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„Google verfügt über tolle Daten, die wir schlicht nicht haben“

Von Alexander Armbruster
 - 13:19

Deutschland und Europa müssen nach Ansicht führender Wissenschaftler mehr tun, um in der Erforschung und Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) nicht den Anschluss zu verlieren. „Der Brain Drain findet statt: Die Leute gehen in die Vereinigten Staaten, weil sie dort riesige Gehälter bekommen und eine tolle Umgebung für Wissenschaftler“, sagt Gerhard Lakemeyer, Präsident der europäischen KI-Forschervereinigung EurAI und Informatikprofessor an der Universität Aachen. Er fügt hinzu: „Abgeworben werden nicht nur Studenten, sondern auch Professoren.“

Dabei hat Lakemeyer nicht nur renommierte Fakultäten im Blick, wie es sie etwa am MIT in Boston oder an der Stanford-Universität gibt. Er verweist gerade auch auf die Technologie-Konzerne, die derzeit auf der ganzen Welt Talente anheuern und zusehends mit den Universitäten konkurrieren. „Unternehmen wie Google verfügen über Rechenleistung und vor allem viele tolle Daten, die wir an den Unis schlicht nicht haben“, erklärt Lakemeyer.

Er knüpft mit seiner Warnung an eine Initiative an, die europäische Spitzenforscher im „maschinellen Lernen“ gerade gestartet haben. Als „maschinelles Lernen“ wird das auf gewaltigen Datenmengen und riesiger Rechenleistung basierenden Teilgebiet der KI bezeichnet, das derzeit besonders angesagt ist. Sie regen einen länderübergreifenden Forschungsverbund an („European Lab for Learning & Intelligent Systems“, Ellis). Dieser soll eine akademische Ausbildung und daran anschließende Wissenschaftskarriere auf allerhöchstem Niveau in Europa ermöglichen – ausdrücklich auch, um der Konkurrenz durch forschungsstarke Unternehmen in Übersee mehr entgegenzusetzen. Zu den Unterzeichnern zählen etwa Bernhard Schölkopf vom Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Zoubin Ghahramani von der Universität Cambridge und Max Welling von der Universität Amsterdam.

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„Wir brauchen ein CERN für KI“

Der Aufruf hat prominente Resonanz erzeugt. Yoshua Bengio, der in Montreal maschinelles Lernen erforscht und seit Jahrzehnten zu den führenden Leuten der Welt zählt, befürwortet einen solchen Forschungsverbund als „essentiell für die europäische Wirtschaft“. Yann LeCun, verantwortlicher KI-Forscher von Facebook und Vordenker auf dem Gebiet der sogenannten künstlichen neuronalen Netze, lobt den Aufruf. Garth Gibson, Leiter der noch jungen KI-Denkfabrik „Vector Institute“ in Toronto, hält „Ellis“ ebenfalls für eine gute Idee.

„Die Ellis-Initiative geht in die richtige Richtung“, findet auch EurAI-Präsident Lakemeyer: „Maschinelles Lernen ist ein heißes Thema mit beeindruckenden Fortschritten in den vergangenen Jahren – etwa in der Mustererkennung, Sprachverarbeitung und Übersetzung.“ Google sei als Arbeitgeber mittlerweile eben gerade auch attraktiv für solche Akademiker, die ihr Leben lang Grundlagenforschung betreiben wollen. „Die Wissenschaftler können veröffentlichen, woran sie Interesse haben, und sind auf den wichtigen Fachkonferenzen präsent“, sagt er. Zu den Koryphäen des maschinellen Lernens, die mittlerweile in Diensten Googles stehen, zählen beispielsweise Geoffrey Hinton, Ian Goodfellow und Fei-Fei Li.

Lakemeyer teilt seinerseits den Ellis-Aufruf auch nicht uneingeschränkt. Er hält für falsch, dass die Forscher ihn allein auf das maschinelle Lernen beziehen, und würde trotz der derzeitigen Popularität dieses Forschungszweiges die Künstliche Intelligenz insgesamt mit allen anderen Methoden einbeziehen. Zudem hält er die existierenden Möglichkeiten schon für gut, in Europa einen hochwertigen Master-Abschluss oder eine Promotion in Künstlicher Intelligenz zu erzielen. Seiner Ansicht nach mangelt es aufstrebenden Forschern eher an Karrieremöglichkeiten danach. „Wir brauchten in Europa so was wie ein CERN für KI – gute Unis gibt es“, sagt er. Das CERN ist ein Spitzenlabor für Kernphysiker in Genf, an dem gut zwanzig europäische Staaten beteiligt sind, darunter Deutschland, Frankreich und Britannien.

„Ich sehe das völlig anders als Herr Wahlster“

„Ich kann nicht erkennen, dass gute Spitzenforscher nicht genügend Möglichkeiten haben, ihre Forschungen finanziert zu bekommen“, sagte hingegen Wolfgang Wahlster, der das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) führt, gerade in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Den Ellis-Aufruf findet er aus einem weiteren Punkt unnötig: „Ich halte die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung für eine unsinnige Spaltung in einem sich so rasant entwickelnden Gebiet. Wir müssen Grundlagenforschung und ihre Überführung in konkrete Anwendungen zusammen denken.“

Die zuversichtliche Einschätzung des DFKI-Chefs stößt ihrerseits auf teils harschen Widerspruch. „Ich beurteile die Wettbewerbsfähigkeit öffentlicher Institutionen im Bereich der KI-Forschung völlig anders als Herr Wahlster“, teilte der in Tübingen forschende Neurowissenschaftler Matthias Bethge FAZ.NET mit, der den Ellis-Aufruf ebenfalls unterzeichnet hat. Er ergänzte mit Bezug auf entsprechende Aussagen Wahlsters: „Eine Person anzuheuern, die mal im Silicon Valley war, hat wenig damit zu tun, ob man genügend Talente holen und halten kann, die an der Spitze der Forschung stehen.“

Europa werde die Entwicklungen in der KI „nur dann positiv mitgestalten können, wenn wir uns darum kümmern, auch einen angemessenen Anteil an den besten Forschern zu bekommen“. Bethge bekräftigte zudem, warum sich der von ihm mitgetragene Aufruf auf das maschinelle Lernen bezieht. „Die entscheidende Grundlage der Intelligenz ist die Lernfähigkeit. Daher investieren Unternehmen gerade im Bereich des maschinellen Lernens so massiv in Grundlagenforscher, die auf den führenden Konferenzen publizieren.“

Für keineswegs „unsinnig“ hält auch EurAI-Präsident Lakemeyer die Abgrenzung zwischen an den Grundlagen und eher an der Praxis orientierter Forschung, sondern diese sei eine Realität. „Die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung, wie sie das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme und Universitäten machen, und anwendungsorientierterer Forschung, wie sie das DFKI oder Fraunhofer machen, ist da“, sagt er. Die Forschungsarbeiten, die etwa Googles KI-Wissenschaftler publizieren, hält er für sehr anerkennenswert. Ihn treibe dabei eher etwas anderes um als die Qualität; es sei „nicht ganz durchsichtig, ob zum Beispiel wirklich alle wichtigen Forschungsergebnisse auch publik gemacht werden oder wir vielleicht nur die Spitze des Eisberges sehen.“

EurAI ist die Dachvereinigung der nationalen KI-Vereinigungen in Europa. Sie hat derzeit rund 4500 Mitglieder. Gegründet wurde die Organisation zu Beginn der achtziger Jahre maßgeblich von dem deutschen Informatiker Wolfgang Bibel.

Quelle: F.A.Z.
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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