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Immobilien

Wohnen wie Wolfgang

Von Stefanie von Wietersheim
 - 15:45
Modedesigner Wolfgang Joop versteigert seine Möbel. Interessenten gibt es genug. Bild: dpa, F.A.S.

Die Eileen-Gray-Konsole aus Karl Lagerfelds Haus im Esszimmer, das Gemälde der Kaiserin Sisi hoch zu Ross im Salon, die goldene Zigarettenschatulle von Helmut Schmidt auf dem Teetisch – mit all diesen Dingen kann man seine Wohnung ausstatten. Theoretisch. Man braucht nur die nötige Bonität und muss mit etwas Geschick seine Konkurrenten überrunden. Prominente Kleinode mit großem Stammbaum und dramatischem Schicksal für die eigenen vier Wände sind in den Katalogen aller wichtigen Auktionshäuser zu finden. Möbel von illustrer Abstammung sind begehrt, seit Anfang des 19. Jahrhunderts der Londoner Harry Phillips in seinem gleichnamigen Kunsthandelshaus Objekte von Napoleon Bonaparte und dem Dandy Beau Brummell aufsehenerregend versteigerte.

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Wolfgang Joop ist der Nächste in diesem Starreigen. Im Oktober und November lässt er eine Sammlung bildender und angewandter Kunst aus mehreren Jahrhunderten beim Auktionshaus Christie’s versteigern, die bisher in seiner an SAP-Gründer Hasso Plattner verkauften Potsdamer Villa Wunderkind zu Hause war. Joop zieht ins Familienanwesen Gut Bornstedt – und erwartet 1,5 Millionen Euro Erlös bei der Versteigerung von rund 30 seiner eingelieferten Sammlerstücke.

Darunter sind französische Möbelikonen des 20. Jahrhunderts wie eine Goldlackkommode des Designers Jean Dunand und ein knallrotes Daybed von Prouvé und Perriand aus dem Jahr 1955, aber auch ein Palmholz-Sideboard von Eugène Printz mit Tierdekor-Falttüren. Joop selbst ist – wie nicht wenige Sammler – seit Jugendzeiten dem fast erotischen Reiz von Auktionen verfallen: „Wenn man auf einer Auktion kauft, ist es eine intime, fast sexuelle Sache. Du sagst zum Kunstwerk: Komm näher, lass mich dich berühren, ich will dich besitzen. Leb mit mir für eine kurze Zeit“, sagt der Designer.

Und Macht? Macht ist auch bei Möbeln sexy. In diesen Tagen ist die Bereitschaft der Käufer, für Objekte berühmter Männer und Frauen viel Geld auf den Tisch zu legen, größer denn je; Prominenten-Auktionen sind Publikumsmagneten, die aufwendig beworben werden und über die von Neuseeland bis New York berichtet wird. Denn nichts läuft im täglichen Kampf um Aufmerksamkeit besser als Mythen und bekannte Marken, das ist im Kunsthandel nicht anders als in der Mode oder Autobranche. In diesem Herbst werden bei Christie’s auch Objekte aus dem Nachlass von Audrey Hepburn versteigert.

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Für Einrichtungsliebhaber ist die Auktion der Sammlung des Pariser Interior Designers Alberto Pinto ein Muss, die Konkurrenz von Sotheby’s bringt die Kollektion des berühmten französischen Einrichters Jacques Grange am 21. November in Paris unter den Hammer. Bei allen stehen eher die Namen der Vorbesitzer als die Objekte selbst im Mittelpunkt: Ob Lady Dianas Kleider, Elizabeth Taylors Juwelen oder David Bowies Sofa – es läuft, das Geschäft mit dem Glamour.

Man kauft immer auch Geschichten, Erinnerungen und einen Mythos mit

Die „Single Owner Sales“ oder „Attic Sales“ gelten in der Branche als Selbstläufer. Allerdings wird es immer schwieriger, sie in hoher Frequenz durchzuführen, da die Dachböden der großen europäischen Schlösser immer leerer werden und eine neue Sammlergeneration sich eher für zeitgenössische Kunst als für alte Paravents interessiert. Seit den achtziger Jahren sind große Schloss-Sales in Großbritannien, seit den Neunzigern auch in Deutschland eine feste Größe auf dem Auktionsmarkt. So gerieten im Jahr 1992 die Auktion von Thurn und Taxis, 1995 die der Markgrafen von Baden und 2005 des Hauses Hannover für das Publikum zu Nationalevents.

Möbel mit interessanter Provenienz aus Fürstenhäusern, großen Familien oder von Stars erzielen bei Christies regelmäßig Spitzenpreise, Tendenz steil nach oben. Ist der Stammbaum nur glamourös, werden meist auch Alltagsobjekte teuer bezahlt. „Unser Haus hat gerade im Juli Objekte aus dem Nachlass von Raine Countess Spencer, der Stiefmutter Lady Dianas, versteigert. Da sind selbst Gebrauchsgegenstände durch das Dach gegangen.

Bei solchen Auktionen kauft man immer auch Geschichten, Erinnerungen und einen Mythos mit“, sagt Christiane Gräfin zu Rantzau, die das Auktionshaus Christie‘s in Deutschland leitet. Bei prestigereichen Auktionen seien Provenienzangaben und ausführliche Katalogbeschreibungen immer wichtiger. Philipp Herzog von Württemberg, Deutschland-Chef des Auktionshauses Sotheby‘s, bestätigt: „Bei Attic Sales und Sammlungen mit prominenter Herkunft kaufen die Kunden immer auch einen großen Namen und sind tatsächlich bereit, 20, 30 oder 40 Prozent mehr zu bezahlen als den Schätzwert.“

Insbesondere bei den großen Adels- und Schlossauktionen kommen 60 Prozent der Klientel seiner Erfahrung nach aus dem regional-lokalen Umfeld eines Fürstenhauses, 20 Prozent aus der nationalen Umgebung; der Rest geht an internationale Sammler. „Die lokalen Klienten kaufen meist auch Objekte, die einen historischen Wert haben, jedoch nicht immer qualitative Spitzenware sind. Sie wollen unbedingt etwas von ,unserem Fürsten, Grafen oder Baron‘ bei sich zu Hause haben.“ Es sei einfach so, dass die Käufer stolz sind, wenn sich hinten auf den Möbeln die Stempel oder Aufkleber der ehemaligen Kaiser, Könige und Fürsten befinden: „Denn dann besitzt man etwas, was andere nicht haben.“

Besonders begehrt waren die Bilder von Kaiserin Elisabeth

Württemberg rät jedoch, sich nicht allein auf einen illustren Vorbesitzer als sichere Wertanlage zu verlassen. „Wenn es um den kurzfristigen Weiterverkauf solcher Stücke geht, sollte man nur mit dem Schätzwert kalkulieren, nicht mit der berühmten Provenienz. Man weiß nie, wie sich dieser emotionale Impulswert auf dem Markt weiter entwickelt.“ Württemberg kennt als einer der Nachfahren des ehemaligen südwestdeutschen Königshauses auch die internen Diskussionen in den einliefernden Familien. „Wenn man überlegt, sich von Familienobjekten zu trennen, kann es hochemotionale Gespräche geben“, sagt er. Auf der anderen Seite gehe es jedoch oft gar nicht um drängende finanzielle Transaktionen im Erbfall, sondern um eine ruhige Beratung: „Wenn ich einen Dachboden voller Objekte habe, die als totes Kapital übereinanderliegen und sicher nicht besser werden, ist es doch sinnvoll, etwas zu verkaufen und davon zum Beispiel museale Stücke zu restaurieren oder sein Schloss zu erhalten“, sagt Württemberg.

Mächtige Familien und Stars verkaufen Sammlungen meist wegen eines der großen „Ds“ im Leben: Debt, Divorce, Death, also Schulden, Scheidung oder Tod. „Wertvolle Kunst kann aber auch wegen der konservatorischen Anforderungen eine Belastung sein“, sagt Katrin Stoll, Besitzerin des Münchner Auktionshauses Neumeister. „Wenn man eine Menge großformatiger Gemälde besitzt, sollten auch Lagerung und Raumklima adäquat sein, und es kann echte Platzprobleme geben.“ Neumeister versteigerte im Jahr 2014 Einrichtungsgegenstände aus dem Besitz der Wittelsbacher und Habsburger mit einem Wert von mehr als einer Million Euro.

Besonders begehrt waren die Bilder von Kaiserin Elisabeth: Ein Bildnis von Sisi zu Pferd wurde für mehr als 45.000 Euro verkauft, geschätzt war es auf 8.000 Euro; ein anderes Porträt der schönen Kaiserin mit einer Dogge, das auf 10.000 Euro angesetzt war, ging gar für knapp 70.000 Euro weg.

Der Kampf um die Verträge mit Einlieferern von derartigen Prominenz-Auktionen ist außerordentlich hart. „Wir haben schon erlebt, dass die internationale Konkurrenz versucht hat, uns nach Vertragsabschluss mit Einlieferern durch ein nachträgliches Angebot auszustechen und die Versteigerung doch noch zu sich zu holen, um weiter an Prestige zu gewinnen“, sagt Katrin Stoll.

Bei Florian Seidel vom Auktionshaus Schloss Ahlden wurde Anfang September 2017 die edelsteinbesetzte, goldene Zigarettenschatulle von Altkanzler Helmut Schmidt versteigert. Sie wechselte aus dem Besitz von Schmidts letzter Lebensgefährtin für 53.750 an einen privaten Käufer. Das war in etwa das Doppelte des Schätzwertes. „Schon als wir 1999 den VW Käfer von John Lennon versteigert haben, gab es wie bei allen solchen Verkäufen einen großen Medienrummel, auch etwas Sensationshascherei, aber nur einige wenige Kunden, die sich sehr interessieren und dann bieten“, erklärt er.

Der Name ist alles

Seiner Erfahrung nach können solche prominenten Stücke die Verkaufsquote der parallel angebotenen Objekte durchaus steigern. „Bei Auktionen aus dem Besitz berühmter Menschen pilgern manchmal Leute aus ganz Europa hierher.“

Seidel hat zahlreiche Auktionen mit Objekten aus deutschen Fürstenhäusern geleitet, besonders norddeutsche Adelsfamilien vertrauen ihm ihre Schätze an. So kamen bei ihm immer wieder Objekte aus der Marienburg unter den Hammer, wenn das Haus Hannover Wertgegenstände zu Geld machen wollte – zum Beispiel einen Mundbecher und Duellpistolen aus dem Besitz Friedrichs des Großen. Dass solch prominente Stücke versteigert werden, dürfen die Auktionshäuser jedoch nicht immer und schon gar nicht laut kommunizieren, gerade wenn eine Familie momentan unter Geldknappheit leidet.

Und wo landen all diese Prachtstücke? Menschen zu finden, die im Bett eines englischen Granden liegen, aus dem Becher eines französischen Herzogs trinken oder Schmuck von Elizabeth Taylor tragen, ist ausgesprochen schwierig. Und wenn man sie dann doch kennt, möchten sie auf keinen Fall in der Zeitung stehen.

Fragt man bei Auktionshäusern nach, verweisen diese äußerst höflich und überaus standfest auf ihre höchste Qualität: die Diskretion. Es sei denn, mit dem Kauf des großen Namens soll der eigene Glamour potenziert und zu Geld gemacht werden: Im Jahr 1996 ersteigerte die von Jackie Kennedy faszinierte Französin Danièle Darel vom Modelabel Gérard Darel bei Sotheby’s New York eine auf 300 Dollar geschätzte schwarze Modeschmuck-Perlenkette der Präsidentengemahlin für eine halbe Million Francs. Sie ließ fortan Kopien des Schmucks für den Verkauf in den eigenen Boutiquen fertigen, baute eine langfristige Kommunikationsstrategie auf dem ersteigerten Stück auf und schuf einen bis heute begehrten Accessoire-Bestseller für 180 Euro. Der Name ist alles.

Quelle: F.A.S.
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