie lange die Gegenstände außerhalb der Wohnung in einem Lagerraum versichert sind – in der Regel drei Monate – und auf welchen Betrag die Entschädigung begrenzt ist. Die meisten Lagerhäuser bieten den Kunden spezielle Versicherungen an, auch bei vielen Versicherern kann man Zusatzpolicen abschließen. Rund einen Euro im Monat müssen Kunden bei einer Versicherungssumme von 1000 Euro einrechnen.

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Wie lange man die Lager mindestens mieten muss, ist unterschiedlich geregelt: Shurgard schreibt gar keine Mindestmietdauer vor, bei Lagerbox muss der Kunde mindestens eine Woche, bei MyPlace zwei Wochen und bei Pickens einen Monat mieten. Für Langzeitmieter gewährt MyPlace einen Rabatt von 15 Prozent, wenn die Miete für ein Jahr im Voraus bezahlt wird. Will man sein Lager kündigen, muss man das bei den meisten Anbietern zwei Wochen vor dem Auszugsdatum schriftlich tun.

Zahlt ein Kunde die Miete spät oder gar nicht, so kann das Selfstorage-Unternehmen den Mietvertrag kündigen. In diesem Fall darf der Anbieter das Abteil öffnen und den Inhalt entsorgen. Shurgard tut das schon nach 30 Tagen ohne Mietzahlung, MyPlace wartet 90 Tage ab. Lagerbox beauftragt nach 40 Tagen ein Inkassobüro. Solange die Miete nicht nachgezahlt wird, darf das Unternehmen dem Kunden den Zugang zu seinem Abteil sperren. Außerdem kann es Mahngebühren und Verzugszinsen erheben.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Sievers Anne
Anne-Christin Sievers
Redakteurin in der Wirtschaft.
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