Cebit in Hannover

Mit künstlicher Intelligenz autonom unterwegs

Von Carsten Knop, Hannover
 - 12:10

So stellt man sich nicht nur in Hannover die Zukunft vor: Autonome Systeme werden künftig selbstfahrende Autos, intelligente Roboter und vernetzte Infrastrukturen möglich machen. Sie werden dazu in der Lage sein, eigene Entscheidungen zu treffen und immer komplexere Aufgaben zu meistern. Ihr Geheimnis ist die Nutzung künstlicher Intelligenz. Diese Algorithmen und die Fähigkeit zum Lernen machen sie eigenständig. Und autonome Systeme werden nach Auffassung aller Fachleute, die sich zu dem Thema zum Auftakt der Computermesse Cebit in Frankfurt geäußert haben, gemeinsam mit der in ihnen enthaltenen künstlichen Intelligenz eine Kerntechnologie der vernetzten Wirtschaft.

Henning Kagermann ist sich sicher: „Mit seinen Stärken in den Bereichen künstliche Intelligenz, Industrieautomatisierung, Sensorsysteme und Mechatronik kann Deutschland zum Leitanbieter autonomer Systeme auf dem Weltmarkt werden“, sagt der Präsident der deutschen Akademie für Technikwissenschaften Acatech auf der Computermesse Cebit, im Gespräch mit der F.A.Z.

Bosch: Bald kaum ein Produkt ohne künstliche Intelligenz

„Alle großen Unternehmen, ob VW, Daimler, Siemens oder Bosch, investieren auf diesem Gebiet derzeit stark. Alle stellen auch Hunderte neue Entwickler ein. Aber insgesamt haben wir nicht genug Leute mit der entsprechenden Ausbildung“, beklagt Kagermann. „Intern wird in den Unternehmen zwar viel gemacht, um Mitarbeiter zu qualifizieren. Doch an Schulen und Universitäten muss noch mehr geschehen.“ Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von SAP glaubt aber auch, dass in den Ausbildungsgängen an den Universitäten innerhalb von fünf Jahren entsprechende Weichen gestellt werden können. Und es müssten auch nicht alle Informatiker werden: „Letztlich hat das Thema in seiner Breite Auswirkungen auf praktisch jedes Berufsbild“, sagt Kagermann.

Bosch-Chef Volkmar Denner hatte wie zum Beweis erst wenige Tage vor der Cebit im Gespräch mit der F.A.Z. darauf hingewiesen, dass sein Unternehmen schon 300 Millionen Euro für ein Zentrum für künstliche Intelligenz freigegeben habe. Schon jetzt sind hundert Mitarbeiter tätig an Standorten in Amerika und Indien und natürlich im zentralen Forschungszentrum in Renningen bei Stuttgart. Und ständig sollen es mehr werden. In fünf Jahren sollen schon 10 Prozent des Bosch-Umsatzes (zuletzt 73 Milliarden Euro) auf Produkte mit künstlicher Intelligenz entfallen. Noch einmal fünf Jahre später, so erwartet der Bosch-Chef, werde es in dem Stuttgarter Konzern wohl kaum ein Produkt mehr geben, was nicht selbst über künstliche Intelligenz verfügt oder zumindest mit entsprechenden Methoden entwickelt und produziert wurde.

Mitarbeiter am erwirtschafteten Gewinn beteiligen

Weil das Thema so wichtig ist, hat auf ihrem Eröffnungsrundgang über die Messe auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Kagermann vorbeigeschaut, den sie nicht nur als Physikerkollegen sehr schätzt. Und Kagermann hat gemeinsam mit Reimund Neugebauer, dem Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, die Gelegenheit genutzt, um auf dem Gebiet einen „Kraftakt“ zu meistern: Gebraucht werde ein innovationsfördernder Rechtsrahmen, ganz besonders aber auch ein gesellschaftlicher Dialog. Schließlich müssten moralische und ethische Aspekte der Digitalisierung fest in der Gesellschaft verankert werden: Autonome Systeme könnten gute Arbeit fördern, aber auch Arbeitsplätze kosten. Sie könnten das Verkehrssystem entlasten – und zugleich zusätzliches Verkehrsaufkommen auslösen. Derartige Konflikte gebe es auf beinahe jedem Gebiet, das von autonomen Systemen berührt werde.

„Eine Robotersteuer brauchen wir deshalb erst einmal nicht“, sagt Kagermann. Eine solche Steuer hatte jüngst der Microsoft-Mitbegründer Bill Gates vorgeschlagen. Gates hatte den Gedanken gerade auch mit Blick auf die gesellschaftliche Akzeptanz autonomer Systeme ins Gespräch gebracht. Wenn die Automatisierungsdividende, also der Gewinn, der von den Maschinen letztlich erzeugt wird, nicht der breiten Masse zugute kommt, sondern im Gegenteil Menschen nur Arbeitsplätze wegnimmt, könnte dies schließlich zu ernsthaften Problemen führen, fürchtet Gates. Kagermann sieht zwar das Problem, hält sich mit einer solchen radikalen Forderung aber zurück: „Wir dürfen effizienzsteigernde Investitionen nicht im Keim ersticken. Besser wäre es, Mitarbeiter an erwirtschaften Gewinnen zu beteiligen – sei es durch ausgefeilte Bildungsprogramme, sei es durch Beteiligungen an den Unternehmen selbst“, ist Kagermann überzeugt.

Der Mensch soll die Oberhand behalten

Wanka wiederum, die die Bundeskanzlerin auf dem Rundgang begleitete, kündigte an, aus dem Thema „Autonome Systeme“ ein sogenanntes „Zukunftsprojekt“ zu machen. Das ist nicht irgendeine Bezeichnung, sondern ein politisches Bekenntnis mit Wert für die Forscher. Denn in den Zukunftsprojekten greift die Bundesregierung gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auf und formuliert konkrete forschungs- und innovationspolitische Leitbilder, an denen sich die Beteiligten fortan ausrichten können. Auch „Industrie 4.0“ und „Smart Services“ gehörten schon in diese Reihe; Kagermann betrachtet die autonomen Systeme als logische Fortsetzung.

Zudem haben Kagermann und der Leiter des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz (DFKI), Wolfgang Wahlster, mit ihrem Team aus 60 Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft für die Kanzlerin einen Bericht zum Thema autonome Systeme erarbeitet, der sich auf vier Anwendungsbereiche konzentriert: die industrielle Produktion, den Straßen- und Schienenverkehr, das vernetzte Haus (Smart Home) sowie den Einsatz autonomer Systeme in menschenfeindlicher Umgebung. Für diese Bereiche haben sie technologische Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Herausforderungen analysiert. Über allem, was dort zu lesen ist, schwebt die Erkenntnis, dass der Mensch in der Zusammenarbeit mit autonomen Systemen die Oberhand behalten muss: „Zukünftig arbeiten Menschen und autonome Systeme Hand in Hand, und zwar in Teams, in denen sich die menschliche und die künstliche Intelligenz wechselseitig ergänzen. Aber die Autonomie der Technik muss dabei immer der Autonomie der Menschen untergeordnet bleiben“, fordert Kagermann. Auf der Cebit zeigt Acatech zusammen mit dem DKFI Beispiele vernetzter autonomer Systeme aus den verschiedenen Anwendungsbereichen.

Cebit
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© EPA, reuters
Quelle: F.A.Z.
Carsten Knop - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Carsten Knop
verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen.
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