Arbeitsmarkt

Warum die Löhne nicht stärker steigen

Von Maja Brankovic
 - 14:57

Für Mario Draghi ist die Sache klar: Die Löhne im Euroraum müssen stärker steigen. Nach der EZB-Ratssitzung der Europäischen Zentralbank im Frühjahr hatte der Präsident der Notenbank das Lohnwachstum zum Dreh- und Angelpunkt für den Ausblick der Notenbank erklärt, als entscheidende Variable, auf die es zu schauen gelte.

Der Grund für die Unzufriedenheit des Italieners: Trotz des deutlichen Rückgangs der Arbeitslosenquote in den vergangenen Jahren bleibt das Lohnwachstum im Euroraum gedämpft. Im vierten Quartal 2016 lag der Zuwachs, preisbereinigt und aufs Jahr gerechnet, gerade einmal bei 1,6 Prozent. Das ist deutlich unterhalb des historischen Durchschnitts – und vor allem zu schwach, um der Inflation im Euroraum den langersehnten Schub zu verpassen.

Doch wie sieht die Situation in Deutschland aus? Eigentlich sind es doch gute Zeiten für Arbeitnehmer. Getragen von einem nicht enden wollenden Aufschwung, eilt die deutsche Wirtschaft von Beschäftigungsrekord zu Beschäftigungsrekord. Zum ersten Mal seit 1991 waren im Mai wieder weniger als 2,5 Millionen Menschen arbeitslos. Auch die Arbeitslosenquote fiel auf einen außergewöhnlich niedrigen Stand von 5,6 Prozent. Das hatte es zuletzt im Jahr 1981 gegeben. Auch heute suchen viele Unternehmen in Deutschland händeringend Personal und treiben den weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit in großen Schritten voran.

Trotz leergefegtem Arbeitsmarkt keine Lohnsteigerung

Eigentlich müsste sich das ziemlich kräftig auf die Löhne durchschlagen. Denn: Ist die Arbeitslosigkeit in einem Land hoch, haben die Arbeitnehmer eine „geringe Verhandlungsmacht“ und können daher keine veritablen Lohnsteigerungen durchsetzen. Umgekehrt gilt dasselbe Prinzip. Wenn der Arbeitsmarkt leergefegt ist, wissen die Arbeiter, dass der Arbeitgeber für sie keinen billigeren Ersatz finden kann. Die Konsequenz, zumindest in der Theorie: steigende Löhne. Dumm nur, dass sich die Arbeitnehmer auf diese Theorie nicht verlassen können. Jahrelang mussten sie sich in ziemlicher Lohnzurückhaltung üben, sahen sich viele Jahre sogar sinkenden Löhnen gegenüber. Zwar hat sich auch auf der Gehaltsfront in der jüngsten Vergangenheit einiges getan: 2014 kletterten die Reallöhne wieder über das Niveau der Jahrtausendwende, 2015 zogen sie um 2,4 Prozent an, 2016 um 1,8 Prozent. Wohlgemerkt in einer Zeit der äußerst niedrigen Inflation.

Ob höhere Lohnsteigerungen in Deutschland nun gerechtfertigt gewesen wären – oder gar notwendig –, darüber scheiden sich die Geister. Ökonomische Erklärungen für die Lohnentwicklung in der jüngeren Vergangenheit gibt es allemal. „Die Knappheit auf dem Arbeitsmarkt hat dafür gesorgt, dass die Löhne zuletzt wieder stärker gestiegen sind“, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Arbeitsagenturen in Nürnberg. Noch mehr wäre vielleicht schöner gewesen. „Aber für größere Lohnsprünge waren die Bedingungen einfach nicht gegeben.“

Die Ursachen sind in der Vergangenheit und Gegenwart zu suchen. Um die Jahrtausendwende hatte die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt einen historisch schlechten Zustand erreicht. Mit der Hartz-Reform unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) stieg vor allem die Beschäftigung im Niedriglohnbereich an. Viele Menschen, die in den vergangenen Jahren eine Beschäftigung fanden, nahmen diese eher in Sektoren und Beschäftigungsformen mit vergleichsweise niedrigeren Löhnen an, etwa als Teilzeitkräfte oder in der vergleichsweise schlechter bezahlten Dienstleistungsbranche. Hinzu kam, dass die Zuwanderung die Knappheit auf dem Arbeitsmarkt etwas aufgefangen habe. „All das wirkte sich dämpfend auf das Lohnwachstum in Deutschland aus“, sagt Weber.

Arbeitsproduktivität wächst deutlich schwächer

Auch verweist der IAB-Forscher auf eine weitere Erklärung: die Arbeitsproduktivität. Diese errechnet sich, indem das Bruttoinlandsprodukt durch das Arbeitsvolumen geteilt wird. Das Problem: Wie in anderen Industriestaaten hat die Arbeitsproduktivität in Deutschland zuletzt deutlich schwächer zugenommen. Während sie von 1996 bis 2006 im Schnitt noch um 1,7 Prozent im Jahr gestiegen ist, lag der Zuwachs in den vergangenen zehn Jahren nur bei 0,7 Prozent. Eine Entwicklung, die der Sachverständigenrat der Bundesregierung mit Sorge beobachtet. In seinen Augen steht nicht weniger als „die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen“ und „der materielle Wohlstand“ auf dem Spiel.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

„Der Hauptgrund für diese wenig erfreuliche Entwicklung ist in erster Linie in der schwachen Investitionstätigkeit in Deutschland zu finden“, sagt Arbeitsmarktökonom Weber. Seit Jahren dümpeln die Investitionen vor sich hin. „Unternehmen und Staat müssen aber investieren, damit sich die Produktivität der Arbeiter erhöht.“ Insgesamt steige die Produktivität zwar moderat, der Produktivitätstrend habe aber mit der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt nicht Schritt gehalten, sagt Weber. Unlösbar sei dieses Problem allerdings nicht. „Produktiver wird die Arbeit, wenn die Investitionen wieder steigen.“ Und zwar nicht nur in Sachkapital, sondern vor allem in die Mitarbeiter.

Ein für westliche Länder normaler Rückgang

Zweifelhaft ist, ob damit allein das Produktivitätsproblem gelöst wäre. So haben die Ökonomen der Commerzbank in einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung verschiedene Ursachen für die eher schwache Lohnentwicklung eruiert. „In Deutschland kommt entscheidend hinzu, dass die Unternehmen wegen der Knappheit an Arbeitskräften auch weniger produktive Arbeitskräfte eingestellt haben“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Dieser Rückgang, der in den meisten westlichen Ländern zu beobachten sei, argumentiert Krämer, schränke aus Sicht der Unternehmen den Verteilungsspielraum bei Lohnverhandlungen ein. Der Ökonom hält die Entwicklung für „die normale Kehrseite des Beschäftigungsbooms“. Diese dürfte allerdings verhindern, dass die Inflation in näherer Zukunft in Richtung des EZB-Inflationsziels von knapp 2 Prozent steige.

Auch in deutschen Notenbankkreisen ist der Einfluss der Tarifpartner auf die Lohnentwicklung immer wieder Thema. Denn ohne Lohnsteigerungen, auch das besagt die ökonomische Theorie, gibt es keine nachhaltige Inflation. Seit längerem hinkt die Teuerungsrate in Deutschland dem Inflationsziel der EZB von knapp unter 2 Prozent im Jahr hinterher – und zwar deutlich.

EZB überschwemmt Märkte mit billigem Geld

Phasenweise fiel die Inflation sogar in den Negativbereich. Um dem Preisverfall entgegenzuwirken, überschwemmen die Währungshüter der EZB die Märkte mit billigem Geld. Es wundert daher nicht, dass selbst die in realpolitischen Fragen sonst eher zurückhaltende Bundesbank die Tarifparteien immer wieder darauf hingewiesen hat, bei ihren Tarifabschlüssen die Zielmarke von 3 Prozent nicht aus den Augen zu verlieren. Diese Zahl leite sich ab aus der Entwicklung der Arbeitsproduktivität und der angestrebten Inflationsrate, heißt es seitens der Notenbank.

Von einem branchenunabhängigen 3-Prozent-Ziel hält der DIW-Forscher Karl Brenke allerdings nichts. „Branchenübergreifend hätte ich für 2015 und 2016 ein Lohnwachstum von 3 Prozent nominal als sinnvoll angesehen“, sagt der Ökonom. Doch ob Lohnsteigerungen in genau dieser Größenordnung tatsächlich angemessen waren, hänge ganz stark von der jeweiligen Branche ab. In einer umfassenden Studie hat er die sektorale Lohnentwicklung – also die Lohnsteigerungen innerhalb verschiedener Branchen – untersucht und mit der Produktionsentwicklung dieser Sektoren verglichen. Die Analyse habe gezeigt, dass sich die Entwicklungen von Branche zu Branche stark unterschieden, sagt Brenke: In einigen Wirtschaftssektoren seien die Löhne stärker gestiegen, als dem Verteilungsspielraum angemessen gewesen wäre. „Das war etwa bei den Unternehmensdienstleistungen wie den freiberuflichen und technischen Diensten sowie in der Forschung und Entwicklung der Fall.“ Zuletzt hatten auch beim Handel die Löhne stärker als die Wirtschaftsleistung zugelegt. In anderen Branchen wären in den vergangenen zehn Jahren dagegen deutlich höhere Lohnsteigerungen möglich gewesen. Brenke nennt vor allem das Produzierende Gewerbe: So hätten etwa die Autoindustrie, der Maschinenbau und die chemische Industrie ihren Spielraum nicht ausgeschöpft.

Gewerkschaften Schuld an der Lohnstagnation?

Auf die gesamte Wirtschaft bezogen, sagt der Ökonom, blieben die Lohnsteigerungen jährlich um durchschnittliche 0,3 Prozent hinter dem zurück, was angesichts der Wirtschaftsleistung möglich gewesen wäre. Die Ursache dafür sei in den Gewerkschaften selbst zu finden. „In der Vergangenheit entstand mitunter der Eindruck, dass die Gewerkschaften weniger Tarifpolitik betrieben haben, um dafür andere Forderungen durchzusetzen.“ Als Beispiel nennt er etwa die Förderung der Teilzeitarbeit im Ruhestand. Weil sie in den Verhandlungen den Lohn nach und nach als Hauptziel verdrängt hätten, sagt Brenke, seien die Lohnzuwächse entsprechend schwächer ausgefallen. „Unter dem Strich haben Arbeitgeber von der guten Konjunktur in Deutschland stärker profitiert als die Arbeitnehmer“, schlussfolgert er.

Doch anzumerken bleibt, dass gerade die Gewerkschaften IG Metall und IG Bergbau, Chemie, Energie trotz ihrer vermeintlichen Verzettelung in Nebenthemen die größten Lohnsteigerungen erreicht haben. Ihre Tariferhöhungen seit 2000 summieren sich auf mehr als 50 Prozent. Dagegen stiegen die Tariflöhne etwa am Bau, im Einzelhandel und im öffentlichen Dienst nur um 35 bis 40 Prozent. Und wenn es in Metall- und Chemiebranche noch höhere Tarifabschlüsse gegeben hätte? Dann wäre auch die Einkommensungleichheit in Deutschland in den vergangenen Jahren womöglich noch stärker gestiegen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brankovic, Maja
Maja Brankovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMario DraghiDeutschlandEZBIABArbeitslosenquoteLohn