Selbstfahrende Fahrzeuge

„Das autonome Auto wird eine Supermacht“

Von Corinna Budras
 - 12:54

Herr Rahwan, haben Sie schon einmal in einem autonom fahrenden Auto gesessen?

Oh ja. Das ist schon ziemlich lange her, bestimmt sieben Jahre. Bevor ich zum Massachusetts Institute of Technology nach Boston kam, habe ich im Masdar Institute in Abu Dhabi gearbeitet. Dieses Institut ist Teil einer nachhaltigen Stadt, die in der Wüste liegt und über Solarenergie versorgt wird. Ziel ist es dort, komplett CO2-neutral zu sein, deshalb musste ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit mein normales Auto vor der Stadt abstellen und in ein kleines, selbstfahrendes Auto für vier Leute umsteigen, um zu meinem Institut zu kommen. Am Nachmittag fuhr das Fahrzeug wieder zurück zum Parkhaus, wo mein Auto parkte. Das waren natürlich wesentlich einfachere Konstruktionen als die, die wir heute im Google Car oder bei Tesla sehen. Sie fuhren nicht im normalen Straßenverkehr, sondern auf eigens dafür eingerichteten Straßen. Das war das erste Mal, dass ich damit in Berührung kam.

Rührt daher Ihr Interesse an selbstfahrenden Autos?

Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, in diesem Bereich zu forschen, ich habe diese Technologie zunächst nur als normaler Nutzer wahrgenommen. Es war schon wirklich ein merkwürdiges Gefühl, weil es völlig unmöglich ist, das Verhalten dieses Fahrzeugs vorherzusagen. Ich habe dann angefangen, einen mentalen Monolog darüber zu führen, unter welchen Voraussetzungen es wohl anhalten oder beschleunigen würde. Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe. Später war es sehr interessant, Freunde oder Kollegen mitzunehmen und zu sehen, wie diese Fahrzeuge einerseits Faszination, andererseits aber auch Unbehagen auslösen.

Inzwischen beschäftigen Sie sich auch als Forscher damit. Wie groß sind denn die Vorbehalte?

Die Menschen müssen ganz erhebliche psychologische Hürden überwinden, ehe sie sich in ein wirklich autonom fahrendes Auto setzen. Das wird bisher immer unterschätzt. Die Autoindustrie hat anfangs diese Diskussion gemieden, weil sie auch schwierig ist. Deshalb haben sie sich auf die technischen Aspekte konzentriert. Das Vertrauen in die Technologie hängt aber nicht nur von den technischen Fähigkeiten, sondern auch von der psychologischen Wahrnehmung ab. Wenn die Menschen nicht bereit sind, ihr Leben in die Hände der Künstlichen Intelligenz zu legen, bringt uns der ganze technische Fortschritt nichts. Die Kunden werden das Produkt nicht kaufen, es wird sich nicht lohnen, darin zu investieren. Das war es dann.

Was fürchten die Menschen denn konkret?

Die Menschen sind im Moment noch nicht bereit dazu, selbstfahrenden Autos zu vertrauen. Einige Gründe dafür sind technischer Natur. Es bestehen ernsthafte Zweifel, ob ein Auto überhaupt in der Lage ist, all die Versprechen zu erfüllen, die die Autoindustrie macht. Ein anderes Problem ist die Vorhersehbarkeit, ohne die können Sie kein Vertrauen schaffen. Aber die ethischen Dilemmata sind ähnlich gravierend.

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir das Beispiel eines unvermeidbaren Unfalls. Das Auto hat in diesem Fall nur die Wahl zwischen zwei Handlungen: Die eine verletzt den Fahrer, die andere trifft spielende Kinder auf der Straße. Was soll das Auto tun, und wer sollte darüber entscheiden? Die Menschen fühlen sich schlicht unwohl bei dem Gedanken, dass eine Maschine eine Entscheidung von moralischer Tragweite treffen kann. Das hat es zuvor noch nie gegeben. Da können Sie den Menschen noch so oft sagen, dass diese Autos den Straßenverkehr sicherer machen, es wird nicht helfen. In der Vergangenheit waren Maschinen Hilfsmittel, jetzt treffen sie auf einmal ethische Entscheidungen. Daran müssen wir uns erst einmal gewöhnen.

Aber es sind doch die Ingenieure, die die Vorgaben für diese Entscheidungen machen.

Wir stehen noch ganz am Anfang einer Diskussion. Die Autoindustrie ist natürlich bereit, das zu tun, was sozial akzeptiert ist. Dabei wissen wir noch gar nicht, was das sein soll. Es gibt dazu kaum Umfragen. Hinzu kommt, dass die Autohersteller ihre eigenen Interessen verfolgen. Natürlich können sie sagen: Wir programmieren das Auto so, dass der Schaden generell so gering wie möglich ausfällt. Aber als Fahrer möchte ich natürlich zuallererst, dass mein Auto den Schaden für mich reduziert. Da ist schon der erste Konflikt zwischen dem, was persönlich gewünscht und sozial akzeptiert ist. Das müssen wir klären. Unsere Forschung hat gezeigt, dass die Autos schlicht nicht gekauft werden, wenn die Autoindustrie verpflichtet wird, den Schaden für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten, selbst wenn die Sicherheit des Fahrers gar nicht berührt ist. Allein die Vorstellung, das Auto könnte Entscheidungen treffen, die darauf hinauslaufen, dass der Fahrer geopfert wird, verängstigt die Menschen. Das führt zu einer Art psychologischer Überreaktion.

Gibt es dafür eine Lösung?

Wir müssen einen Kompromiss finden, der akzeptabel ist. Es geht ja nicht darum, ein mathematisches Problem zu lösen, sondern darum, einen Vertrag auszuhandeln. Sie müssen die richtige Balance finden; Sie wollen Kunden für das Auto begeistern und gleichzeitig andere Verkehrsteilnehmer nicht benachteiligen. Diese Kompromisse sind ja in unserer Gesellschaft nicht unbekannt, sie stellen sich auch in ganz anderen Bereichen: Wo sollen wir Krankenhäuser bauen? Wie teuer darf die Krebsforschung sein? Der Unterschied ist: In vielen Bereichen delegieren wir die Entscheidungen an Experten, weil die Fragestellungen so kompliziert sind, dass eine Menge Expertenwissen nötig ist, um überhaupt in die Diskussion einzusteigen. Das ist in dieser Frage anders: Die Leute haben klare Vorstellungen vom Autofahren, deshalb wollen sie mitreden. Und schließlich sind es die Kunden, die überzeugt werden müssen, ein Auto zu kaufen.

Ist denn eine sachliche Diskussion möglich?

Die Gesellschaft tendiert dazu, bei Autounfällen mit autonomen Autos überzureagieren. Das haben wir im vergangenen Jahr gesehen, als es den tödlichen Unfall eines Tesla-Fahrers gab. Der Unfall hat mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen als jeder andere Unfall an diesem Tag oder sogar in diesem Jahr. Irgendwann wird es einen Unfall geben, an dem dritte Personen beteiligt sind, die nicht im Auto waren. Das wird ähnliche Diskussionen auslösen.

Wäre dies das vorschnelle Ende der Technologie?

Es könnte jedenfalls dazu führen, dass die Menschen überreagieren und der Technologie misstrauen, obwohl sie objektiv mehr Sicherheit bringt. Die Zahl der Unfälle wird aller Voraussicht nach zurückgehen. Trotzdem löst es ein Unbehagen bei den Menschen aus, dass ein Algorithmus einen Schaden anrichten kann. Viele Menschen haben auch Angst vor dem Fliegen, weil sie denken, es ist gefährlich – dabei sind Autos viel risikoreicher.

Aber interessanterweise scheint es auch das Gegenteil zu geben: Menschen, die dem System zu viel zutrauen, und deshalb ihre Hände beim derzeitigen Stand der Technik nicht wie vorgeschrieben am Lenkrad halten.

Diese Personen sind aber nicht repräsentativ für den Rest der Bevölkerung. Sie sind wohlhabender, sehr autoaffin und risikofreudiger. In den Vereinigten Staaten zeigen Umfragen, dass 78 Prozent der Befragten der Technologie nicht trauen, während 19 Prozent der Menschen sagen, sie hätten keine Vorbehalte. Das zeigt ziemlich deutlich, dass das Vertrauen noch nicht gewonnen ist. Die Autoindustrie sollte nur versprechen, was sie auch halten kann, nämlich dass der Straßenverkehr insgesamt sicherer wird. Sie sollte sich davor hüten zu versprechen, dass es keine Dilemmata geben wird.

Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Vor kurzer Zeit hat eine Ethikkommission unter Leitung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Di Fabio in Deutschland Richtlinien aufgestellt, dass Autos in Dilemma- Situationen nicht nach Alter, Geschlecht oder Herkunft entscheiden sollten. Ist das eine gute Lösung?

Das könnte ein Prinzip sein, doch das Problem dabei ist: Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Menschen sehr wohl diese Unterscheidung treffen wollen. Es gibt in der Gesellschaft zumindest ein großes Bedürfnis, Kinder gegenüber älteren Menschen zu bevorzugen. Das muss der Gesetzgeber regeln.

Macht es die Sache komplizierter, dass es Unfälle nicht mehr als Schicksalsschlag geben wird, sondern als ein vorher bestimmbares Ereignis?

Das selbstfahrende Auto wird in meinen Augen eine Art neue Supermacht. Wir können erstmals überlegte Entscheidungen treffen, lange bevor das Ereignis tatsächlich eintritt und sind nicht mehr auf unsere Instinkte angewiesen. Das sind ganz neue Möglichkeiten, die wir vorher nicht hatten. Jetzt ist die Frage, wie wir diese nutzen. Wir können uns natürlich auch dafür entscheiden, dass wir das willkürliche menschliche Verhalten in Unfallsituationen simulieren. Aber ich denke, wir können das besser. Die Frage ist nur, wie.

Quelle: F.A.S.
Corinna Budras - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMITTesla