Konjunktur

2010 wachsen wir - ein klein bisschen

Von Inge Kloepfer
 - 10:21

Es ist die Stille, die Carl Martin Welcker noch immer zu schaffen macht. Wenn der Mittelständler durch die Hallen seines Werkes in Köln geht, dann ist es beängstigend leise. Kaum einen Mitarbeiter trifft er an, nur 10 Prozent der Maschinen laufen. „Wir schalten die Maschinen im Moment wochenweise ab“, sagt der Unternehmer, der die Alfred H. Schütte GmbH & Co KG in der Alfred-Schütte-Straße in Köln führt. Die Firma mit weltweit 700 Mitarbeitern produziert Werkzeugmaschinen – und das seit fast 130 Jahren.

Aber in diesem Jahr herrschte Stille im Werk von Schütte und von vielen anderen Herstellern von Werkzeugmaschinen, die stets das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft waren. In ihrer Branche läuft wenig, auch wenn die Wirtschaft sich in den vergangenen Monaten wieder ein wenig vom Schock der Finanzkrise im Herbst 2008 berappelt hat. Welckers Mitarbeiter, fast alle hochqualifiziert, arbeiten noch „massiv kurz“, wie er sagt. Entlassen hat er niemanden. Er hofft auf Besserung.

„Was die Konjunktur angeht, sind wir Nachläufer“

Aber die Schütte GmbH wird die zaghafte Erholung noch lange nicht spüren. So ist das bei Werkzeugmaschinenbauern. Ihnen geht es wie Autofahrern in einem langen Stau, der sich aufzulösen beginnt. Während die ersten wieder Gas geben, muss der Schütte-Chef warten, bis er Bewegungen erkennt und endlich losfahren kann.

So funktioniert der Aufschwung, der 2010 immer mehr Branchen erfassen wird. „Was die Konjunktur angeht, sind wir Nachläufer“, sagt Welcker. Doch die Erholung wird kommen, da ist er zuversichtlich. „Im zweiten Halbjahr 2010 werden wir es an den Auftragseingängen spüren.“

Mit seinem vorsichtigen Optimismus ist Carl Martin Welcker nicht ganz allein. Die Konjunkturforscher geben ihm recht. Man wird wohl hoffen dürfen auf einen Aufschwung im kommenden Jahr. Das sagen sie alle. Sie sagen aber auch, dass dieses bisschen Wirtschaftswachstum auf einem viel niedrigeren Niveau einsetzt als vor der Krise, die Deutschlands Volkswirtschaft zig Milliarden Euro kostete. Noch ist nichts wieder, wie es mal war.

Doch zunächst zum Hoffnungsschimmer: Die deutsche Wirtschaft wird 2010 wieder wachsen, das versprechen die Ökonomen. Und diesmal sind sie sich darin einig, anders als Ende vergangenen Jahres, als sie noch unter dem Schock des Zusammenbruchs der Lehman Bank standen und ihre Rechenmodelle zur Vorhersage des künftigen Wirtschaftswachstums ihnen die Auskunft versagten. Heute sagen sie voraus, dass die Wirtschaft im nächsten Jahr 1,2 und 2 Prozent zulegen könnte. Diese Spanne geben die Prognosen her (siehe Grafik). Die Ökonomen speisen ihre Zuversicht aus den vergangenen Monaten, die schon beachtliche Wachstumsraten aufwiesen und vermuten lassen, dass die Wirtschaftswelt das Schlimmste überstanden hat. Viele Volkswirte haben ihre Vorhersagen kürzlich sogar noch einmal erhöht.

Aber manche Branchen profitieren früher vom Aufschwung als Werkzeugmaschinenbauer wie Welcker. Vor ihnen sind die Hersteller von Kraftwagen oder die Chemie-Industrie dran. Bei ihnen hat das Ausland schon wieder kräftig bestellt, allen voran China und andere Schwellenländer. Glaubt man dem Chef-Ökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, dann hätte Deutschlands Wirtschaft ohne sie keine Chance. Aber bis etwa ein Hersteller von Kraftwagenteilen bei dem Mittelständler Schütte eine neue Schleifmaschine ordert, wird es dauern. Bevor sie investieren, müssen viele Unternehmen ihre Bilanzen sanieren. Und das müssen sie aus eigener Kraft tun, da Finanzierungen von den Banken nicht leicht zu bekommen sind. Auch das kostet Zeit und Kraft, die dem Aufschwung von 2010 fehlen werden.

Von zwei vollen Schichten noch weit entfernt

Die erhofften Wachstumsraten sollten auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Leistung der deutschen Wirtschaft nach dem Lehman-Schock regelrecht abgesackt ist. „Wir dürfen nicht nur auf die Zuwachsraten schauen, sondern auch auf das in Euro gemessene Niveau des Bruttoinlandsprodukts“, mahnt Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank. Zwar sei die Wirtschaft in diesem Jahr drei Quartale lang recht ordentlich gewachsen. Aber zum Jahreswechsel wurde kaum ein Viertel des Einbruchs aufgeholt, den die Unternehmen in der schweren Rezession zuvor erlitten haben. „Wir starten auf einem wesentlich tieferen Niveau“, meint Krämer. Ökonomen schätzen, dass es Jahre dauert, bis diese Verluste aufgeholt sind. „Nicht nur die deutsche Wirtschaft wird sich nach dem Platzen der Schuldenblase noch lange mit niedrig ausgelasteten Produktionskapazitäten und einer quälend hohen Arbeitslosigkeit herumschlagen müssen“, warnt Krämer.

Für andere Länder gilt das ebenso, allen voran für die europäischen und die Vereinigten Staaten, die aus Deutschland seit jeher viel importieren und von deren Wohl und Wehe die Exportnation maßgeblich abhängt. Werkhallen, Maschinen, Lastwagen, Läger, Belegschaften – alles ist also noch überdimensioniert und wird es auch länger bleiben, weil das Produktions- und Umsatzniveau so dramatisch geschrumpft sind. Die gesamte Wirtschaft befindet sich auf dem Niveau des ersten Halbjahres 2006. Und manche Branchen sind sogar noch weit dahinter zurückgefallen.

Wenn also Carl Martin Welcker im Jahr 2010 tatsächlich wieder mehr Aufträge für seine hochkomplexen Schleifmaschinen bekommen sollte, werden bei der Schütte GmbH Schritt für Schritt wieder Maschinen angeworfen. Von zwei vollen Schichten, wie vor der Krise, ist man noch weit entfernt. So sieht Niveauverlust aus.

Ganze Branchen verharren zwischen Hoffen und Bangen

Dauerhafte Produktionseinbrüche sind ein typisches Begleitphänomen von Banken- oder Finanzkrisen. Der Internationale Währungsfonds hat das bei einer Analyse großer Finanzkrisen festgestellt, für die man sich bis ins 19. Jahrhundert zurückbegeben hat. Der Börsenkrach von 1929 und der Beinahe-Kollaps der globalen Finanzmärkte im Herbst 2008 waren sicher die größten Krisen. In aller Regel gelang es einer Volkswirtschaft danach nicht, die Zäsur ohne tiefe Spuren und auf kürzere Sicht hinter sich zu lassen. Im Gegenteil: Meist wird viel weniger produziert als vorher, und das über Jahre. Der Weg zurück zum früheren Niveau ist mühsam und nur auf mittlere Sicht erreichbar.

Mittlere Sicht – das sind nach Erkenntnissen des IWF jene biblischen sieben Jahre der Dürre, die den fetten folgen. Und selbst nach dieser Zeitspanne blieb die Wirtschaftsleistung im Durchschnitt noch immer zehn Prozent unter dem Level, das sie ohne Krise erreicht hätte.

Zurück zur Gegenwart. Wir wachsen wieder – immerhin. Doch es bleibt prekär. Ganze Branchen verharren zwischen Hoffen und Bangen. Viele Unternehmen könnten 2010 vom Markt verschwinden. Die Anpassung an das niedrigere Niveau steht erst noch bevor. Auch am Arbeitsmarkt. „2010 wird für viele ein Jahr der Bewährungsprobe sein“, sagt Welcker und meint seine Branche. „Selbst wenn sich die Auftragslage tatsächlich bessert.“ Für Unternehmen, deren Liquidität in den nächsten Monaten nicht gesichert sei, werde es schwierig. Liquidität brauchten die Unternehmen nämlich, um Aufträge vorzufinanzieren – so sie denn wirklich kommen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kloepfer, Inge (ink.)
Inge Kloepfer
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandKölnDeutsche Bank