„Irmas“ Folgen

Amerikas Süden hat zu nah am Wasser gebaut

Von Winand von Petersdorff, Washington
 - 15:26

Der Wirbelsturm Irma hat auf seinem Weg nach Norden in den Vereinigten Staaten den Südwesten Floridas heimgesucht. Damit traf er eine Region, deren Bevölkerung in den vergangenen Jahren besonders schnell gewachsen ist. Die Ballungsräume um die Städte Fort Myers, Naples und Tampa verzeichneten laut Census Wachstumsraten weit über dem amerikanischen Durchschnitt von 0,7 Prozent. Der Großraum um Fort Myers wuchs allein um 3,1 Prozent zwischen Juni 2015 und Juni 2016.

Zehn der 20 am schnellsten gewachsenen Ballungsräume liegen in Florida. Die meisten liegen nahe der Küste und sind deshalb eher Naturkatastrophen ausgesetzt. Für ganz Florida hat sich die Bevölkerungszahl sei 1980 auf mehr als 20 Millionen Einwohner verdoppelt. Zuletzt kamen netto rund 1000 neue Einwohner am Tag in den südlichen Bundesstaat, vor allem um Arbeit oder einen Altersruhesitz zu finden.

In Floridas Bevölkerungszuwachs spiegelt sich der generelle Wanderungstrend: Amerikaner ziehen in Städte, nach Süden und an die Küsten. Schneller als Florida sind zuletzt ausgerechnet das von Harvey heimgesuchte Texas und vor allem die Großräume rund um Houston und Dallas gewachsen.

Konsequenzen für die Versicherungsgesellschaften

In Florida sind wegen der starken Zuwanderung viele neue Häuser auf Grundstücken errichtet worden, die nur knapp oder gar nicht über dem Meeresspiegel liegen. Die Stadt Tampa zum Beispiel ist seit 2010 um 12 Prozent gewachsen auf 380.000 Einwohner. Rund die Hälfte der Behausungen liegt höchstens drei Meter über dem Meeresspiegel. Die Region hat kein Deichsystem, wie es etwa die Niederlande oder die ostfriesische Küste aufweisen. In einer Risikoanalyse aus dem Jahr 2015, aus der das „Wall Street Journal“ zitiert wurde Naples als die am stärksten gefährdete Stadt ausgewiesen. Die Berater der Risikoschätzer von Karen Clark & Co hatten ausgerechnet, dass Tampa Schäden von 175 Milliarden tragen müsste, sollte ein Jahrhundert-Sturm die Stadt heimsuchen.

Monster-Hurrikan im Video
Das war „Irma“
© AFP, F.A.Z.

Irmas Verwüstung könnte allerdings geringer ausfallen als befürchtet. So hat der Wirbelsturm durch sein Abknicken nach Westen zwar boomende Regionen getroffen, wo allerdings die Bevölkerungsdichte noch nicht das Niveau des Großraums rund um Miami erreicht. Zudem hat die Wucht des Sturms schneller nachgegeben als erwartet.

Das Abknicken des Wirbelsturms nach Westen hat auch zur Folge, dass weniger Sturmschäden zu erwarten sind, dafür aber mehr Schäden durch Überflutungen. Das hat Konsequenzen für die Versicherungsgesellschaften und ihre Rückversicherer. Während Sturmschäden in der Regel von den Assekuranzen gedeckt sind, sind Sturmflutschäden meistens nur durch die staatliche Flutversicherung abgedeckt. Weil gerade die Westküste Floridas in den vergangenen Jahrzehnten von großen Wirbelstürmen verschont worden war, haben viele Leute keine derartige Versicherung abgeschlossen, obwohl sie in bestimmten Regionen obligatorisch sind.

Spendenaufrufe von Ex-Präsidenten

Große private Versicherungsgesellschaften haben sich in den letzten Jahren aus dem Sturmgeschäft in Florida zurückgezogen und überlassen das Geschäft zunehmend kleineren und mittleren Gesellschaften, die in ihrer Finanzierung stärker auf Rückversicherungsgesellschaften wie Munich Re angewiesen sind.

Der amerikanische Kongress hat am Freitag Sturmopferhilfe in Milliardenhöhe abgesegnet und damit die Zahlungsfähigkeit des staatlichen Katastrophenschutzes Fema (Federal Emergency Management Agency) aufrechterhalten, dessen Mittel schon vor Harvey zur Neige zu gehen drohten. Fema zahlt Nothilfen aus, managt aber unter anderem auch die staatliche Flutversicherung. Trotz der Acht-Milliarden-Dollar-Spritze des Kongresses ist die Finanzierung nicht langfristig gesichert und es ist unklar, wie viel Geld für die Opfer von Irma bleibt. Täglich bewilligt die Agentur gerade rund 100 Millionen Dollar für die Opfer von Naturkatastrophen. Das beschränkt sich keineswegs auf Stürme. Die Vereinigten Staaten erleiden zur Zeit außergewöhnlich starke Waldbrände im Nordwesten des Landes. Die Fema billigte jüngst Hilfen für den besonders stark betroffenen Bundesstaat Montana.

Eine große Rolle spielt private Hilfe bei der Bewältigung der Folgen der Naturkatastrophe. Fünf ehemalige Präsidenten von Barack Obama bis George Bush haben öffentlich zu Spenden für die Opfer aufgerufen. Wichtige Funktionen haben kirchliche Organisationen. Sieben-Tage-Adventisten und Methodisten sind mit ihren Freiwilligen besonders aktiv. Präsident Donald Trump hat angekündigt, so schnell wie möglich in die Krisenregion zu reisen.

Hurrikan „Irma“ in Florida
Wenn Flamingos fliehen
© dpa, F.A.Z., Kathrin Jakob
Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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