Kommentar zum Handelsstreit

Europäer, senkt die Zölle!

Von Ralph Bollmann, Berlin
 - 18:02

Zwei Tage lang, immerhin, haben sie jetzt geredet, die Europäer und der amerikanische Präsident auf dem G-7-Gipfel in Kanada. Geprägt war das Treffen nicht nur durch den Gegensatz zwischen den beiden Hauptkontrahenten, sondern auch durch notdürftig verdeckte Unstimmigkeiten innerhalb der Europäischen Union. Während Frankreich eine harte Linie verfolgt, möchte Deutschland aus naheliegenden Gründen lieber verhandeln: Donald Trump hat als nächste Eskalationsstufe schon Autozölle angedroht, und das würde vor allem hiesige Firmen treffen.

Offiziell gilt die Logik der Vergeltung. Als Reaktion auf den amerikanischen Stahl- und Aluminiumzoll hat die EU ihrerseits eine lange Liste von Produkten hervorgezogen, die sie mit einem Aufschlag belegen will. Auf das Herz der Volkswirtschaft zielt sie damit nicht, dafür aber auf symbolisch besetzte Marken und auf die Wahlkreise treuer Trump-Anhänger. Nun steht die Frage im Raum, ob das den Präsidenten schreckt – oder ob er ungerührt mit eigener Vergeltung antwortet.

Namhafte Ökonomen finden das Vorgehen der Europäer richtig. Gabriel Felbermayr etwa, designierter Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hält Gegenzölle schon aus pädagogischen Gründen für nötig: als Symbol, dass die internationale Gemeinschaft unkooperatives Verhalten in der Handelspolitik nicht einfach so hinnimmt. Der Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftler Jens Südekum fährt noch größeres Geschütz auf. „Dass Appeasement keine gute diplomatische Strategie ist, das wissen wir doch aus der deutschen Geschichte“, schreibt er in Anspielung auf das Münchener Abkommen von 1938, als die Westmächte vor der Gewaltdrohung Adolf Hitlers zurückwichen und ihm Teile der Tschechoslowakei überließen.

Selbstbewusst Überzeugungen vertreten

Aber es gibt auch Gegenstimmen. Jörg Krämer etwa, Chefvolkswirt der Commerzbank, fragt ganz ketzerisch: Wäre es nicht klüger, wenn die Europäer einseitig ihre Autozölle senken – von derzeit zehn auf jene 2,5 Prozent, die auch die Vereinigten Staaten erheben? Schließlich, so eines der Argumente, glaube Trump ohnehin nicht an die Vorteile eines umfassenden Freihandels, sei also mit Drohungen schwer zu beeindrucken.

An dem Argument ist etwas dran, die derzeitige Position der Europäer ist nicht ganz schlüssig. Einerseits die Vorteile des Freihandels zu preisen, andererseits an den eigenen Zöllen eisern festzuhalten und sie allenfalls in einem Gegengeschäft preiszugeben, als bringe man damit ein Opfer: Das passt nicht ganz zu den Hymnen auf den unbeschränkten Warenverkehr, von dem doch alle profitierten. Schließlich werden die Unterhändler der EU nie müde zu betonen, dass sich Amerika mit den Zöllen auf Stahl und Aluminium vor allem selbst schade: Konsumgüter würden am Ende teurer, andere Wirtschaftszweige hätten zu leiden.

Da wäre es doch viel überzeugender zu demonstrieren, wie man selbst von offenen Grenzen für Waren profitiert: nicht als Zugeständnis an Trump, sondern weil es uns in langer Perspektive nützt – und noch dazu bei den Autos recht risikolos wäre: Modelle, die in Europa reißenden Absatz fänden, hat die amerikanische Industrie ohnehin nicht anzubieten. Wenn ihnen dazu nichts mehr einfällt, kommen die Verfechter der harten Linie mit einem letzten Argument. Es hört auf den Namen „Meistbegünstigungsklausel“: Was Europa den Amerikanern gewährt, darf es nach internationalen Handelsregeln anderen nicht vorenthalten, zum Beispiel den Japanern.

Ja, und? In wenigen Jahren werden auch hier die Zölle wegfallen, genauso könnte man es mit den Amerikanern machen. Ein Deal zu Lasten Dritter wäre das nicht, anders als es der Vergleich mit dem Münchener Abkommen nahelegt. Die Europäer würden Trump gegenüber nichts opfern. Sondern nur ganz selbstbewusst etwas tun, von dem sie ohnehin immer sagen, dass es allen Seiten nur nützt.

Quelle: F.A.S.
Ralph Bollmann
Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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