„Azzurri“ nicht bei der WM

Auch Italiens Wirtschaft droht Trübsinn

Von Tobias Piller, Rom
 - 17:16

Nationale Trauer und Katerstimmung über die verpasste Teilnahme Italiens an der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland sind nur die Vorboten für vielerlei Verluste, mit denen nun die Italiener rechnen. Nicht nur der italienische Fußballverband könnte Einnahmen verlieren, auch Werbewirtschaft und Medien, Restaurants und Bars oder überhaupt die gesamte Tourismusbranche. Für Italien wurden Fußballabende der Weltmeisterschaft eingeleitet vom Lied der Sängerin Gianna Nannini: „Magische Nächte“. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft 2014 gab es für die Spiele der Nationalmannschaft im Mittel 17,7 Millionen Zuschauer, viele davon in Restaurants und Bars.

Die Europameisterschaft in Frankreich sorgte etwa für den Absatz von 1 Million blauer Bekleidungsstücke mit der Marke der Nationalmannschaft. Die Folgen des vorübergehenden Abstiegs der Italiener in die zweite Liga des Weltfußballs lassen sich derzeit aber nicht genau beziffern. Der Fußballverband, der 2016 rund 174 Millionen Euro umsetzte, verliert nicht nur Antritts- und Preisgelder zwischen 8 und 38 Millionen Euro. Rund 70 Millionen Euro der jährlichen Einnahmen des Fußballverbands kommen aus Fernsehrechten und Sponsorenverträgen.

Auch die Liga ist beschädigt

Der Sportartikelhersteller Puma beteuert zwar, dass man langfristiger Partner der Italiener sei und die Kooperation fortsetzen wolle. Die Verträge des Fußballverbands enthalten jedoch Erfolgs- und Verkaufsprämien, berichtet die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“. Andere Sponsoren würden nur schwer zu halten sein. Wenn nun in Italien Fernsehrechte der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 verkauft werden, erwartet niemand einen Erlös von 180 Millionen Euro wie für die WM 2014.

Auch die italienische Fußball-Liga ist beschädigt. Für die „Lega A“ in der Saison 2015/2016 errechnete Price Waterhouse zuletzt einen Gesamtumsatz von 2,4 Milliarden Euro und gesammelte Verluste der 20 Klubs von 250 Millionen Euro. Große Klubs wie AS Roma, AC Milan und Inter Mailand sind inzwischen in Händen von amerikanischen und chinesischen Aktionären, die mit dem internationalen Nimbus der Fußballnation Italien verdienen wollen und nun enttäuscht werden.

Besonders pessimistisch zeigt sich die vom Fußballfan Silvio Berlusconi kontrollierte populistische Zeitung „Il Giornale“. Der Auftritt der Nationalmannschaft sei eng verbunden mit dem nationalen Image und Italiens Export, von gastronomischen Spezialitäten bis zu Mode. Die Aktie des Eigentümers der wichtigsten italienischen Sportzeitung “La Gazetta dello Sport“, RCS“, stürzte zwischenzeitlich gar um 8,8 Prozent auf 1,115 Euro ab. Statt beschwingter Stimmung, die gar ein Titelgewinn für das Wirtschaftswachstum bedeuten könne, droht nun eher Trübsinn.

Verlorenes Qualifikationsspiel
Erste Fußball-WM ohne Italien seit 60 Jahren
© dpa, reuters
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Piller, Tobias (tp.)
Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
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