Wohnen mit Drohnen

Da fliegt was in der Luft

Von Nadine Oberhuber
 - 10:17

Das Kinoprogramm kam per Luftfracht, und zwar in Form einer TV-Box. Eine Tüte Popcorn gab’s für den Kunden noch dazu. Obwohl er in einer eher ländlichen Region Englands lebt, vergingen von der Bestellung im Internet bis zur Lieferung nur dreizehn Minuten. Eine Drohne machte es möglich. Sie sorgte dafür, dass der Engländer und der Internet-Warenhauskonzern Amazon nun einen Platz in den Geschichtsbüchern haben – weil sie vor knapp einem Jahr die Hauptakteure der ersten Drohnenlieferung in Europa waren, der ersten erfolgreichen zumindest. Auch wenn das Popcorn wohl schon kalt war als es beim Besteller ankam, gilt die Zustellung per Drohne als nächstes heißes Ding in der Internet- und Logistikszene.

Die Hoffnungen fliegen derzeit hoch. Denn Internetshopping ist von der Ausnahmeerscheinung zum Normalfall geworden – zieht aber eine unangenehme Begleiterscheinung nach sich: Der Lieferverkehr wächst rasant. Vor allem in den Städten und Ballungsräumen hat die Stau- und Verkehrsbelastung längst die Grenze des Erträglichen erreicht. Warum also nicht in die Luft gehen? Von der Zustellung per Drohne versprechen sich viele Planer nun eine Entlastung der Straßen und eine noch schnellere und bessere Belieferung der Kunden.

Optimisten der Branche gehen davon aus, dass schon bald ein Milliardenmarkt entstehen könnte. In Nevada beliefert bereits die Supermarktkette 7Eleven ihre Kunden mit Essen, Drogeriewaren und Getränken, das Drohnen per Seil in deren Vorgarten absetzen. In London wird Sushi ausgeflogen, in Neuseeland Pizza. Viele Konzerne experimentieren mit den Drohnen und Paketcoptern. Etwa 600.000 Drohnen seien hierzulande schon einsatzbereit, schätzen die deutsche und europäische Flugsicherung und das Verkehrsministerium anhand der Verkaufszahlen großer Hersteller. Die überwiegende Mehrheit steigt jedoch nur für den Hobbygebrauch in die Höhe. Als Transportmittel verrichten derzeit nur ein paar Dutzend Drohnen ihren Dienst. Vorerst.

Peru gegen illegalen Handel
Drohnen gegen Drogen
© Reuters, reuters

Städte für Ansturm der Drohnen noch nicht bereit

„Zum Glück“, sagt Konrad Otto-Zimmermann, der sich als Stadtplaner und Verwaltungswissenschaftler auf das Thema Mobilität in Städten spezialisiert hat. Denn auf den erwarteten Ansturm der neuartigen Fluggeräte seien die Städte gar nicht vorbereitet: „Die kommunalen Spitzenverbände sind entweder im Tiefschlaf, oder sie wollen nicht erkennen, was da in der Luft liegt.“ Bisher jedenfalls kümmerten sie sich fahrlässig wenig um das Thema Drohnen, obwohl mit denen „eine neue historische Dimension der Stadtraumnutzung einhergeht.“ Wenn bald Tausende Drohnen in Innenstädten Päckchen abwerfen oder zu Erkundungsflügen ausschwärmen und damit eine zusätzliche Verkehrsebene aufmachen, dann sind – trotz der neuen Drohnenrichtlinie des Verkehrsministeriums – viele Fragen ungeklärt:

In welcher Höhe sollen die überhaupt durch den Luftraum schwirren? Wenige Meter über der Erde, was bedeuten würde, dass sich Hausbewohner selbst im dritten oder vierten Stock daran gewöhnen müssen, dass demnächst Verkehrsadern an ihren Fenstern vorbeirauschen? Oder viel weiter oben in der Luft, wo sie den Vögeln den Platz streitig machen – und viel mehr Wucht entfalten, wenn sie abstürzen? Sollen sie über Straßen bleiben oder auch querfeldein über Freiflächen, Schulen oder Friedhöfen fliegen dürfen? Bisher schreiben die Gesetze vor, dass ein Drohnenflug über Wohngrundstücken verboten ist, es sei denn, die Grundstücksbesitzer geben ausdrücklich ihre Zustimmung. Das soll die Bewohner vor Voyeurflügen und ungebetenen Kameraflügen schützen, so weit, so gut. Aber damit wären auch die städtischen Lieferdrohnen stark eingeschränkt, denn wo sollen sie ihre Pakete absetzen, wenn sie nicht in Innenhöfen und auf Balkonen landen dürfen? Sie könnten dann lediglich Paketcontainer im öffentlichen Straßenraum ansteuern, wo die Kunden ihre Pakete abholen müssten.

Es droht ein Verlust von Lebensqualität und Privatsphäre. Es wird Unfälle in neuer Dimension geben durch Abstürze oder Drohnenkollisionen mit Hauswänden, Stromleitungen oder miteinander. Fälle, bei denen Drohnen beinahe Flugzeugabstürze verursacht hätten, gibt es schon mehrere, ebenso wie Zusammenstöße mit Wildgänsen. Außerdem können Drohnen gehackt oder für Terrorangriffe missbraucht werden. Auf all das haben die Stadtplaner und Kommunen bisher keine Antworten. In einem aktuellen vielseitigen Positionspapier des Städtetags zu Mobilität und Verkehr kommt das Wort Drohne nicht einmal vor. Bisher beschäftigen sich lediglich Logistikkonzerne und technikverliebte Internetkunden mit dem Thema Drohnenverkehr, und bevor sie Fakten schaffen, die später nicht mehr zu ändern sind, plädieren Stadtplaner wie Konrad Otto-Zimmermann für ein „flächenhaftes Drohnenflugverbot innerhalb geschlossener Ortschaften“ zumindest für private Anwendungen. Wer der Drohnen kommerziell nutzen möchte, müsse sich eine Genehmigung dafür holen.

Vielleicht muss man es aber gar nicht so hart angehen, sagen internationale Branchenbeobachter, denn die Idee mit den Lieferdrohnen sei schwer gehypt, aber ein Leichtgewicht, wenn es um die Substanz ginge: „Ich gehe nicht davon aus, dass wir in drei bis fünf Jahren von Drohnen umschwirrt werden“, sagt Uwe Meinberg, der als Professor der TU Cottbus diverse Drohnenprojekte geleitet hat. „Bisher gibt es keine Drohnen im Regelbetrieb, das waren alles nur Experimente und der Bereich Transport ist nicht nennenswert, es fehlen noch die Geschäftsmodelle.“ Zudem seien die ersten Vorzeigefälle auch alles andere als automatische und autonome Flugmanöver gewesen, sie wurden von Drohnenpiloten und den Unternehmen gut überwacht. „Mag sein, dass es in diesen Tests funktioniert hat, aber der Regelbetrieb bringt noch weitere erhebliche Anforderungen mit sich, von denen wir noch nicht wissen, ob sie zu meistern sind.“

Fragen über Fragen zur Betriebssicherheit

Da sei zum einen die Betriebssicherheit: Paketcopter können nur eine begrenzte Strecke zurücklegen und sollen das künftig völlig autonom machen. „Wie oft sie aber schon unfreiwillig runtergekommen sind, weiß bisher niemand“, sagt Meinberg, „und wie sich die Systeme verhalten werden, sobald sie nicht mehr pilotiert sind, sondern wirklich autonom fliegen, darüber gibt es eine reine Vermutungslage.“ Was passiert zum Beispiel, wenn in einer Häuserschlucht die GPS-Verbindung abreißt? Oder wie gut erkennt eine Drohne die drohende Kollision mit einem anderen Fluggerät? „Die wenigsten haben bisher Kameraschutz, um den Zusammenstoß mit Hauswänden oder Bäumen zu verhindern“, sagt der IT-Experte. Und dürften sie diese Kameras – rein rechtlich – überhaupt einschalten, wenn sie über Gebäude oder Menschen fliegen?

Zudem müsse man erst Drohnenflugkorridore ausweisen, so wie es Schottland getan hat. Und besonders in Städten müsste es eine Überwachsungsinstanz geben, die Flugrechte so vergibt, dass nicht zur gleichen Zeit zwanzig Drohnen über dieselbe Brücke rotieren – über den Fluss fliegen dürfen sie ohnehin nicht, Wasserstraßen sind laut Gesetz für sie tabu. „Erfahrungen, wie Regulierungsbehörden und die Öffentlichkeit reagieren, wenn ein Logistiker mehrere hundert Drohnen in einem Ballungszentrum plazieren möchte, bestehen bisher nicht“, stellt das Fraunhofer Institut für Logistik IML in einer Studie fest. Rechnet man all das mit ein, relativiere sich der Vorteil der Drohnen im Handumdrehen, die vor allem mit ihrer Zeitersparnis und Geschwindigkeit punkten wollen.

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Die Unternehmensberatung McKinsey beziffert den Drohnentransport mit rund 2000 Euro je Tonne ohnehin als viel zu teuer, wenn man vergleicht, dass die gleiche Menge mit dem Lkw für vierzig Dollar verfrachtet werden kann. Das Beratungshaus Ark-Invest veranschlagt dagegen die Kosten der Amazon-Drohne auf rund einen Euro pro Paket. „Solide Einschätzungen des Marktpotentials des Drohneneinsatzes finden sich aktuell kaum“, fasst das Fraunhofer Institut derart weit auseinanderliegende Zahlen zusammen, und weiter: „Experten sowie Entscheider großer Logistikkonzerne zweifeln die massenhafte Zustellung im urbanen Raum allein durch Drohnen mit Blick auf die nahe Zukunft an.“ Selbst der Geschäftsführer der Drohnenberatungsfirma Aerotas, Logan Campell, sagt: „Für die große Menge der Güter ergibt die Drohnenzustellung keinen Sinn. Ich würde mich eher auf hochwertige Anwendungen wie Notfallmedizin konzentrieren, statt anzunehmen, dass wir alle demnächst Milch und Eier per Drohne geliefert bekommen.“

Ein Drohnensystem müsste jedes Paket im Pendelverkehr aus dem Depot holen und zustellen, denn es kann nur wenig Last befördern und benötigt zudem viel Energie. Entsprechend gering wären die Einsparungen bei diesem Transportweg. Zudem müssten die Empfänger mithelfen und die Pakete aufsammeln oder annehmen. Und vielen sei da der Postbote immer noch lieber als ein gesichtsloses Fluggerät. Die Fraunhofer-Experten sind sicher: „Trotz Flugdrohnen bleibt die Logistik der letzten Meile weitgehend auf dem Boden.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Oberhuber, Nadine (nadu.)
Nadine Oberhuber
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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