Sinkende Zahlen

Das Ende des Smartphones beginnt

Von Jonas Jansen und Thiemo Heeg
 - 06:32

Kurz vor dem Start der Mobilfunkmesse MWC in Barcelona haben Marktforscher von Gartner eine alarmierende Nachricht veröffentlicht. Zum ersten Mal in der Geschichte des Smartphones verkauften die Hersteller im wichtigen Weihnachtsgeschäft weniger Geräte. Bisher kannte die Industrie nur eine Richtung: nach oben. Im vierten Quartal 2016 wurden rekordträchtige 432 Millionen internetfähige Handys abgesetzt. Im vierten Quartal 2017 waren es nur 408 Millionen – 5,6 Prozent weniger. Ist das die Zeitenwende? Das Ende des Smartphone-Booms? Brauchen wir solche Alleskönner noch, wenn künftig alles miteinander vernetzt ist? Und was bedeutet das für Messen wie den Mobile World Congress?

Mehr als 100.000 Besucher zählt die größte Mobilfunkmesse der Welt, wo gut 2.300 Unternehmen von Montag bis Donnerstag ihre Produkte vorstellen. Tim Höttges von der Telekom oder Vittorio Colao von Vodafone sind nur zwei von vielen Unternehmenschefs, die Vorträge halten, mehr als Tausend Firmenlenker haben sich angekündigt, um auf der Messe Kontakte zu knüpfen und Verträge auszuhandeln. Begleitet wird das von einer großen Produktschau: Wenn Samsung sein neues Top-Smartphone präsentiert, lauschen noch immer Heerscharen von Analysten, Journalisten und Tech-Blogger, obwohl die meisten Einzelheiten schon vorher durchsickern: Auch am gestrigen Sonntag war schon vor der Verkündung am Abend bekannt, dass das Modell S9 ein 5,8 beziehungsweise 6,2 Zoll (Variante Plus) großes Super-Amoled-Display hat. Natürlich die beste Kamera aller Zeiten, die Videos im hochauflösenden 4k-Standard aufnehmen kann und in der Plus-Variante über zwei Sensoren verfügt. 850 beziehungsweise 950 Euro will Samsung dafür haben; fast ein Schnäppchen im Vergleich zum iPhone X, für das der Branchenrivale Apple mindestens 1149 Euro verlangt.

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„Creating a better future.“

Ob Themen wie diese auch künftig noch die Mobilfunkwelt bewegen, ist fraglich. Denn der MWC wandelt sich genauso, wie die Branche und die Gesellschaft insgesamt. Das Konferenzmotto in diesem Jahr stapelt hoch, weit über Geräte hinaus: „Creating a better future“. In einer besseren Zukunft spielen neue Handymodelle nur noch eine Nebenrolle. Telekom-Technologievorstand Claudia Nemat formuliert es im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung so: „Nicht morgen, aber vielleicht in zehn Jahren. Das Handy wird in vielen Bereichen ersetzt, davon bin ich überzeugt. Wir werden unser Leben definitiv nicht mehr so an den Bedingungen des Smartphones ausrichten, wie wir es momentan tun.“

Ein vielleicht noch größeres Schlagwort für die Digitalisierung heißt in Barcelona deshalb 5G. Das ist der neue Mobilfunkstandard, mit dem nicht nur smarte Städte, sondern auch das autonome Fahren ermöglicht werden soll. Der Technologiekonzern Intel hat am Sonntag Bilanz gezogen, wie die technische Ausstattung der Olympischen Spiele in Südkorea funktioniert hat. Gemeinsam mit der Koreanischen Telekom haben die Amerikaner zwei Dutzend 5G-Netze installiert, sie haben mit Kameras verschiedene Sportarten wie Eisschnelllaufen live in virtueller Realität übertragen und Echtzeitdaten der Sportler direkt an der Strecke für die Zuschauer verfügbar gemacht. Das Sportereignis war damit eines der größten Testfelder für den Einsatz von 5G-Technik bislang. Für die Sommerspiele in zwei Jahren in Tokio arbeitet Intel dann mit dem größten japanischen Mobilfunkanbieter NTT Docomo zusammen. „Wir beginnen gerade erst damit, an der Oberfläche dessen zu kratzen, was 5G für die Industrie tun kann“, sagte indes Nokia-Chef Rajeev Suri am Sonntag. Gemeinsam mit der Telekom testet das finnische Unternehmen auf 8000 Hektar im Hamburger Hafen, wie künftig Ampeln gesteuert werden können oder Umweltdaten gemessen werden.

Das Beratungsunternehmen Accenture zeigt, wie sich Technologien wie virtuelle und erweiterte Realität (VR/AR) oder Künstliche Intelligenz (KI) konkret einsetzen lassen. Gemeinsam mit dem Ölkonzern Shell wurde eine Vision von der „Tankstelle der Zukunft“ entwickelt. In einer Animations-App ist zu sehen, wie Ladestationen für Elektroautos zum Angebot gehören, ebenso wie Drohnen-Lieferstationen oder große Aufenthaltsbereiche für Autofahrer. Im Einzelhandel reagiert die „interaktive Umkleidekabine“ auf bestimmte Kleidungsstücke. Wählt eine Kundin ein Abendkleid, wird das Licht gedimmt, es ertönen sanfte Jazzklänge, und ein Monitor zeigt Szenen aus einem Tanzsaal ebenso wie passende Accessoires. Eine dritte Demo soll den Segen von KI zeigen. Mit Hilfe der Anwendung „Drishti“, die auf KI-Technologien wie einer automatischen Bild- und Spracherkennung basiert, können Sehbehinderte demnach das Smartphone zum „erweiterten Auge“ machen.

Freilich ist das Handygeschäft noch längst nicht tot. Vor allem nicht, wenn man den Blick weitet. Allein in Deutschland werden mit Endgeräten, Daten- und Sprachdiensten, Anwendungen und Infrastruktur 33,3 Milliarden Euro umgesetzt. Auf Smartphones entfallen davon 10,1 Milliarden Euro, auf Daten- und Sprachdienste 19,7 Milliarden Euro, auf Apps 1,5 Milliarden Euro. „Wohl noch nie in der Wirtschaftsgeschichte ist in so kurzer Zeit rund um einen einzelnen Gerätetyp ein so großer Markt entstanden“, sagt Bitkom-Präsidiumsmitglied Markus Haas, Deutschland-Chef des Mobilfunkunternehmens Telefónica.

Und die positive Nachricht für die Handyhersteller: Auch mit den Geräten selbst lassen sich weiterhin gute Geschäfte machen. Denn trotz rückläufigen Absatzes steigen die Erlöse. Vor zwei Jahren legten Verbraucher für ein Smartphone 386 Euro auf den Tisch, 2017 waren es 419 Euro und in diesem Jahr voraussichtlich 426 Euro, hat der Bitkom ausgerechnet.

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Das ist viel Geld, aber schließlich befinden sich die Deutschen nach wie vor „im Smartphone-Rausch“, wie eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Deloitte feststellt. Fast jeder Bürger habe einen der digitalen Allrounder in der Tasche und nutze ihn rund um die Uhr. Die 18- bis 24-Jährigen schauen demnach 56 Mal am Tag auf ihr Gerät, Rentner neunmal, so dass sich im Schnitt altersübergreifend 30 tägliche Blickkontakte mit dem Handy ergeben. Und das überall: auf der Arbeit, zuhause, als „second screen“ beim Fernsehen, im Laden, in Bus und Bahn und während des Essens. Allerdings geben inzwischen 46 Prozent der Befragten an, ihren Smartphone-Konsum einschränken zu wollen. „Ganz offensichtlich lässt sich der Smartphone-Konsum nicht ins Unermessliche steigern“, resümiert Deloitte-Partner Andreas Gentner. Auch auf dem MWC in Barcelona hat sich das schon herumgesprochen.

Quelle: F.A.Z.
Jonas Jansen
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.
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