Kommentar

VW und Audi haben die Zugbrücken hochgezogen

Von Carsten Knop
© AP, F.A.Z.

Sprache ist wichtig. Dass die Betrüger des Volkswagen-Konzerns sich immer noch erdreisten, den Skandal um den manipulierten Verbrauch ihrer Dieselmotoren beschönigend „Dieselthematik“ zu nennen, zeigt in einem Wort, was in dem Unternehmen im Argen liegt. Keine Erschütterung, kein kriminelles Verhalten, kein Sexskandal kann groß genug sein, damit einmal Besinnung einkehrt. In Ingolstadt, auf der Jahrespressekonferenz der VW-Tochtergesellschaft Audi, wurde das Sprachbild surreal:

Im Saal vor hundert Journalisten redet Audi-Chef Rupert Stadler über Zahlen und streift die „Dieselthematik“ so wortkarg wie möglich. Ein paar Räume weiter wühlen sich zur selben Zeit Ermittler der Staatsanwaltschaft durch Akten. Es geht ihnen um exakt diese sogenannte „Thematik“, die den Konzern eigentlich in den Grundfesten erschüttern müsste.

Es ist eine Durchsuchungsaktion, wie sie auffälliger nicht inszeniert werden könnte als am Tag der Jahrespressekonferenz. Ermittelt wird gegen unbekannt, es geht um Betrug und irreführende Werbung für Dieselmotoren, die in den Vereinigten Staaten verkauft worden sind. Der fragwürdigen Show der Staatsanwälte selbst aber hätte es gar nicht bedurft, denn es kommt auch so genug zusammen: zum einen das Fehlverhalten von Audi.

Dort wurden in der zweiten Reihe mutmaßlich Verantwortliche entlassen, vor dem Revirement ganz oben, in Person von Stadler selbst, schreckt man zurück. Der hätte die Verantwortung für den Skandal übernehmen müssen, auch wenn er das Glück hatte, als Kaufmann von seinen Entwicklern nie über technische Details informiert worden zu sein. Aber Stadler bewegt sich nicht. Denn er arbeitet zum anderen für einen Volkswagen-Konzern, der nicht bereit ist, die Dinge beim Namen zu nennen, der im Gegenteil von neuem Selbstbewusstsein redet – und im Übrigen eine Unternehmensstrategie von Gnaden der IG Metall betreibt.

In Wolfsburg und Ingolstadt hat man die Zugbrücken hochgezogen. Frei nach Pippi Langstrumpf: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Gefallen muss sie dem Vorstand, dem Gesamtbetriebsrat, der Politik sowie den zerstrittenen Familien der Anteilseigner Piëch und Porsche. Das sind schlechte Voraussetzungen, um den Wandel hin zur Elektromobilität zu schaffen, effizienter zu werden – und gegenüber der Öffentlichkeit auf gut Deutsch die Wahrheit zu sagen.

© reuters, reuters
Quelle: F.A.Z.
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