Niedrigzinsen

Bank der Zentralbanken fordert geldpolitische Wende

Von Markus Frühauf
 - 13:43

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sieht im gegenwärtigen Wirtschaftsaufschwung die Chance zur Stärkung der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit. In ihrem am Sonntag vorgelegten Jahresbericht mahnt die in Basel ansässige Bank der Zentralbanken deshalb eine geldpolitische Wende an, um in einer Rezession wieder Handlungsspielraum in Form wirkungsvoller Zinssenkungen zu haben. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, Maßnahmen zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft zu ergreifen, um damit besser für den nächsten Schock oder Abschwung gewappnet zu sein, sagte BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana auf der Generalversammlung am Sonntag. Auf kurze Sicht erscheinen seinen Worten zufolge die Wachstumssaussichten so gut wie lange nicht.

Er sprach sich deshalb für eine langfristige wirtschaftspolitische Perspektive aus. Um die Wirtschaft nachhaltig widerstandsfähiger zu machen, empfahl Caruana Strukturreform. Dies sei primär eine nationale Aufgabe, aber die internationale Zusammenarbeit sei für bestimmte Herausforderungen wie etwa im Finanz- und Bankensystem weiterhin nötig. Caruana verwies trotz der grundsätzlich positiven Einschätzung auf bestehende Risiken. Zwar erwarten die BIZ-Volkswirte eine höhere Inflationsdynamik, aber keine sich beschleunigende Preisspirale. So ist die Inflation im Euroraum im Mai auf 1,4 Prozent gesunken, nachdem sie im April mit 1,9 Prozent auf dem von der Europäischen Zentralbank (EZB) angepeilten Zielniveau von knapp 2 Prozent angelangt war. Zwar arbeiteten mehrere Volkswirtschaften immer näher an der Kapazitätsgrenze. Jedoch gibt Claudio Borio, der in der BIZ die Währungs- und Wirtschaftsabteilung leitet, zu bedenken, dass der Zusammenhang zwischen inländischen Messgrößen der Unterauslastung und dem Preisauftrieb überraschend schwach und seit Jahrzehnten nicht greifbar sei.

Forschung wie von der Führung gewünscht?

Zudem falle das Lohnwachstum gering aus. Steigende Lohnstückkosten führten in fortgeschrittenen Volkswirtschaften nicht systematisch zu höherer Inflation. Nach Ansicht der BIZ werden die Rolle von Globalisierung und technologischem Fortschritt unterschätzt. In ihrem Jahresbericht verweist die BIZ auf den Rückgang der Inflation, seitdem Billigpreisproduzenten wie China und ehemalige kommunistische Ländern in den Welthandel eingetreten sind.

Im aktuellen Jahresbericht geht die BIZ mit den Notenbanken nicht mehr so scharf ins Gericht wie in den vergangenen Jahren. Die BIZ verwaltet für die Zentralbanken Devisenreserven und versteht sich gleichzeitig als ökonomische Denkfabrik. In einer internen Untersuchung hatten Mitarbeiter der BIZ darüber geklagt, dass ihre Untersuchungsergebnisse die Meinung der BIZ-Führung bestätigen müssten. Die Studie hatte die BIZ im Januar auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

Grundsätzlich hält die BIZ ihre Kritik an der extrem expansiven Geldpolitik der Zentralbanken aufrecht, erkennt aber die Gründe für deren vorsichtiges Handeln an. Weiterhin ist die BIZ der Ansicht, dass der Geldpolitik viel zu lange zu viel aufgebürdet wurde. Im derzeit günstigen Konjunkturumfeld rät die BIZ, die geldpolitische Normalisierung einzuläuten. Dies sei wichtig, um den geldpolitischen Handlungsspielraum auszuweiten, sollte es wieder zu einer Rezession kommen. Die Bilanzen der Europäischen Zentralbank (EZB) oder der amerikanischen Notenbank Fed haben sich nach Anleihekäufen über mehrere Billionen Euro und Dollar in zuvor unbekannte Größenordnungen aufgebläht. Die Leitzinsen sind so niedrig, dass eine weitere Senkung nicht mehr stimulierend auf die Konjunktur wirkt.

Die Fed hat schon damit begonnen, die Zinsen zu erhöhen und will in diesem Jahr ihre Bilanz über Anleiheverkäufe verringern. Jedoch sieht die BIZ für die Normalisierung der Geldpolitik auch Herausforderungen für die Zentralbanken. Diese ergeben sich aus den beispiellosen geldpolitischen Bedingungen, die seit der vor zehn Jahren ausgebrochenen Finanzkrise vorherrschen. Da sich die Märkte an die stützende Hand der Zentralbanken gewöhnt hätten, seien die Schuldenstände in der Welt weiter gestiegen. Zudem erscheine die Bewertung vieler Vermögenswerte hoch und weiterhin abhängig von sehr niedrigen Zinsen.

Trumps Protektionismus beunruhigt die BIZ

Ein rascher Kurswechsel kann deshalb an den Finanzmärkten eine tiefgreifende Korrektur auslösen. In einigen Ländern fürchtet die BIZ einen finanziellen Abschwung, wenn höhere Leitzinsen Kursverluste an den Anleihemärkten und eine Aufwertung des Dollars auslösten. Der beträchtliche Aufbau an Dollar-Schulden hat einige Schwellenländer wie zum Beispiel China anfälliger gemacht. Borio hält die Dollar-Schulden angesichts der Dominanz der amerikanischen Währung für einen neuralgischen Punkt im internationalen Währungs- und Finanzsystem. Nach BIZ-Angaben sind die Dollar-Kredite an Nichtbanken außerhalb der Vereinigten Staaten zwischen 2009 und 2016 um rund 50 Prozent auf 10,5 Billionen Dollar gestiegen. Davon entfallen auf Schwellenländer 3,6 Billionen Dollar, mehr als doppelt soviel wie noch Anfang 2009.

Die Unsicherheit verleite die Zentralbanken dazu, die Zinsen in sehr kleinen Schritten anzuheben und ihre Bilanzen sehr vorsichtig abzubauen. So will die Fed zwar noch im laufenden Jahr mit dem Verkauf von Staats- und Hypothekenanleihen beginnen, aber nur, wenn es die Konjunktur zulasse. Nach der dritten Zinserhöhung seit der Finanzkrise liegt der Leitzins in der Spanne von 1,00 bis 1,25 Prozent, was in einer Rezession kaum Spielraum für eine stimulierende Zinssenkung lässt. Die EZB kauft bis Jahresende im Monat Anleihen für 60 Milliarden Euro. Ihr Leitzins liegt seit März 2016 auf null Prozent und der Einlagensatz auf minus 0,4 Prozent. Das entspricht einem Strafzins, den Banken für ihre bei der Notenbank geparkten Mittel zahlen müssen. Die Märkte warten auf erste konkrete Andeutungen über den Zeitplan der geldpolitischen Straffung. Am Jahresende wird die EZB Anleihen über 2,3 Billionen Euro erworben haben. Schon jetzt bestehen für die EZB-Käufe Engpässe bei deutschen Bundesanleihen oder Pfandbriefen.

Die BIZ hält die Vorsicht der Notenbanken für gefährlich, weil sie so die Ausweitung ihres Handlungsspielraums bremsen. Der Weg der Normalisierung werde holprig sein. Die BIZ-Volkswirte erwarten Anlaufschwierigkeiten und Rückschläge. „Aber es ist wichtig, dass die Finanzmärkte und die Wirtschaft ganz allgemein ihre ungewohnte Abhängigkeit von den beispiellosen geldpolitischen Maßnahmen überwinden“, betonen sie.

Schon in der Vorwoche hatte die BIZ aus dem Jahresbericht vorab das Kapitel zur Globalisierung veröffentlicht. Sie warnt davor, von der Handels- und Finanzintegration abzurücken. Die Globalisierung müsse als unschätzbare gemeinsame Ressource wahrgenommen werden, die zu einer enormen Verbesserung der Lebensstandards geführt habe. Offenbar beunruhigt das protektionistische Denken des amerikanischen Präsidenten Donald Trump die Bank der Zentralbanken.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Frühauf, Markus (maf.)
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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