Künstliche Intelligenz

Große Gefahr, übertriebene Angst – was denn nun?

Von Alexander Armbruster, Berlin
 - 10:47

Henry Kissinger schlägt Alarm. Kurz vor seinem 95. Geburtstag warnt der frühere amerikanische Außenminister und Friedensnobelpreisträger vor den Folgen immer schlauer werdender Software. Künstliche Intelligenz (KI) werde eine gewaltige Transformation auslösen, schreibt er in einem Aufsatz für das Magazin „The Atlantic“ und schlägt unter der dramatischen Überschrift „Das Ende der Aufklärung“ den ganz großen historischen Bogen: Bislang, so Kissinger, sei die veränderungsstärkste technische Erfindung die Druckerpresse gewesen, in deren Folge Vernunft zunehmend an die Stelle der Religion und wissenschaftliche Erkenntnis und persönlicher Sachverstand an den Platz von Schicksalsgläubigkeit getreten seien. Informationen konnten gespeichert, in Bibliotheken systematisiert und leicht(er) an künftige Generationen weitergegeben werden.

Das habe die Weltordnung bis heute geprägt, urteilt der erfahrene Politologe und sagt nun voraus, dass eine noch folgenschwerere Umwälzung bevorstehe durch den Aufstieg kompetenterer Computer. Möglich sei eine „Welt, die auf Maschinen basiert, die von Daten und Algorithmen angetrieben werden und unregiert von ethischen oder philosophischen Normen“. „Individuen werden zu Daten, und Daten werden beherrschend.“ Und dann fragt er gar: „Was geschieht, wenn Künstliche Intelligenz den Menschen übersteigt (…) und Gesellschaften nicht länger in der Lage sind, die Welt, die sie bewohnen, in einer Art und Weise zu interpretieren, die bedeutungsvoll für sie ist?“

Deutschland muss mehr tun

An drastischen Warnungen mangelt es in der Diskussion um Künstliche Intelligenz derzeit wahrlich nicht, und es sind nicht nur Philosophen, Soziologen und Historiker, die diese Töne anschlagen. Und es geht nicht dabei nicht nur um den Vergleich zwischen Mensch und Maschine, es geht auch um einen zunehmenden Wettbewerb um Toptalente, zwischen Tech-Konzernen und Nationen. Chinas Führung möchte die Volksrepublik bis zum Jahr 2030 zur führenden KI-Nation des Planeten machen. Im Silicon Valley an der amerikanischen Westküste investieren Unternehmen Milliarden in schnellere Rechner, größere Datenmengen und cleverer Computerprogramme.

„Wir sitzen zwischen zwei Riesen, die daran arbeiten mit großem Einsatz“, sagt Fabian Westerheide. Er ist Unternehmer, Wagniskapitalgeber und derjenige, der die Berliner Konferenz „Rise of AI“ organisiert, die mittlerweile mit 700 Teilnehmern ein veritables KI-Treffen in Deutschland geworden ist. Hier treffen sich Vertreter großer Konzerne mit solchen junger Startups.

In der Telekom-Dependance in Berlin präsentieren sich junge Unternehmen, die öffentlich wenig bekannte Namen tragen wie Parlamind, Sightcorp oder Verne Global. Sie arbeiten an Programmen, die Kundenbeschwerden verstehen und beantworten oder die am Gesichtsausdruck erkennen können, ob sich jemand freut oder ärgert. Sony präsentiert das Playstation-Spiel „Detroit: Become Human“, das im Jahr 2038 spielt in einer imaginären Welt, in der Roboter so weit entwickelt sind, dass sie nicht mehr ohne weiteres vom Menschen unterschieden werden können.

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Künstliche IntelligenzWo steht Deutschland?

Deutschland muss mehr tun, um nicht abgehängt zu werden, mahnt Westerheide. Gemeinsam mit Mitarbeitern der Unternehmensberatung Roland Berger hat er Tausende Unternehmen auf der ganzen Welt analysiert und eine KI-Landkarte erstellt. Der Befund ist aus deutscher Sicht alarmierend: 40 Prozent der relevanten KI-Unternehmen sitzen seiner Analyse zufolge derzeit in den Vereinigten Staaten, jeweils 11 Prozent in China und Israel, deutlich dahinter folgten dann in Europa erst Großbritannien und anschließend Deutschland und Frankreich.

„Sollen unsere Autos und Häuser in Amerika oder China programmiert werden?“, fragt er und erklärt, warum das aus seiner Sicht ein Problem sein kann: „Unsere Werte werden nur repräsentiert werden in unserer Software, wenn wir das selbst machen.“ Mit „wir“ meint er Europa, weil er sogar die große Volkswirtschaft Deutschland für zu klein hält, um allein eine gewichtige Rolle spielen zu können. Und er bekräftigt, dass er darin vor allem eine gewaltige Chance sieht: „Künstliche Intelligenz ist keine Bedrohung, sie killt eben nicht unsere Arbeitsplätze.“

Und sie ist womöglich auch eine Technologie, die Europa ermöglicht, zu den derzeit führenden Technik-Konzernen der Welt aufzuschließen, sie vielleicht sogar zu entmachten. Das hält zumindest Charles-Edouard Bouée für durchaus denkbar. Der Roland-Berger-Chef gibt zwar zu, dass die jüngste KI-Fortschrittswelle noch von den „GAFA“ beherrscht wird, also den amerikanischen Unternehmen Google, Amazon, Facebook und Apple. Allerdings sei diese Dominanz nicht naturgegeben, sagt er und verrät auch, wie sie konkret schwinden könnte: durch kleine, kluge, persönliche, digitale Assistenten, die jedem Menschen helfen, sein Leben zu organisieren und alle möglichen lästigen Alltagsroutinen zu übernehmen – etwa Flüge buchen oder Hosen bestellen oder Termine mit Freunden ausmachen.

Verstehen Maschinen nicht?

Tragbare KI ist aus seiner Sicht die nächste große Entwicklung, die auch eine auf Werbung basierende Suchmaschine herausfordere. Die Suchmaschinen benutze dann nämlich kaum noch eine natürliche Person, sondern eben das technische Helferlein. „In einer Welt portabler KI gibt es nahezu keinen Grund mehr für Werbung“, postuliert er und muss gar nicht ausdrücklich hinzufügen, dass das derzeit die zentrale Ertragsquelle etwa für Alphabet und Facebook ist. Plattformen wie Uber oder Airbnb würden infolgedessen ebenfalls weniger bedeutend. Bouée hat dabei nicht die nächsten Monate im Sinn, sondern spricht von einer Zehnjahresspanne. Und er lässt außen vor, dass derzeit digitale Assistenten von genau jenen Tech-Konzernen angeboten werden. Wenigstens, so relativiert er, sei das Rennen in diesem Bereich noch nicht entschieden.

Was auch daran liegt, dass die Fähigkeiten der digitalen Assistenten erst am Anfang stehen. Und wenn von Künstlicher Intelligenz die Rede ist, in der Regel Computerprogramme gemeint sind, die in speziellen, stark eingegrenzten Bereichen übermenschliche Fähigkeiten erreichen. „Maschinen, die heute existieren, verstehen nicht, sondern vergleichen nur“, versucht Chris Boos den Zuhörern regelrecht einzuhämmern. Er ist Informatiker, Gründer und Chef des deutschen KI-Unternehmens Arago und sorgt sich derzeit vor allem darum, dass viele Menschen grundlos in Panik verfallen und den Fortschritt in der KI schlicht weit überschätzen. „Ein Roboter, der sagt, dass er dich liebt, und auch weiß, was das bedeutet, den wird es noch lange nicht geben“; derzeit sei das bestenfalls Zukunftsmusik. „Es gibt bis heute kein digitales Leben auf der Welt.“

Natürlich sei das wesentlich eine philosophische Frage, was etwa Verstehen und Meinen sind, gibt der KI-Professor Peter Bentley zu, der am University College in London forscht. Und ob diese philosophische Diskussion überhaupt wichtig ist, sei ebenfalls nicht klar. Darum geht es aber auch dem Unternehmer Boos nicht. Er warnt davor, sich von einem Hype mitreißen zu lassen, und weist noch auf eine andere wichtige Unterscheidung hin: Das derzeit angesagte, auf großen Datenmengen basierende „Deep Learning“ ist nur ein Teilbereich der Künstlichen Intelligenz, das sei nicht „der“ einzelne Algorithmus, der am Ende alles können werde. Stefan Wess, Informatiker, Gründer des Unternehmens Empolis und Aufsichtsratsmitglied des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, gibt gar zu, er hasse die Bezeichnung Künstliche Intelligenz, „weil sie viele Emotionen kreiert und wir uns schwerer tun, die wichtigen Folgen dieser Entwicklung einzuschätzen, wenn wir uns im Science-Fiction-Modus befinden“.

Den Start-up-Unternehmern ist solche Begriffsklauberei indes eher nebensächlich. Wie übrigens auch den Tüftlern in den Laboren von Google oder Facebook, die Programme entwickeln, die Milliarden Menschen nutzen. Was sie alle wiederum eint, ist die Ansicht, dass derzeit wichtige Weichen gestellt werden. Sie teilen die gerade auch von der Kanzlerin geäußerte Auffassung, wonach Deutschland Gefahr laufe, den Anschluss zu verlieren.

Und auch daran, dass die Welt insgesamt vor einer großen Umwälzung steht, zweifelt kaum jemand. Da trifft sich erstaunlicherweise der nüchterne britische KI-Wissenschaftler Peter Bentley mit dem Altpolitiker Henry Kissinger: Wenn die Welt immer komplizierter werde, dann „könnte es sein, dass wir einfach nicht mehr clever genug sind, um auf uns selbst aufzupassen“.

Quelle: F.A.Z.
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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