Kommentar

Molière auf dem Bau

Von Christian Schubert, Paris
 - 07:42

Der französische Dichter Molière wollte sich nach eigenen Worten „mit den lächerlichen Zügen der Menschheit befassen und die Schwächen, die alle Welt hat, auf dem Theater angenehm darstellen“. Französische Regionalpolitiker wandeln nun in seinen Fußstapfen und wollen vorschreiben, dass auf französischen Baustellen die Sprache Molières gesprochen wird.

Sicherlich dürfen die Ängste der Menschen vor den Folgen der Globalisierung nicht verharmlost werden. Das massive Auftreten ausländischer Arbeiter ohne Kenntnisse der Landessprache kann verunsichern. Doch verdient das Thema auch den Blick aus Kundensicht. Die Unternehmen mit den ausländischen Mitarbeitern bekommen in Frankreich Aufträge, weil ihre Angebote gegenüber der Konkurrenz als überlegen eingeschätzt werden.

Zudem sind die Stellen am Bau unter Franzosen kaum gefragt, weshalb die Anbieter ihre Arbeiter anderswo suchen. Sicherheitsstandards sind einzuhalten. Doch der Arbeitgeber trägt die Verantwortung, dass sie verstanden werden. So besteht kein Grund für Sprachvorschriften, die in Europa nur ein Hinundher an Vergeltungsmaßnahmen auslösen würden. Und Politiker, die damit dem Front National das Wasser abgraben wollen, sollten an eine Grundregel denken: Im Zweifel entscheiden sich viele Wähler doch für das Original.

Quelle: F.A.Z.
Christian Schubert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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